Thunfisch in besonder Buschel

Haben Sie sich auch schon über fehlerhafte Übersetzungen von Speisekarten, Betriebsanleitungen und Verpackungsaufschriften amüsiert oder sogar geärgert? Hier kommt ein kleines Horrorkabinett, vorgestellt von unserem Sprachenspezialisten Dr. Peter Koj

Im November 2011 wurde der Fado von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Ganz Portugal, e não só, jubelte und die Postkarten-Industrie beeilte sich, Karten mit frischen Fado-Motiven herauszubringen. Besonders gelungen fand ich die Postkarte mit einer Collage von Wandmalereien (Graffiti) aus Alfama, darunter eine (auf)reizende Maria Severa (Hinweis auf das Prostituiertenmilieu, aus dem der Fado ja stammen soll). Darunter in vier Sprachen der Begriff „Weltkulturererbe“, auf Portugiesisch (PATRIMÓNIO DA HUMANIDADE), Englisch (noch korrekt), auf Französisch mit fehlendem Artikel vor HUMANITÉ und auf Deutsch dann völlig daneben: ERBE VON MENSCHLICHKEIT.
Noch schlimmer erging es der Aufforderung, die man häufiger in portugiesischen Toiletten findet, die nur über eine Sickergrube verfügen, nämlich das Toilettenpapier nicht ins Klo zu werfen: Não colocar o papel na sanita! Auch hier ist die englische Version noch korrekt übersetzt, doch im Französischen schleichen sich schon die ersten Fehler ein (Ne pas mettre le papier toilette!) und in der am Schluss stehenden Aufforderung auf Deutsch wird daraus: „Setzen Sie das Toilettenpapier!“ Diese Verschlechterung von Sprache zu Sprache hängt vielleicht damit zusammen, dass ein Übersetzerprogramm benutzt wurde. So wie es portugiesischen Freunden erging, die kein direktes portugiesisch-deutsches Programm besitzen und mir vor ein paar Jahren Weihnachtsgrüße auf Deutsch schickten, die zuerst vom Portugiesischen ins Englische und dann vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurden. Nur weil ich des Portugiesischen und Englischen mächtig bin, konnte ich die Spur zurückverfolgen, sonst hätte ich den deutschen Text nicht verstanden.
Ebenso benötigte ich den portugiesischen Text, um zu verstehen was genau in einer Dose der Marke Pitéu eingeblecht war, die mit „Thunfisch an Rösten in besonder Buschel“ etikettiert war. Es war atum assado em molho especial, d.h. gebratener Thunfisch in einer Spezialsauce. Zugrunde lag ein Missgeschick, das ungeschulten Übersetzern von Verpackungsaufschriften, Betriebsanleitungen oder Speisekarten immer wieder passiert: In einem zweisprachigen Lexikon greifen sie bei Begriffen, die verschiedene Bedeutungen haben, zielsicher nach dem falschen Wort (molho heißt neben „Büschel“ („Buschel“ ist wohl nur ein Tippfehler) eben auch „Sauce“ und sogar „Schlüsselbund“). Der „Thunfisch in besonder Buschel“ war jedenfalls lange Jahre „standing joke“ in unserem Freundeskreis.

Ähnlich unverständlich ist auch der deutsche Text auf der Visitenkarte des Restaurants Der Nord Hall in Rio de Mouro bei Porto: FÜR EINE ÜBERRASCHUNG DEM FREULISWCHKEIT UND GUT ALMOSPFÄRE HIER WERDEN SIE HABEN TÄGLISCH EIN GESCHENK VON UNSERE HAUSGEMACHT WEISS BROT FÜR JEDEU MAHLZEIT.
Der Gipfel ist jedoch die englische Version der Speisekarte, die ein Restaurant im Algarve der 90er Jahre seinen Gästen zumutete. Wenn Sie Spaß an so etwas haben, klicken Sie auf der Homepage der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft www.phg-hh.de das Archiv an. In der Portugal-Post 3 finden Sie die 4. Folge meiner Reihe Essa nossa ditosa língua, in der ich diese Speisekarte abgedruckt habe. Sie möchten ein Fisch-gericht bestellen? Nur zu! Unter „fixe“ (was übrigens im umgangssprachlichen Portugiesischen so viel wie „toll“ heißt) finden Sie neben anderen Fischgerichten eines, das sich “understandes“ nennt. You nix understandes? Unsere Leser damals auch nicht, bis auf zwei meiner Portugiesischschülerinnen, die allerdings sprachlich „vorbelastet“ waren: Anne, die Tochter der Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann (António Lobo Antunes, Paulo Coelho u.a.) und meine in Portugal aufgewachsene Tochter Nora. Ihnen entging nicht, dass der/die Übersetzer/in zusätzlich den verhängnisvollen Fehler begangen hatte, die falsche Wortart zu wählen: Statt von dem Substan-tiv percebes (das sind die auf der Speise-karte angebotenen Entenmuscheln) ging er/sie von dem Verb perceber (2. Person: tu percebes) aus, was so viel wie „verstehen“ / „to understand“ bedeutet. Darauf muss man erst einmal kommen! Anne und Nora wurden mit dem dafür ausgesetzten Helge-Dankwarth-Preis belohnt. Die strahlenden Gewinnerinnen sind im selben Archiv in der darauffolgenden Ausgabe der Portugal-Post zu sehen. É caso para dizer: Filhas de peixe sabem nadar. Mehr zu dieser sprichwörtlichen Redensart im Kapitel „Filho de peixe … Kleine portugiesische Fischkunde“ meines Buches Português, meu amor. Annäherungen an eine spröde Schöne.
Text: Dr. Koj
EsA 09/15

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