Indizien unter Sternen

Zum Stand der Ermittlungen

Das Leben in der Algarve inspiriert, verleitet aber nicht dazu, nur vor der eigenen Haustür nach Stoff für einen Krimi zu fahnden. Günter Klein findet Verdachtsmomente und Beweise in Deutschland, in Carvoeiro und Monchique und in den Sternen

Besucht man Günter Klein zu Hause, beeindruckt sofort der außergewöhnliche Blick auf die endlose Weite des Atlantischen Ozeans unterhalb des Hochplateaus, auf dem Kleins Domizil steht. Üppig bewachsene Felsen, der Wind, der durch Gräser, Büsche und Blumen streicht, das ferne Rauschen der See und das Glitzern der Wellen formen die Kulisse für Günter Kleins Leben in der Algarve. Eine Inspiration für jeden Maler. Auch Philosophen könnten vor diesem Panorama so manchen Gedanken über die Ewigkeit fassen, zumal auch der Himmel hier zum Greifen nah scheint. Aber fördert diese Kulisse Ideen für einen Krimi?

Günter Klein hat hier sein Erstlingswerk in diesem Genre verfasst. „Tod des Astronomen“ heißt das Buch, das zeigt: Ein in der Algarve verfasster Krimi muss nicht notwendigerweise ein Algarve-Krimi bleiben. Die international geprägte Region weist auf andere Gegenden zurück und stellt Verbindungen her, die auch außerhalb der Fiktion denkbar sind. Ausgangspunkt der Handlung ist Garching bei München und ein Vater-Tochter-Gespräch zwischen dem Physiker Dr. Thomas Kepler und seinem pubertierenden Nachwuchs namens Sabine über den bevorstehenden Umzug nach Portugal, der das Mädchen nicht gerade begeistert. Kepler und sein Naturwissenschaftler-Team sollen in der Algarve zwei Sternwarten aufbauen, so ist die Reise beschlossene Sache. Zuvor aber gibt es noch einen rätselhaften Mordversuch im Max-Planck-Institut in Garching, der im Zusammenhang mit mysteriösen Verbrechen steht, die später in Portugal begangen werden und die Forscher (be)treffen.
Auf dreihundert Seiten präsentiert Günter Klein ganz unterschiedliche Charaktere und beschreibt sie ausführlich, jedoch ohne sich in Kleinigkeiten zu verlieren. Die deutschen und die portugiesischen Akteure mit ihren professionellen Facetten und privaten Abgründen werden für den Leser rasch zu guten Bekannten. Mit wohldosierten Worten vermittelt Klein seine persönliche Wertung, ohne sie dem Leser aufzudrängen. So bleibt Freiraum für eigene Interpretationen; das gilt auch für zwischen den Zeilen versteckte Anspielungen auf deutsch-portugiesisches Miteinander.
Durch Kleins Schilderung erzeugen die Schauplätze wohltuende Wiedererkennungseffekte bei 
Kennern der Algarve. Krimifreunde ohne regionale Kenntnisse werden die Tat-Orte zwischen Lagos, 
Carvoeiro und Monchique vielleicht ebenso gerne 
einmal selbst erkunden wollen, wie es Donna Leon–Leser irgendwann nach Venedig zieht. Lokalkolorit und Figuren sorgen für atmosphärische Dichte und Ereignisreichtum im Sinne des Krimi-Urgestein G.K. Chesterton, der Detektivgeschichten augenzwinkernd lobte als „bis jetzt einzige Form volkstümlicher Literatur mit einem gewissen Sinn für den poetischen 
Gehalt des modernen Lebens“.

Den Rahmen der Handlung bildet ein Stoff, der in der Kriminalliteratur selten ist: die Astronomie. Günter Klein macht sein größtes Hobby zum Leitmotiv des Krimis. Die wissenschaftliche Himmelskunde ist auch ein Teil der Biografie des Autors, der gerade seinen 76. Geburtstag feierte. Mit achtzehn Jahren durchquerte der gebürtige Kölner die Sahara „zu Fuß, mit Karawanen aber auch mal ein Stück im Jeep“, erzählt er. Dabei habe er viel gesehen und erlebt, aber „der Nachthimmel in der Wüste, ohne jede Beeinträchtigung durch Streulicht von Siedlungen, ist im wahrsten Sinn des Wortes ein Sternenzelt. Das hat mich nie wieder losgelassen.“
Später fuhr Klein zwei Jahre zur See, wo er ähnliche Eindrücke vom Firmament gewann. Er wollte erkunden, was der Blick in die Nacht dem menschlichen Auge eröffnet. „Die Pflicht kam mir zu Hilfe“, berichtet Günter Klein. „Ich habe das Sporthochseeschifferzeugnis erworben, damals der amtliche Hochsee-Segelschein, und dafür musste man Verfahren der astronomischen Schiffsortsbestimmung lernen, also die Sternbilder der Nord- und der Südhalbkugel kennen.“ Irgendwann kaufte Klein sein erstes Teleskop. Weitere, leistungsfähigere folgten und heute besitzt er eine Privatsternwarte, in der er den Himmel über der Algarve erkundet. Und so gibt Kleins „Tod des Astronomen“ vielfältige Einblicke in das Leben desselben; formal zumeist in Form eingeschobener Berichte der Himmelsforscher. Sirius, der hellste Stern am Nachthimmel, spielt im Buch eine wichtige Rolle. Die Zusammenhänge der Himmelskunde sind für astronomisch versierte Leser informativ und gleichzeitig für Laien ansprechend und begreiflich dargestellt.
Günter Klein entdeckte die Freude am geschriebenen Wort in seiner Kindheit. „Mit zehn Jahren lag ich sehr lange im Krankenhaus und konnte nichts weiter tun als lesen“, erinnert er sich. Karl May habe er damals vom ersten bis zum letzten Band verschlungen und „weil ich zwei linke Hände hatte, halfen mir meine Klassenkameraden beim Basteln und Werken und ich schrieb dafür ihre Schulaufsätze.“ Vor einigen Jahren kehrte er mit dem Kinderbuch „Die Abenteuer des Lämmchens Bäh“ zum Schreiben zurück, eigentlich „für die Enkelkinder“. Klein hat viele Ideen für Geschichten parat und schreibt derzeit ein Buch unter dem Arbeitstitel „Ich, Meister Adebar“. Ob dieser Adebar literarisch mit der Möwe Jonathan verwandt ist, kann der Leser bald selbst herausfinden.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 10/2015

Share.

Comments are closed.