Portugals „treuem Freund“ auf der Spur

Em águas de bacalhau

Lange vor der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus tummelten sich bereits portugiesische Kabeljaufischer vor der nordamerikanischen Küste

Wenn man in Portugal von einer Sache, die schlecht läuft, sagt, sie befände sich noch „in den Wassern des Kabeljaus“ (ficar em águas de bacalhau), dann könnte man an das Wasser denken, in dem der Stockfisch lange wässern (demolhar) muss, bevor er zu einem der vielen leckeren Gerichte verarbeitet wird, die die portugiesische Küche kennt. Plausibler ist die Erklärung, die diese sprichwörtliche Redewendung mit den Aktivitäten der portugiesischen Kabeljaufänger („a atividade pescatória dos bacalhoeiros“) in Verbindung bringt. Die Freundschaft der Portu­gie­sen zum Kabeljau hat in der Tat eine sehr lange Tradition. Portugiesische Fischer haben die Schwärme des fiel amigo, des „treuen Freundes“, schon zu Zeiten, als Kolumbus nicht mal geboren war, bis vor die nordamerikanische Küste verfolgt. Diese präkolumbianische Präsenz der Portugiesen auf dem amerikanischen Kontinent ist von der Geschichtsschreibung kaum zur Kenntnis genommen worden. Auch wenn es darüber keine offiziellen Dokumente gibt, ist einfach davon auszugehen, dass die portugiesischen Kabeljaufischer auf ihrem Monate währenden Fischzug auch an Land gegangen sind und nach ihrer Rückkehr davon berichtet haben. Von Portugal aus machten sich verschiedene namentlich bekannte Seefahrer auf den Weg, diese von den Kabeljaufischern entdeckten Küstenregionen in Augenschein zu nehmen. Bereits 1473-74 „entdeckten“ Álvaro Martins Homem und João Corte-Real Neufundland, das sie Terra dos Bacalhaus nannten und das heute Terra Nova heißt. 1492, also im selben Jahr, in dem Kolumbus in südlichen Gewässern tätig war, „entdeckte“ João Lavrador das nach ihm benannte Labrador. Als João Corte-Real von einer seiner Nordlandfahrten nicht zurückkehrte, machten sich seine Söhne Gaspar und Miguel auf die Suche nach ihm. Auf älteren Karten findet man daher für diese Region auch die Bezeichnung Terra dos Corte-Real.  Belege für die frühe Präsenz der Portu­giesen an der nordamerikanischen Küste sind der berühmte Dighton Rock nicht weit von Boston, der den Namen Miguel Corte-Real und das Jahr 1511 trägt und der Vertrag von Tordesillas von 1494, in dem sich Spanien und Portugal den Erdball praktisch in zwei Hälften teilten. Die Demarkationslinie verlief 370 Meilen westlich der kapverdischen Inseln, wodurch nicht nur der Teil Südamerikas, der heute Brasilien darstellt den Portugiesen zufiel, sondern im Norden auch Neufundland.

Doch zurück zu den portugiesischen Kabeljaufischern. Diese feierten 1955 in St. John (Neufundland) ihr 500jähriges Jubiläum. Hier, wo heute eine Statue des suchend auf den Atlantik blickenden Gaspar Corte-Real an die frühe portugiesische Präsenz erinnert, zogen damals 4.000 Portugiesen in feierlicher Prozession durch die Straßen. Die meisten von ihnen die berühmten Dori-Fischer (engl. dorymen), harte Burschen, die in ihren kleinen Beibooten (doris) auch bei rauer See ihre bis zu 50 Meter langen Angelschnüre auslegten. Im Gegensatz zu ihren englischen Kollegen, die sich zu zweit im Beiboot aufhielten, war der portugiesische Dori-Fischer auf sich allein gestellt.

Der Kabeljaufang war, wie der portugiesische Begriff (campanha do bacalhau) zeigt, ein Unternehmen, das generalstabsmäßig geplant und diszipliniert durchgeführt wurde. Mit einer Messe wurden Ende April die Mutterschiffe, die berühmte „Weiße Flotte“, in den Heimathäfen (Porto, Aveiro, Lisboa) entlassen und kehrten erst Ende September zurück. Selbst wenn man damit die kälteste Jahreszeit umging, waren die Kabeljaufischer ganz anderen Unbilden als vor der heimischen Küste ausgesetzt und es gab nicht nur Tote unter den Dori-Fischern, sondern auch beim Untergang der Segelschiffe. Als letztes versank die Novos Mares 1974 in den eisigen Fluten. Drei Jahre später kam das endgültige Aus für die Weiße Flotte, als Kanada die Zweihundertmeilenzone zum Schutz der Kabeljaubestände einführte. Doch darunter hat die Freundschaft zum bacalhau nicht gelitten. Jedes Jahr werden in Portugal 70 Millionen Tonnen Stockfisch verzehrt. Damit hat Portugal den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch. Da die Fanggründe vor den Grand Banks nicht mehr zur Verfügung stehen, muss der fiel amigo nun weitgehend importiert werden. So kommen alleine 60 % des in Portugal konsumierten Stockfisches aus Norwegen.
Eine ausführliche Fassung dieses Arti­kels findet sich in der November-Ausgabe der Portugal-Post, im Internet nachzulesen unter www.phg-hh.de

Dr. Peter Koj
ESA 10/13

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