Portugals längstes Wort

Die portugiesische Sprache steht im Ruf, weniger Wortungetüme zu haben als die deutsche Sprache

Die deutsche Sprache bietet die wunderbare Möglichkeit, durch das nahtlose Zusammenfügen von Substantiven (Hauptwörtern) neue Hauptwörter zu bilden. Das ist sehr praktisch, kann aber auch zu solchen Wortungetümen wie dem berühmten „Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän“ führen. Im Portugiesischen lässt sich das nicht nachvollziehen. So müsste man diesen langen Titel umschreiben mit capitão da companhia dos vapores do Danúbio. d.h. in seine vier Bestandteile zerlegen und diese mit der entsprechenden Form der Präposition de verbinden. Häufig ist dies nicht nötig, weil die Portugiesen für einen solchen zusammengesetzten Begriff (Kompositum) ein einfaches Wort haben, so z.B. canja für „Hühnersuppe“ (die übrigen Suppen müssen mit de operieren: sopa de peixe, sopa de legumes etc.), oder bei den Körperteilen: palma für „Handfläche“, rótula für „Kniescheibe“, cotovelo für „Ellenbogen“ . Überhaupt drängt sich dem Portugiesischlernenden (welch schönes Kompositum!) der Eindruck auf, dass das Portugiesische über mehr kleine Wörter verfügt als das Deutsche, aber dass gerade die Kleinsten die Gemeinsten sind. Das soll aber nicht heißen, dass es nicht das eine oder andere portugiesische Wort gibt, das uns wegen seiner Länge Kopfschmerzen bereitet. So ging meiner Frau am Anfang unserer Portugaljahre das Wort für „Frisörin“ schwer über die Lippen: a cabeleireira. Das ist zwar kein Kompositum, ist aber durch die Anhängung von gleich zwei Endungen (sog. Suffixen) etwas unübersichtlich geraten. Das Grundwort ist o cabelo, „das Haar/die Haare“. Durch die Endung -eira wird daraus a cabeleira, „der Haarschopf“ und durch ein weiteres -eira, das den Berufsstand anzeigt, der sich mit der cabeleira beschäftigt, wird daraus die cabeleireira. Als Mann hatte ich es da einfacher, da ich zum barbeiro ging, selbst wenn ich keinen Bart (a barba) zu rasieren hatte. Dafür schlug ich mich mit so schönen Wörtern herum wie paralelepípido, dem für das Kopfsteinpflaster verwendeten Stein oder dem otorrinolaringologista, der portugiesischen Bezeichnung für den Hals-Nasen- Ohren-Arzt. Es ist ein gutes Beispiel dafür wie im Portugiesischen, insbesondere im medizinischen Bereich durch Aneinanderreihung von Fachtermini aus dem Lateinischen oder auch Griechischen wahre Wortungeheuer entstehen können. Entschärfen wir es einfach mal. Hier sind die drei Sparten des HNO-Arztes in umgekehrter Reihenfolge gegenüber dem Deutschen aufgeführt: oto- bezieht sich auf die Ohren (so ist eine otite eine Ohrenentzündung), rino- auf die Nase (bekanntlich ist ein rinoceronte ein Nashorn), laringo- auf den Hals und logista ist eine Endung zur Bezeichnung für einen Wissenschaftler bzw. jemanden, der etwas von der Sache versteht. Selbst wenn Sie das Wort jetzt durchschauen und sich damit besser einprägen können, brauchen Sie es nicht in Gänze zu beherrschen. Machen Sie es wie die Portugiesen und fragen einfach nach einem otorrino. Man liest häufig, dass otorrinolaringologista das längste portugiesische Wort sei. Der Blogger Ângelo Paulo ist in seinem informativen Portal „Planet Portugal“ der Sache nachgegangen und hat mit anticonstituci-onalissimamente das längste offizielle Wort im Dicionário Completo da Língua Portuguesa gefunden. Es hat noch 7 Buchstaben mehr als der otorrinolaringologista, ist aber nicht mal ein Kompositum wie dieses, sondern ist das durch eine Vorsilbe (anti-) und zwei Suffixe in die Länge geratene Adjektiv constitucional. Die Endung -issima ist eine Form des Super-lativs zur Bezeichnung für etwas, das in besonderem Maße der Fall ist (z.B. caríssimo/a = „sauteuer“, dazu mein Artikel in der  und die Endungmente macht aus dem Adjektiv (Eigenschaftswort) ein Adverb. Wörtlich übersetzt hieße das längste offizielle portugiesische Wort also „auf höchste Weise verfassungswidrig“. Ângelo Paulo führt in seinem Blog dann noch ein paar Begriffe aus dem medizinischen und pharmazeutischen Bereich auf, die das längste offizielle portugiesische Wort noch um Längen schlagen. Es sind aber Kunstwörter, mit denen wir unsere Leser lieber verschonen möchten.

Dr. Peter Koj

ESA 01/14

Share.

Comments are closed.