Straßenkünstler

Das Alter ist nur eine Zahl

Graffiti sind auf Mauern gesprühte oder gemalte Bilder und Zeichen. Bei ihrem Anblick denkt man an junge Leute in Jeans und Hoodies, mit einem Rucksack voller Sprühdosen. Jetzt sind auch Senioren unter die Straßenkünstler gegangen

Steinalt sei sie eigentlich, meint Maria und „auch altes Gestein kann schön sein.“ Als wolle sie die doppelte Bedeutung ihrer Worte unterstreichen, nimmt sie eine Spraydose und gestaltet die Blumenranke auf der gelben Mauer noch ein bisschen eklektischer. Konzentriert überlegt sie, welcher Sprühstoß wie und wo das Wandbild komplettieren könnte. 
Maria hat die Siebzig überschritten; in ihrem früheren Leben spielte Kunst keine Rolle. Das hat sich geändert, seit sie Teil von „Großmutters Graffiti-Gang“ ist, wie die Gruppe oft scherzhaft bezeichnet wird, denn das Street Art-Team ist (bisher) weiblich dominiert. Die Damen vermuten, dass „die Männer zwar sagen, sie mögen lieber Fußball oder Petanca, aber tatsächlich trauen sie sich bloß nicht, mitzusprühen.“

Die Gruppe nennt sich selbst „Lata 65“. Der Name bezieht sich auf das Rentenalter der Straßenkünstler und ‘Lata’ heißt Dose, auch Sprühdose. Umgangssprachlich bezeichnet ‘lata’ aber auch eine beherzte Mischung aus Übermut, Furchtlosigkeit und Chuzpe. Alles fing mit einer Workshop-Serie in Covilhã an, die dazu bestimmt war, Geselligkeit und Beschäftigung für Senioren zu schaffen. Die Organisatorin Lara Seixo Rodrigues ist mit der Künstlerszene im ganzen Land vernetzt und gewann für den Workshop die Unterstützung bekannter Street Art-Künstler, die bei den Teilnehmern der Generation Gold schnell Begeisterung für bunte Farben weckten. Unter ihnen ist Portu-gals bekanntester Sprayer, der unter dem Künstlernamen ‘Adres’ bitter-ironische Bildkommentare zum Alltag des Landes sprüht.

Die Idee hat inzwischen viele Städte erreicht. Gemeinden und Privatpersonen stellen Wände zur Verfügung. Binnen kurzer Zeit fanden sich immer mehr Interessenten; gut einhundert Senior-Sprayer gibt es inzwischen im Land. Und die pensionierte Ärztin -Luísa Cortesão hat ihr gemeinsames Signet entworfen: Ein schwarz weißes Figürchen mit einer Sprühdose in der Hand, ein gebeugt gehendes Mütterchen, lächelnd und zu allem bereit. „Wir zeigen, dass Lernen auch funktioniert, wenn Jüngere ihre Fähigkeiten mit Älteren teilen“, so die Organisatorin. Hier werde eine Brücke zwischen den Generationen geschlagen und Stereo-type und Vorurteile beseitigt. Auch die professionellen Sprayer sind begeistert, denn ihre jung gebliebenen Schüler zeigten sich auch dann höchst motiviert, wenn es ganz theoretisch zugehe, bei Fragen der Sprühtechnik, der Farben und der grafischen Gestaltung.
Die Senioren zeigten in ihren Graffiti ungeheure Kreativität. „Wir geben den alten, verfallenen, 
grauen Mauern unserer Wohnorte ein bisschen Tusche und Schminke, damit sie wieder jünger aussehen“, sagt augenzwinkernd eine rüstige Sprayerin, die zum Schutz gegen die Farbe in einem Umhang aus Plastik steckt. Sie habe nie in ihrem Leben eine Wand angestrichen und bedauert nur eines: Dass es „so 
lange gedauert hat, bis ich gemerkt habe, wie viel Spaß das macht.“ Neben ihr arbeitet eine Mitstreiterin, die – „so machen das die Lackierer schließlich auch“ – eine Schutzmaske vor Mund und Nase trägt. Dahinter summt sie Lieder.
Es herrscht eine Atmosphäre von Konzentration auf das Werk und ausgelassene Fröhlichkeit von Menschen, die ihre helle Freude an dem haben, was sie tun. Maria legt, wie die meisten ihrer Mit-Sprayerinnen großen Wert darauf, ihre eigenen Schablonen anzufertigen. Und sie hat ihr eigenes tag entwickelt: Maria Luísa signiert mit ‘Armando’, dem Namen ihres verstorbenen Mannes; „ihm hätte das hier gefallen.“ Und nach einer Weile ergänzt sie: „Wir waren auch mal jung und haben das nicht vergessen. Damals hatten wir aber nicht diese Möglichkeiten. Also besser spät als nie.“
Text: Henrietta Bilawer
ESA 08/15

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