Wanderer zwischen den lusophonen Welten

Die diesjährige Fußball-WM findet in Brasilien statt, einem portugiesischsprachigen Land. Doch inwieweit können die Unterschiede zwischen dem europäischen und brasilianischen Portugiesisch Verständigungsprobleme schaffen?

Es ist mal wieder Fußball-Weltmeisterschaft. Und zwar in Brasilien, einem lusophonen Land, das heißt in einem Land, in dem Portugiesisch gesprochen wird. Manchem Bundesbürger wird das neu sein. ESA-Leser wissen es schon seit langem. Die 22. Folge dieser Kolumne vom August 2006 hatten wir provozierend in „Fala Brasileiro?“ umgetauft. Doch wir kamen zu dem Schluss, dass man trotz gewisser Unterschiede zwischen dem europäischen und dem brasilianischen Portugiesisch nicht von einer eigenständigen Sprache „Brasilianisch“ sprechen kann. Portugiesen – so stellten wir damals fest – haben aufgrund hoher Einschaltquoten bei den brasilianischen Telenovelas im portugiesischen Fernsehen wenig Verständnisprobleme. Während also portugiesische Schlachtenbummler in Brasilien sich vermutlich bestens verständigen können, fragt man sich, wie es im umgekehrten Fall wohl sein mag. Über die sprachlichen Probleme, vor die ein Brasilianer in Portugal gestellt wird, gibt ein kleines Buch Aufschluss, das die Brasilianerin Esmeralda Moura 2007 veröffentlicht hat: Falares de Portugal. Falares do Brasil. Sie ist zwar in Portugal (Tomar) geboren, wanderte aber als junge Frau nach Brasilien aus, wo sie sich sprachlich und mental total der neuen Umgebung angepasst hat. Das befähigt sie, distanziert aber liebevoll sprachliche Unterschiede aufzuzeigen. Diese macht sie weniger auf dem Gebiet der Grammatik und Aussprache fest. Lediglich an einer Stelle mokiert sie sich darüber, dass die Portugiesen das Schluss-l und Schluss-r aussprechen (ersteres wird im Brasilianischen zu u und letzteres wird einfach weggehaucht). Der große Unterschied liegt, wie wir auch schon in unserem Artikel festgestellt hatten, vor allem im Wortschatz. So führt sie in alphabetischer Reihenfolge von abarbatar („stibitzen“) bis zaragata („Streit“) eine Fülle von Begriffen auf, aber auch Redewendungen, Slangwörter und Abkürzungen, deren Bedeutung sich dem Brasilianer nicht auf Anhieb erschließt. Trotz seines lexikologischen Charakters liest sich das Buch sehr unterhaltsam, weil Esmeralda Moura wenig wissenschaftlich vorgeht und gelegentlich auch ihren Gefühlen freien Lauf lässt. So verzweifelt sie bei den verwirrend unterschiedlichen Bezeichnungen für Bekleidung, insbesondere, wenn es um das Nachthemd (camisa de dormir) geht, das auf Brasilianisch camisola heißt, was in Portugal wiederum ein Pullover ist, während dieser in Brasilien suéter oder pulôver heißt: „Que complicação!“ Sie mag auch bestimmte Wörter nicht, z.B. carrinha (Lastwagen, Kombi), weil es weiblich ist („Não tem graça alguma.“). Das Wort utente („Benutzer“) ist ihr zu hart; deswegen zieht sie das brasilianische usuário vor. Und auch der Begriff hospedeira für eine Stewardess findet bei ihr keine Gnade. Sie findet aeromoça viel passender. Es gibt aber auch eine Reihe von in Portugal gebräuchlichen Begriffen, die sie den brasilianischen vorzieht. So ist der Ausdruck uma seca („Mist“, „Ärger“) für sie ein Beispiel für den Reichtum (riqueza) des europäischen Portugiesisch. Geradezu ins Schwärmen kommt sie bei dem Begriff espectacular, den sie immer noch mit dem stummen c vor t schreibt (!): Während man in Brasilien seiner Bewunderung immer nur mit dem üblichen maravilhoso („wunderbar“) Ausdruck verleiht, gibt es in Portugal sehr viel mehr solcher Ausdrücke. Unter formidável („toll“) führt sie auf: colossal, admirável, extraordinário, fantástico und exzellente. Gelegentlich fallen ihr bei einigen Begriffen auch eigene Erlebnisse ein, was die Lektüre ebenfalls kurzweilig gestaltet. So erinnert sie sich, dass sie bei ihrer Ankunft in Brasilien entdeckte, dass die Übersetzung des Romans Wuthering Heights von Emily Brontë unter dem umständlichen Titel O Morro dos Ventos Uivantes („Der Hügel der heulenden Winde“) erschienen war, während sie in Portugal den sehr viel gelungeneren Titel O Monte dos Vendavais trägt. Ven- daval („Sturm“) ist für sie der passende Ausdruck für einen starken Wind: uma palavra muito apropriada para dizer que o vento é forte e leva tudo pelos ares („genau das passende Wort für starken Wind, der alles wegweht“).

Dr. Peter Koj

ESA 05/14

Share.

Comments are closed.