Expressive Farben und Formen

Horizonte

Vier Künstlerinnen unterschiedlicher Stilrichtungen haben sich auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel getroffen.
ESA-Autorin Henrietta Bilawer sprach mit Henryka Woerle, der Organisatorin der Ausstellung Horizontes Quadrilaterais

Frau Woerle, der Titel Ihrer Gemeinschaftsausstellung, bezeichnet „vierseitige Horizonte“. Das widerspricht dem Verständnis vom Horizont als Wahrnehmung einer Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. „Vierseitige Horizonte“ sind dann…
…zunächst einmal ganz vordergründig vier Personen, jede mit ihrem eigenen Blickwinkel und ihrem eigenen künstlerischen Konzept. Der Horizont ist auch eine Metapher für unsere Sichtgrenze und für unsere Sehnsüchte, aber er ist kein Fixpunkt, denn je nach unserem Standort verändert sich das, was wir als Horizont erkennen. Der Begriff ‘Horizont’ hat ein breites Bedeutungsspektrum. Es gibt den landschaftlichen Horizont, den astronomischen, den nautischen und den der Radiowellen. Also kennt nicht nur die Kunst, sondern auch die Wissenschaft verschiedene ‘Horizonte’. Wir als Künstler möchten hinter den Horizont schauen. Unser Ziel ist, das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren zu verarbeiten.
Wie kam es zu der Kombination von Arbei
ten der Künstlerinnen Anna Bieler, Di Della 
Pace, Susana de Medeiros und Ihnen, Henryka Woerle?
Das ist das Ergebnis eines intensiven Austauschs. Wir vier sind grundverschieden, haben ganz unterschiedliche Biografien und sehr verschiedene Arbeitsweisen und Perspektiven, aber gerade das hat mich fasziniert, dass jede auf ihre Weise arbeitet und wir dennoch Berührungspunkte finden und künstlerische Ziele, dass wir trotz aller Unterschiede miteinander harmonieren. Im Übrigen ist es Zufall, dass wir vier Frauen sind. Es hätte ebenso gut eine männliche 
Beteiligung geben können.
Frau Woerle, Ihre Bilder strahlen Harmonie aus und scheinen Stimmungen einzufangen. Das wirkt sehr persönlich, fast introvertiert und ist dennoch ausdrucksstark. Wie würden Sie ihre Arbeit beschreiben?
Zuerst sollte ich sagen, dass meiner Arbeit die Ausbildung zu einem bodenständigen Handwerk zu Grunde liegt, das allerdings ohne Kreativität nicht auskommt: Ich habe in meiner polnischen Heimat nach dem Studium der Bildenden Kunst und der Malerei lange in einer Glashütte als Glasdesignerin gearbeitet. Das schwere und zugleich spröde und fragile Material hat es mir bis heute angetan. Ich kann Glas sehr filigran bearbeiten, kann es ätzen, brechen, gravieren, kann mit und ohne Farbe arbeiten und jeder optische Eindruck kann sich in anderem Licht oder aus einem anderen Winkel ändern. Glas ist ein sehr eigener Werkstoff. Glasskulpturen haben Dimensionen. Das ist bei Bildern anders, aber die Gegend, in der wir hier leben, die Algarve, ist ebenso wandelbar mit Licht und Schatten, Grün und den wechselnden Farben des Meeres, mit den in vielerlei Gelb und Rot leuchtenden Felsen. Diese Natur beeinflusst meine Stimmung und dadurch meine Bilder. Bei all dem spielt der vielschichtige Begriff ‘Horizont’ eine Rolle.
Sie legen sehr viel Wert auf Details und lassen sich von der Natur inspirieren. Mit welchen Themen und Techniken befassen sich Ihre Kolleginnen?
Anna Bieler ist in Griechenland geboren und lebt sowohl in Deutschland als auch in Portugal. Sie kommt aus einer Künstlerfamilie und lebt die Kunst, übrigens auch deren Theorie, denn sie ist Kunsthistorikerin. Ich würde sagen, ihre Arbeiten sind sehr tiefsinnig, vielleicht kann ich sie als emotional bezeichnen. Zwischenmenschliche Beziehungen spielen dabei eine Rolle. Auf jeden Fall sind sie in einem sehr positiven Sinn plakativ, denn ihre Zeichnungen und Gemälde sind im allgemeinen großformatig, flächig. Dabei kommen sehr lebendige Farben zum Einsatz und verleihen den Momenten im Leben Ausdruck, die Anna thematisiert. Sehr metaphorisch 
übrigens und voller Imagination.
Offenbar kann der Begriff ‘Horizont’ auch durch die vielen verschiedenen Orte erklärt werden, an dem Sie und Ihre Kolleginnen Teile des Lebens verbrachten?
Ja, auch das. Di Della Pace beispielsweise: Hinter diesem Künstlernamen verbirgt sich eine Malerin, die in Österreich, Italien, Kanada und Portugal zu Hause ist. Ihr Werk ist gewissermaßen eine Synthese aus den Alltagsbildern, die sie in ihren Leben beobachtet, und den Prozessen aus Gefühl und Überlegung, die dabei in ihrem Inneren anlaufen. Aus ganz realen Landschaften werden abstrakte Landschaften durch die experimentelle Behandlung der Farben und durch sehr dynamische Formgebung. Beides – Form und Farbe – erhalten eine ganz eigene Dynamik und eigenen Wert in ihren Bildern.
Und Susana de Medeiros, die Vierte im Bunde, ist, soweit ich weiß, eigentlich Juristin?
Ja, später hat sie dann noch Bildende Kunst studiert und lehrt das Fach heute auch an der Algarve-Universität. Sie ist auf den Azoren geboren und hat Projekte unter anderem in Spanien, England, Mosambik, New York und Sankt Petersburg gestaltet. Ihr Herz gehört außerdem der Literatur und dem Film und all das fließt in ihre Arbeit ein: Susana arbeitet auch mit Installation und Video. Es ist Teil des kreativen Prozesses, dass sie versucht, Regeln zu erkennen und deren Dimensionen auszuloten, denn in jeder ordnenden Linie verbergen sich weitere: Körpersprache gegenüber Schriftsprache zum Beispiel. Ihre künstlerischen Darstellungen sind das Ergebnis ihres Denkens, es ist ein Spiel mit Wahrnehmung und Erkenntnis und dabei wird der Betrachter fast zum Bestandteil des Werkes, denn für Susana ist Reaktion und Rezeption wichtig.
Das heißt also, die Horizontes Quadrilaterais entstehen durch die unterschiedlichen Heran-
gehensweisen beim Abbilden von Realität und 
Imagination und an die Kunst als Ausdrucks
form?
Ja. Wir beginnen mit der Suche nach der Verbindung zwischen Gegensätzen wie etwas das Fragment und das Ganze. Inneres und Äußeres. Oder unmessbar Großes gegenüber unendlich Kleinem. Besucher der Ausstellung bekommen nicht nur etwas zu sehen, sondern werden auch nachdenken über das, was wir zeigen.
Vielen Dank für das Gespräch.

Text: Henrietta Bilawer
ESA
11/2015

Weitere Info auf den Webseiten der Künstlerinnen:
www.henryka-woerle.com
www.annabieler.de
www.susanademedeiros.com
www.facebook.com/Di Della Pace

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