Kunst mit Sendungsbewusstsein

Nach 30 Jahren in Paris und Cannes kehrte die Künstlerin Milita Doré 1988 zurück zu ihren algarvischen Wurzeln und lebt nun in der Nähe von Loulé

Wer Milita Doré besucht, tritt ein in ein Schaffensreich mit sehr persönlicher Note. Ihr Anwesen gleicht einer Galerie. Licht füllt die Räume und erweckt Bilder und Skulpturen zu Farben und Konturen. Konturen, die miteinander kommunizieren und den Werdegang der Künstlerin interpretieren, denn Milita begreift einen Teil ihrer Biografie als Impuls für gestalterischen Ausdruck. Ihre Werke reflektieren subtile Sequenzen des Menschseins. Emotional intensive Momente, die sie zufällig beobachtet. Die Essenz solcher Momente transformiert Milita zum Beispiel in eine halb geschlossen Faust. In die Augen eines weinenden Kindes. Oder ihr Werk zeigt einen Rücken, der dem Betrachter durch seine Haltung deutet, wie sich der Mensch fühlt.
Milita malt exzessiv expressionistisch und nur dann, wenn sie den Höhepunkt eines emotionalen Augenblicks in sich selbst spürt und intensiv an der Innenwelt ihres Modells teilhaben darf. Das Bedürfnis ähnelt einem Sog, dem sie nachgeben muss, damit er sie nicht in eine Schattenwelt unausgesprochener Gefühle und Gedanken zieht. „Manchmal“, lacht sie, „falle ich mit meiner Kunst ziemlich aus dem Rahmen und beobachte mit diebischem Vergnügen, wie meine Bilder auf Betrachter wirken.“
Während der Vernissage zu ihrer Ausstellung Intimidades (Intimsphäre) in der Galerie Zem Arte in São Bras de Alportel mischte sich die Künstlerin inkognito unter die Gäste, und empfand es als extrem befriedigend, unterschiedliche Reaktionen auf ihre Exponate zu hören. Eine Senhora gesetzteren Alters ließ sich hinreißen zu: „Huch, die Personen sind ja alle splitternackt, es fehlt in der Tat nichts.“ Oder sie belauschte zwei junge Mädchen beim Tuscheln, denen es schwerfiel sich vorzustellen, dass der junge Mann auf dem Bild sich derart entblößt der Malerin präsentiert hat.

Milita Doré verehrt den menschlichen Körper als Motiv für ihre Kunst. Zwar füllt nicht jedes ihrer Werke ein Akt, manchmal konzentriert sich die Künstlerin bloß auf Teilstücke unseres anatomischen Mechanismus, den sie in Einzelstücke zerlegt und ihrem Lieblingsthema zuführt: Bewegung. „Wasser, Blut, Worte, Leben, Tod. Alles, was sich bewegt, ist in uns Menschen vereint, verändert unsere innere und äußere Form mit jedem Schritt und jedem Tag, den wir wachsen.“ Bewegung birgt für Milita eine Metapher für das Zusammenwachsen von Frau und Mann, gleichbedeutend mit Respekt und ohne Trennungslinie zwischen den Geschlechtern.
Nachdem die Künstlerin von Paris an die Algarveküste umgezogen war, überraschte sie der salopp lockere Umgangston zwischen männlichen und weiblichen Kollegen. Für ihren Geschmack wurde die Grenze zur Geringschätzung manches Mal überschritten. Eine traurige Erfahrung, aus der Milita den Drang entwickelte, dass sie das, was in ihr tobte, darstellen wollte. Als Gast der AHME (Associação Humanitária de Mulheres Empreendedoras), bestückte Milita in Loulé, Evora, und Lissabon jeweils eine eigene Ausstellung mit Exponaten und Installationen, die sie dem Thema ‘Respekt’ widmete. Mulheres sem título – Frauen ohne Titel, nannte sie ihr Konzept. Exklusiv für diese Ausstellung experimentierte Milita visuell und akustisch mit Form und Darstellung für das Thema Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und kreierte zum Beispiel drei schwarze Plastiksäcke als „Kleider“ zurechtgestutzt, auf Bügel gehängt und auf dem Bauch mit den Worten bestickt: Nem Cabra, nem Vaca, nem Puta (keine Ziege, keine Kuh, keine Hure). Den Finger zu heben, liegt Milita jedoch fern. Schockieren möchte sie nicht, denn Schock bietet keine Lösungen. Milita baut ihre Botschaften in ihre Werke ein. Botschaften, die das Publikum visuell oder über Zuhören anregen, sich dem Thema Gleichstellung zu nähern. Mit ihrer Ausstellung Mulheres sem título strebt Milita vordergründig danach, das Bewusstsein im Umgang zwischen den Geschlechtern zu schärfen.
Für ihr Projekt ‘Intimsphäre’ suchte Milita nach anderen, nach intimen Momenten, die sie beobachten durfte. Augenblicke der Schutzlosigkeit. Und heuerte speziell dafür Modelle an, die sich bereit erklärten, entsprechend zu posieren. Ihr Modell außerdem dazu zu bringen sich an intimen Körperstellen zu berühren, damit sie diese Momente sinnlicher Verzückung erst mit der Kamera einfangen und später als Bild oder Zeichnung zurückholen kann, erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen. Ein Modell zu finden, das Milita erlaubt zuzuschauen, während Lust passiert, zählt zu den seltenen Augenblicken, in denen sie regelrecht schwebt. Im Ergebnis entstehen ästhetische Kunstwerke, die den Betrachter sensibilisieren.

Zurzeit experimentiert die Künstlerin in ihrem Atelier mit neuen Techniken, berauscht von den mannigfaltigen Möglichkeiten, die sie bislang noch nicht ausprobiert hat. Dann kann es passieren, dass sie sich in philosophische Gedanken über zeitgenössische Kunst verliert oder einen Strauß Lavendel pflückt. Ihre nächste Vernissage ist bereits im Entstehen. Noch verrät Milita nichts. Man darf gespannt sein. Nebenbei arbeitet die Künstlerin nun bereits im zweiten Jahr mit an den Vorbereitungen zum Projekt „Kunst auf der Straße“ für das Festival MED in Loulé.
Text: Catrin George
ESA 07/2015

Kontakt:
Milita Doré
Mob.: 934 242 717
www.sapo.pt

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