Eselskarren in Puppenformaten

José António Silva ist Taxifahrer mit einer Vorliebe für traditionelle Transportmittel. Nach stundenlangem Sitzen am Steuer seines Autos, entspannt er sich an seiner Werkbank mit dem akkuraten Nachbau typischer Tierkarren der Algarve

Lediglich Zigeuner können ab und an noch auf den alten Karren gesehen werden, die früher das einzige Transportmittel waren. Doch dann wird nicht so sehr auf die Fuhrwerke geachtet, weil man sich gerade darüber ärgert, hinter ihnen mit 5 km/h fahren zu müssen. Die Karren von José António Silva aus Pateiro, einem kleinen Dorf bei Lagoa, stören weder den normalen Verkehrsablauf noch können sie Touristen spazieren fahren. Sie sind in Museen und anderen öffentlichen Gebäuden ausgestellt und auf Kunsthandwerksmessen zu bewundern und natürlich zu erwerben. Die Tierkarren sind bis ins kleinste Detail nachgebaute Miniaturen. Nichts fehlt: es kann gebremst werden, die Türen öffnen sich, die Sitze sind gepolstert, die Mini-Schraube dreht sich. Jedes Teil funktioniert wie bei den Wagen in Originalgröße. Alles maßstabgetreu nachgebaut. Josés Liebe für diese Arbeit hat er nicht, wie bei den meisten Kunsthandwerkern der Fall, von seinem Vater oder Großvater geerbt. Alles fing bei einem Besuch auf der Fatacil Messe in Lagoa an. ,,Ich habe mich sehr für die Produkte der Aussteller interessiert. Vor allem für die Miniaturen. Aber ich wollte etwas Neues machen. Etwas was kein anderer hatte”. Zuerst dachte er an Fischerboote, doch dann stellte er fest, dass diese schon von zwei Männern in der Algarve gebaut wurden. Nach weiterer Recherche fiel seine Wahl auf die von Tieren gezogenen Karren. Es war also nicht Liebe auf den ersten Blick. Sondern viel mehr der Wunsch und auch die Anforderung an sich selbst, etwas zu fertigen, was kein anderer anbot. ,,Heute bin ich nicht mehr der einzige”. Das ärgert José Silva. Die Menschen würden lieber anderen etwas nachmachen, als sich selbst etwas einfallen zu lassen. Nur um zu beweisen, dass es noch Nischen gab, fertigte er verschiedene Miniaturen von traditionellem Landwirtschaftswerkzeug an und präsentierte sie in einem Schaukasten. Einer davon hängt bei ihm in der Werkstatt, ein anderer in der Weinproduktionsstätte Adega Cooperativa de Lagoa zur Schau. Sein Ehrgeiz allein hätte jedoch nicht ausgereicht. Handwerkliche Begabung gehört dazu. Und die hatte Silva schon als kleiner Junge. ,,Mein Spielzeug habe ich immer selbst gebaut. Mit Material, das in den Konservenfabriken in Portimão übrig blieb und mit allem, was mir in die Hände fiel. Not macht erfinderisch und damals gab es nicht viel Spielzeug im Handel und noch weniger Geld, um es zu kaufen.” Die Praxis erlaubt es ihm, alle Teile für seine Nachbildungen im Puppenformat herzustellen. Lediglich die Wasserbehälter eines Modells und die Vorhänge lässt er von anderen Leuten anfertigen. Mit Ausnahme der Zigeunerwagen gehören diese Karren der Vergangenheit der Region an. Obgleich es wahrscheinlich 20 Typen dieser traditionellen von Tieren gezogenen Karren in der Algarve gab, spezialisierte sich der Taxifahrer auf acht Modelle. Für die Fertigstellung eines Wagens benötigt er vier Tage. Silvas Lieblingsstück ist der carro de água, mit dem er 1997 auf der vom Arbeits- und Ausbildungsamt IEFP organisierten nationalen Handwerksausstellung in Lissabon einen Ehrenpreis erhielt. Seine Arbeit wurde bereits mehrmals ausgezeichnet. So gewann er 1991, 1992 und 1993 den ersten Platz im regionalen Handwerkswettbewerb, der ebenfalls vom IEFP veranstaltet wird. Vor allem ist er stolz darauf, dass seine Modelle im EU-Parlament in Brüssel ausgestellt waren. Der ehemalige Abgeordnete zum EU-Parlament und jetzige PSD-Vorsitzende der Algarve, Mendes Bota, nahm einige der Miniaturen mit, mit dem Ziel, das Kunsthandwerk der Algarve dort bekannt zu machen. ,,Eins davon kam nicht zurück. Es hat wohl einem der Abgeordneten sehr gut gefallen”, sagt Silva lächelnd.

Der Karren, der am meisten in der Algarve benutzt wurde und bis in die Zeit der Römer zurückreicht, ist der carro de fretes. Mit seinem dekorativ bemalten Baldachin aus synthetischem Segeltuch wurden damit hauptsächlich Waren und Agrargüter befördert. Doch nicht selten diente er auch zum Personentransport. Für den Landadel der Algarve war zu damaliger Zeit die von Pferden gezogene charrete das Familientransportmittel für Vergnügungsfahrten, während eine einfachere Variante dieser Wagenart für die Beförderung der Landarbeiter bereitstand. Der von zwei Maultieren gezogene carro de carga wurde für den Transport von schweren Gütern eingesetzt. Der carro da horta wurde vornehmlich von Bauern, sowohl für den Transport ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse als auch zur Personenbeförderung verwendet. Die carreta de bois, die wie der Name bereits verrät, von zwei Ochsen oder Kühen gezogen wurde, brachte Stroh und Korn zu den Dreschplätzen. Lange bevor fließendes Wasser die Haushalte der Region erreichte, wurde es in Bottichen von nahe liegenden Quellen mit dem carro de água zu den Dörfern und Städten gebracht. Die elegante mit Vorhängen bestückte carrinha war ein Pferdetaxi, das bis zur Jahrhundertwende hauptsächlich in der Westalgarve zum Einsatz kam. In Portimão konnten sie noch bis in die 70er Jahre gesehen werden. Ein nicht so beliebtes Modell unter der Kundschaft ist der carro funerário, der damalige Bestattungswagen. ,,Das liegt aber nur daran, dass er mit dem Tod verbunden ist”, erklärt José António. Der Wagen, der ihm als Modell diente, ist Eigentum des Rathauses von Castro Marim und dort zu sehen.

Die Preise für die Modelle liegen zwischen 80 und 125. Sie können in der Weinkellerei Adega Cooperativa de Lagoa erworben werden oder direkt bei António Silva in Pateiro (Mob. 967 038 726). Im Monat August wird er auf der jährlichen Kunsthandwerks- und Handelsmesse Fatacil vertreten sein.

Text& Fotos: Anabela Gaspar
ESA 07/08

 

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