Ende gut, alles gut

Das Portugiesische verfügt über eine Reihe von Endungen, die einem Substantiv eine ganz spezifische Bedeutung verleihen

Sr. Manuel, der Briefträger (carteiro) des Lissabonner Stadtteils Campo de Ourique, war nicht amused. Als er seine Runde unterbrach, um sich in einer der capelas (= „Kapellen“, so nennt man dort augenzwinkernd die Kneipen/tascas) mit ein paar befreundeten Bewohnern des Viertels eine kleine pinga (Gläschen Rotwein) zu genehmigen, wurde er von dem Sr. Peter aus Hamburgo höflich aber gleichzeitig beleidigend begrüßt mit Boa tarde, Sr. carteirista („Guten Tag, Herr Taschendieb“). Nun muss man dem Sr. Peter zugute halten, dass er damals nur über rudimentäre Portugiesischkenntnisse verfügte und ihm noch das Bewusstsein dafür fehlte, dass die Endungen der portugiesischen Substantive mehr als bloße Verzierungen sind. Häufig sind sie Bedeutungsträger und müssen im Deutschen durch einen zusammengesetzten Begriff (Kompositum) wiedergegeben werden, wie in diesem Fall „Briefträger“ bzw. „Taschendieb“. Das Pärchen carteiro/carteirista ist dafür ein gutes Beispiel: Beide Begriffe sind von a carta, „der Brief“ (nicht „Karte“, die heißt postal) abgeleitet. Hängen wir nun die Endung -eiro dran, so haben wir jemanden, der sich beruflich mit cartas/Briefen abgibt. Weitere Berufe auf -eiro, weiblich -eira sind o barbeiro („der Frisör“ von barba/Bart), o mineiro („der Grubenarbeiter“ von minas/ Bergwerksstollen), a peixeira („die Fischverkäuferin“ von peixe/Fisch) etc. Das Suffix -eiro bzw. -eira hat über die Berufsbezeichnung hinaus noch weitere Funktionen. So kann es z.B. den Ort bezeichnen, wo man etwas aufbewahrt, z.B. o tinteiro („das Tintenfass“ von tinta/Tinte), a galinheira („der Hühnerstall“ von galinha/Huhn), aber auch Bäume und Büsche wie z.B. a laranjeira („der Orangenbaum“ von laranja/Apfelsine) oder – um eine bekannte Kognak-Marke zu zitieren – a macieira („der Apfelbaum“ von maçã/ Apfel). Auch Sammelbegriffe entstehen durch Anhängen von -eiro oder -eira. So wird aus der formiga („Ameise“) ein formigueiro („Ameisenhaufen“). Schließlich kann diese Endung auch einen Gebrauchsgegenstand bezeichnen. So z.B. ist der cinzeiro („Aschenbecher“) für die cinza („Asche“) da und die carteira („Brieftasche“) für die cartas („Briefe“). Womit wir wieder bei unserem Ausgangsbeispiel sind, denn für die Brieftaschen (anderer natürlich!) interessiert sich unser carteirista. Die Endung -ista kennzeichnet nämlich den Vertreter bestimmter Berufe (o dentista, „Zahnarzt“ von dente/ Zahn) oder Anhänger bestimmter Überzeugungen (o benfiquista, „der Benfica-Fan“). Dass man durch Endungen im Portugiesischen bestimmte Dinge vergrößern oder verkleinern kann, haben wir schon vor ein paar Jahren in der ESA dargestellt. Hier nur noch ein paar andere interessante Endungen. So bezeichnet -al eine Anpflanzung. Ein pinhal ist ein Pinienwald, direkt abgeleitet von o pinho/Pinie(nholz) oder auch pinheiral, abgeleitet von pinheiro/Pinie. Die Olive heißt auf Portugiesisch zwar azeitona. Eine azeito- neira ist aber kein Olivenbaum, sondern ein Behältnis zum Einlegen der Oliven. Olivenbäume sind oliveiras, und sie wachsen in einem olival oder auch olivedo. Die Endung -edo für eine Ansammlung von Bäumen oder Büschen finden wir auch bei anderen Pflanzen, so z.B. der figueira („Feigenbaum“ von figo/Feige). So ist das neben figueiral existierende figueiredo auch ein sehr verbreiteter Familienname. Und wussten Sie schon, dass die Hauptstadt von Madeira, Funchal, ein Ort ist/war, an dem Fenchel (funcho) wächst? Kurios die besondere Bedeutung, die das Suffix -ada unter anderem haben kann, nämlich ein Schlag oder eine Verletzung mit einem bestimmten Gegenstand oder Körperteil. So ist eine cotovelada ein Stoß mit dem Ellenbogen (o cotovelo), die facada (von faca/ Messer) ein Hieb oder Stich mit dem Messer (umgangssprachlich auch ein Seitensprung) und eine dentada ein Biss (von dente/Zahn). Zu solchen Tätlichkeiten kam es aufgrund meiner gafe („Schnitzer“) in der tasca von Campo de Ourique nicht. Sr. Manuel war voller Verständnis für meine Anfängerschwierigkeiten mit der portugiesischen Sprache. Und ich verließ den Ort des Geschehens mit geschärften Sinnen für die portugiesischen Endungen. Ende gut, alles gut.

Dr. Peter Koj

ESA 03/14

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