Im Land der Silbenfresser

Beim Erwerb der portugiesischen Sprache erweist sich der große Unterschied zwischen Schriftbild und Klang immer wieder als Klippe

Deutschen geht in Portugal der Ruf voraus, sich besonders geschickt beim Erwerb der portugiesischen Sprache anzustellen. Doch immer wieder hört man von den Lernwilligen Klagen darüber, wie schwierig die Aussprache des Portugiesischen sei. Und in der Tat ist die Aussprache der größte Stolperstein bei dem Erwerb dieser ansonsten so schönen und reichen Sprache. Im Gegensatz zum Spanischen, wo man mit drei bis vier Regeln auskommt, um jedes spanische Wort korrekt auszusprechen, klafft im Portugiesischen eine große Kluft zwischen Schriftbild und Klang.  Abgesehen von der unterschiedlichen Aussprache der Vokale (so wird in unbetonter Stellung das „o“ zu einem „u“ und das „a“ zu einem kurzen „ä“ bzw. „e“), bereitet das Verschlucken ganzer Silben („comer as sílabas“) dem Ausländer große Probleme. Das gilt insbesondere für das europäische Portugiesische, weswegen sich viele Deutsche mit der brasilianischen Variante leichter tun.

Es müssen nicht immer ganze Silben sein, die dem Portugiesen nicht über die Lippen wollen. Schon das Verschleifen oder Verschlucken einzelner Vokale stellt unser Hörverständnis immer wieder auf eine harte Probe. Hauptopfer der portugiesischen Fresswut ist der Buchstabe „e“. Das ist völlig korrekt und legitim, wenn es sich um ein sogenanntes „e protheticum“ handelt, d.h. um ein „e“ vor s+Konsonant (st, sp, sc). So haben wir einige Jahre in dem schönen Ort „Schturiel“ gewohnt. Kennen Sie nicht? Nun, hinter dieser Aussprache verbirgt sich „Estoril“. Sie sollten also beim Erwerb des Portugiesischen von vornherein dieses „e“ aus Ihrem akustischen Gedächtnis streichen. Hier ein paar weitere Beispiele: escola (Schule), estudante (Student), Espanha (Spanien). All die rot gedruckten „e“ werden nicht gesprochen und das „s“ wird zu „sch“. Aber Achtung, das gilt nur für ein „e“, wenn es in einer unbetonten Silbe steht. In está bem (ist gut) ist das der Fall, weil ja das „á“ betont ist, aber in esta casa (dieses Haus) muss es gesprochen werden, da es in betonter (weil vorletzter) Silbe steht.
Aber auch in anderen Fällen wird das unbetonte „e“ gerne verschluckt. Hier zwei besonders krasse Fälle, die mir befreundete Deutsche zugetragen haben: „dschprtador“ (für despertador (Wecker) oder „tufnar“ (für telefonar, telefonieren). Beim letzen Beispiel kann man sehr schön sehen, wie das „e“ auch benachbarte Konsonanten mit in die Tiefen der portugiesischen Kehle reißen kann. Ein anderes sehr geläufiges Beispiel ist das bereits erwähnte está. Dies ist die 3. Person Singular des Verbs estar (sein, sich befinden). Hier fällt in der Umgangssprache nicht nur das „e“ weg (weil prothetisch, also „schta“)), sondern auch gleich noch der folgende Zischlaut. Dieses ’tá hört man sehr viel, nicht nur in Verbindung mit bem sondern auch isoliert im Sinne von „ist ok/bin einverstanden“. Ganz hart erwischt es Wörter die nur „e“ als Vokal haben, wie das schöne Wort excelente (ausgezeichnet), bei dem nur ein einziges „e“, nämlich das in betonter Stellung, erhalten bleibt: „schlent“.

Gelegentlich werden auch andere Vokale verschluckt, so z.B. das erste „a“ in para (für), obwohl es in betonter Silbe steht (häufig als p’ra im Schriftbild wiedergegeben). Aber auch das unbetonte Schluss-„a“ von para muss manchmal dran glauben, nämlich wenn der männliche Artikel „o“ folgt. So wird aus „para o“ „pro“ (ausgesprochen „pru“). So erbettelten früher arme Lissabonner Kinder am Fest des Stadtheiligen (13. Juni) um tostão pro Sant’António („einen Pfennig für den Heiligen Antonius“). Wie man an diesem Beispiel sieht, kann es auch das „o“ erwischen, vor allem vor Heiligen, deren Namen mit einem Vokal beginnt (also Sant’ statt Santo). Das gilt natürlich auch für das „a“ bei weiblichen Heiligen. So wird aus der Santa Ana, der Heiligen Anna, Sant’Ana oder sogar Santana.

Beim Verschlucken der Silben gibt es regionale Unterschiede. Nach meiner Beobachtung werden in Lissabon und Umgebung besonders eifrig Silben verschluckt, während man in der alten Universitätsstadt Coimbra das gepflegteste Portugiesisch spricht. Und im Alentejo, dessen Bewohner als eher bedächtig, um nicht zu sagen langsam gelten, wird sogar dort ein „e“ gesprochen, wo es gar keines gibt, z.B. als Anhang an ein Schluss-„r“ wie zum Beispiel bei den
Infinitiven (falar, beber, partir), überdeutlich wie „i“ gesprochen („falari“, „bebe­ri“, „partiri“).

Dr. Peter Koj
ESA 8/13

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