Refugiado – Wort des Jahres 2015

Die Flüchtlingskrise hat bei der Wahl des Wortes des Jahres 2015 entscheidenden Anteil gehabt

Bei der Wahl des Wortes 2015 machte erneut ein Begriff das 
Rennen, der von besonderer politischer Aktualität war und 
traurigerweise noch immer ist. War es 2014 wegen der Vorkommnisse um den ehemaligen Ministerpräsidenten José Sócrates „Korruption“ (corrupção), lag dieses Mal der Begriff refugiado („Flüchtling“) ganz vorne. Mit 31 % der 20.000 im Internet abgegebenen Stimmen rangierte er deutlich vor dem Zweit- und Drittplatzierten, terrorismo (17 %) und acolhimento (16 %). Wenn man so will, stehen alle drei Begriffe in einer Wechselbeziehung zueinander: In den meisten Fällen ist der Terrorismus ja der Auslöser der massiven Fluchtbewegung, mit der sich das westliche Europa konfrontiert sieht, und umgekehrt steht die (gastliche) Aufnahme (acolhimento) oder zumindest die Hoffnung darauf am Ende eines Fluchtweges.
Portugal rangierte 2015 mit 896 Asylanträgen (pedidos de asilo) zwar nur unter „ferner liefen“, hat aber eine lange Tradition als Aufnahmeland (país de acolhimento). Man muss gar nicht so weit in der Geschichte Portugals zurückgehen, die geprägt ist durch ständigen Zuzug neuer Völkerschaften (mit den Phöniziern, den Römern, den Arabern und den diversen germanischen Volksstämmen wurde die keltiberische Urbevölkerung gründlich aufgemischt). Ich erinnere nur daran, dass Portugal zur Hitlerzeit Fluchtpunkt auch für deutsche Flüchtlinge war. Nachzulesen in dem schon 1992 erschienenen Standardwerk von Patrik von zur Mühlen Fluchtweg Spanien-Portugal. Die deutsche Emigration und der Exodus aus Europa 1933 – 1945 und in dem soeben erschienenen Buch von Uli Jürgens, Ziegensteig ins Paradies. Exilland Portugal (siehe auch den Buchtipp des Monats März 2016 auf der Homepage der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft info.phg-hh.de). Später, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wurde Portugal país de acolhimento für viele Osteuropäer, vor allem aus der Ukraine und Moldawien.
Nun noch ein kurzer Blick auf die übrigen Begriffe. Während der Viertplatzierte (esquerda) und das Schlusslicht (privatização) altbekannte Begriffe sind, die durch das politische Geschehen des letzten Jahres besonders an Bedeutung gewonnen haben (Bildung einer linken Regierungskoalition, Skandale um die privatisierten Banken), handelt es sich bei den Nummern 5 bis 9 um Modewörter, die Sie in keinem 
Lexikon finden werden. Das gilt für die aus dem Englischen übernommene Drohne (drone), ebenso wie für den plafonamento. Es ist eine Ableitung von plafom (für Französisch plafond), d.h. Decke, also 
Deckelung finanzieller Ausgaben.
Das Selfie hatte bei der Wahl des Wortes des Jahres 2013 einen beachtlichen 3. Platz erreicht (s. ESA 03/15) und feiert nun in Verbindung mit dem bastão (Bezeichnung für einen langen oder kräftigen Stock) fröhliche Wiederkehr. Festivaleiro ist das Adjektiv zu festival und bezeichnet Besucher von Musikfestivals, die kein Festival auslassen, im ganzen Land umherreisen, um ja keines zu verpassen. Superalimento ist nicht mit superalimentação zu verwechseln, was ja so viel wie „Überfütterung“ heißt. Es bezeichnet eher das Gegenteil, nämlich bewusst gesunde Nahrungsmittel angereichert durch Vitamine und Enzyme.
Text: Dr. Koj
ESA 07/16

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