Auf der Suche nach der portugiesischen Seele Teil 2

Vom minuto português bis zur saudade

Auf der Suche nach sprachlichen Befunden für die portugiesische Seele stößt Dr. Peter Koj dieses Mal auf eher negativ besetzte Begriffe

Auf der Suche nach portugiesischen Begriffen und sprichwörtlichen Redensarten, in denen sich die alma portuguesa, die portugiesische Seele, widerspiegelt, sind wir im ersten Teil (ESA 07/14) auf solch sympathische Eigenschaften wie die brandos costumes, die sanften Sitten, gestoßen, sowie auf die portugiesische Gastfreundlichkeit (hospitalidade) und Geselligkeit (convivência). Die portugiesische Seele hat aber durchaus auch ihre Schattenseiten, die von Portugiesen auch als solche gesehen werden und sprachlich ihren Niederschlag finden. Da wäre zuerst die Scheu, sich festzulegen, präzise Angaben zu machen (Portugal – das Land des mais ou menos, des „mehr oder weniger“). Das gilt besonders bei Zeitangaben. Berühmt-berüchtigt ist der minuto português, der sich nicht mit schnöden 60 Sekunden zufrieden gibt. Wenn jemand in Portugal um „nur eine Minute“ Geduld bittet (só um minuto), wobei er die beiden gestreckten Zeigefinger T-förmig aufeinander stellt, sollte man sich auf längere Wartezeiten einstellen und sich mit der sprichwörtlichen santa paciência („heilige Geduld“) wappnen. Der portugiesische Ausruf Paciência! hat schon fast fatalistische Konnotationen im Sinne von „Da kann man nichts machen“ oder „Was soll’s?“. Auch würde man in Portugal nie jemanden „pünktlich um 20 Uhr“ (às vinte horas em ponto) einladen, sondern immer mit dem abschwächenden pelas dabei, einer Kontraktion (Zusammenziehung) der Präposition por mit dem Artikel as). Und um die Sache noch unverbindlicher zu machen, wird gerne die verallgemeinernde Partikel lá hinzugefügt: lá pelas 20 horas („so gegen zwanzig Uhr“). Man „gibt der Zeit Zeit“ (dar tempo ao tempo), man lässt die Dinge laufen (deixar correr o marfim), was dann häufig zu dem allgemein beklagten desleixo („Schlendrian“) führt. Er zwingt dazu, die Dinge em cima do joelho, d. h. wörtlich „auf den Knien“, zu erledigen, d.h. eher schlampig und unvollständig. Dies kann aber auch zu überraschend positiven Ergebnissen führen. Es ist der berühmte desenrascanço, die geniale Fähigkeit, sich aus einer rasca („Klemme“) zu befreien, eine Eigenschaft, um die alle Welt die Portugiesen beneidet. So steht in der auf der amerikanischen Webseite cracked.com aufgeführten Liste der zehn ausländischen Begriffe, die in der englischen Sprache fehlen, desenrascanço gleich an erster Stelle. Annegret Heinold, Autorin des Buches 111 Gründe Portugal zu lieben, befasst sich in ihrer ESA-Kolumne Leben in Portugal amüsant-erhellend mit den unterschiedlichen Zeitauffassungen von Deutschen und Portugiesen (ESA 07/14) und singt das hohe Lied (ESA 06/14) auf den desenrascanço nach dem Motto Quem não tem cão, caça com gato („Wer keinen Hund hat, jagt mit Katze“). Als wenig positiv jedoch wird von Portugiesen ihre Provinzialität (bairrismo) empfunden. Es ist Ausdruck der Enge eines kleinen Landes mit den europaweit ältesten Staatsgrenzen, in dem autoritäre Strukturen (Adel, Monarchie, Inquisition und Salazardiktatur) wenig Raum für die Entwicklung eines selbstbewussten Bürgertums gelassen haben. Die Folge sind Klatsch und üble Nachrede (Comer bem e dizer mal é a manha de Portugal – „Gut essen und schlecht reden ist die Unsitte Portugals“), Neid (A galinha da minha vizinha é mais gorda que a minha – „Die Henne meiner Nachbarin ist fetter als meine“) und wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Santos da casa não fazem milagres – „Ortsheilige vollbringen keine Wunder“). Daraus resultiert ein mit Minderwertigkeitskomplexen beladenes Schielen auf die großen Vorbilder. Man macht etwas auf die tolle französische Art (à grande e à francesa) oder zumindest so, dass man es dem Engländer präsentieren kann (para inglês ver) (ESA 08/11). Der mit der portugiesischen Seele am häufigsten im Zusammenhang gebrachte Begriff ist die viel zitierte saudade. Sie ist gängige Münze vor allem in den deutschen Medien, die damit eine flächendeckende Melancholie der Portugiesen suggerieren. Dies geht nicht nur an der Wirklichkeit vorbei, sondern auch an der philosophisch-geistesgeschichtlichen Bedeutung des Begriffs (mehr dazu in ESA 09/04). Wesentlicher für die seelische Befindlichkeit sind die saudades, die Sehnsucht, das Heimweh, das man nach etwas oder jemandem hat (ter saudades de), die man aber durch ein Wiedersehen auch wieder stillen, wörtlich „töten“ kann (matar saudades).

Dr. Peter Koj

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