Von sonnigen Samstagen und dem Betttuch der Braut

Was haben die angeblich sonnigen Samstage mit dem Betttuch der Braut zu tun? Auskunft gibt unser Sprichwort-Spezialist Dr. Peter Koj

Viele Sprichwörter – und die portugiesischen bilden da keine Ausnahme – geben sich den Anschein eherner Gesetzmäßigkeit. Fernando Ribeiro de Mello spricht in der Einleitung zu seiner Nova Recolha de Provérbios Portugueses von textos fixos e imutáveis („starren und unveränderlichen Texten“) oder sogar von fórmulas petrificadas („versteinerten Formeln“). Eine dieser Formeln ist das Quanto mais… („Je mehr…“), das sehr viele Sprichwörter einleitet, z. B. Quanto mais fala, mais erra. („Je mehr man redet, umso mehr irrt man sich“). Eine andere Formel, die auf Unumstößlichkeit pocht, besagt, dass es nichts gibt, mit dem man gleichzeitig nicht auch etwas Anderes in Kauf nehmen muss: Não há bela sem senão („Es gibt keine schöne Frau ohne Mangel/ohne einen Haken“). Bei einer Reihe dieser Sprichwörter wird gerne noch eins draufgesetzt nach dem Schema „Es gibt weder … ohne …, noch … ohne …“ (Não há … sem …, nem … sem …). So lautet das letzte Sprichwort in seiner erweiterten Fassung: Não há bela sem senão, nem feia sem a sua afeição („Es gibt weder eine schöne Frau ohne Mangel, noch eine hässliche ohne ihre Zuneigung/Zärtlichkeit“).
In den meisten Fällen geht es, wie in dem zitierten Beispiel von der schönen und hässlichen Frau, um die Umkehrung oder einen Seitenaspekt derselben Sache, wodurch gleichzeitig die Unanfechtbarkeit des ersten Teils untermauert werden soll. Häufig jedoch fragt man sich, was der erste und zweite Teil miteinander zu tun haben. So erging es mir jedenfalls, als ich zum ersten Mal das Sprichwort hörte Não há sábado sem sol, nem noiva sem seu lençol („Es gibt weder einen Samstag ohne Sonne noch eine Braut ohne ihr Betttuch“). Schon der erste Teil des Sprichwortes reizt einen Hamburger zum Widerspruch, auch wenn das Klima der Hansestadt besser als sein Ruf ist (während Hamburg im Schnitt auf 232 regenfreie Tage pro Jahr kommt, gab es davon 2014 in Porto lediglich 154). Lissabon ist mit 1.860 Sonnenstunden jährlich zwar die sonnigste Hauptstadt Europas (gefolgt von Rom mit 1.687 Stunden, zum Vergleich Berlin: 1.146 Stunden), aber dass ausgerechnet der portugiesische Samstag frei von Regen sein soll, widerspricht nicht nur der Wetterstatistik, sondern auch meiner eignen langjährigen Portugalerfahrung.
Meine portugiesischen Freunde, die ich an einem Samstag(!) per E-Mail um ihre Meinung bat, reagierten unterschiedlich. Während es sich für Teresa, eine Portugiesischlehrerin aus Nordportugal, die bei starkem Regen gerade über Korrekturen saß, um einen juízo de forma hiperbólica e distante da realidade, eine „übertriebene und realitätsferne Ansicht“ handelt, sahen José und Nuno die Sache eher humorvoll: „Samstags scheint traditionell immer die Sonne, auch wenn es regnet“ (segundo a tradição, faz sempre sol ao sábado, mesmo em tempo de chuva). Auf das sonnige Madeira als Herkunftsland des Sprichwortes hinzuweisen, wie es einige Blogger tun, auch schon wegen der Bedeutung der dortigen Stickerei für die Aussteuer (enxoval), allem voran das Betttuch, halte ich für zu weit hergeholt. Der Samstag ist vor allem für die arbeitende Bevölkerung einfach ein wohlverdienter, d.h. „sonniger“ Ruhetag.
Dies spiegelt sich auch in einer Version desselben Sprichworts wider, die sehr viel verbreiteter ist als die mit dem Betttuch der Braut: Não há sábado sem sol, nem domingo sem missa, nem segunda sem preguiça („Es gibt weder einen Samstag ohne Sonne, noch einen Sonntag ohne Messe, noch einen Montag ohne Trägheit“). Hier haben wir es sogar mit einer dreifachen Behauptung zu tun, in der die positive Rolle des Samstags als „sonniger“ Ruhetag hervorgehoben wird gegenüber dem Sonntag, wo man zur Messe gehen muss und dem Montag, an dem man „durchhängt“.
Der Samstag ist zudem der Tag, an dem in Portugal geheiratet wird, und insofern sind die beiden Teile in der Ausgangsform des Sprichworts auch inhaltlich verknüpft: So wie traditionell am Samstag die Sonne scheint (selbst wenn es regnet!), so signalisiert das Betttuch der Braut den Vollzug der Ehe. Zum Schluss noch eine Variante des Sprichworts vom sonnigen Samstag, die es sogar auf vier Teile bringt: … Não há sábado sem sol, nem jardim sem flores, nem velhas sem dores, nem moças sem seus amores („Es gibt weder Samstag ohne Sonne, noch Garten ohne Blumen, noch alte Frauen ohne Schmerzen, noch Mädchen ohne ihre Liebschaften“).

Von: Dr. Peter Koj
In ESA 05/16

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