Auf der Suche nach der portugiesischen Seele

Gibt es so etwas wie die portugiesische Seele? Und wie sieht diese aus? Dr. Peter Koj versucht eine Klärung anhand sprachlicher Befunde.

Der Hamburger Fotograf Hans-Jürgen Odrowski ist ein großer Portugalfreund. So nennt er seine Ausstellungen mit Portugal-Fotos auch gerne „Portugal – Land mit Seele“. Und Recht hat er! Alle, die diesem Land und seinen freundlichen Bewohnern näher stehen, werden Portugal dieses Attribut kaum streitig machen wollen. Doch was zeichnet die portugiesische Seele aus? Statt uns in völkerpsychologischen Gemeinplätzen aus nordeuropäischer Sicht zu ergehen, nach dem Motto „die Portugiesen sind …“, soll an einigen typischen portugiesischen Wendungen und Redensarten die landeseigene Sicht auf die alma portuguesa, die portugiesische Seele, nachvollzogen werden. Und selbst hier muss vor Verallgemeinerungen gewarnt werden. Zu jedem der hier angeführten Merkmale wird der eine oder andere Leser Gegenbeispiele anführen können. Sie sind zudem abhängig von der Altersgruppe, dem sozialen Status und auch der regionalen Herkunft der jeweiligen Person. Da wäre zuerst die sprichwörtliche höfliche Zurückhaltung der Portugiesen, die ihr Land gerne als país dos brandos costumes, als „Land der sanften Sitten“ bezeichnen. Das beginnt mit der differenzierten Form der Anrede (dazu mein Aufsatz Von den Fettnäpfchen der Anrede in ESA 3/09), geht über die liebevolle Art der Begrüßung und Verabschiedung (beijinhos, Küsschen, für die Damen und abraços, Umarmungen, für die Männer) bis hin zur Aufforderung É servido? („Dürfen wir Ihnen etwas anbieten?“), wenn man auf Portugiesen beim Essen stößt. Diese Aufforderung darf man auf keinen Fall ernst nehmen. Es ist eine Höflichkeitsfloskel, auf die man genauso höflich mit Não obrigado, bom apetite („Nein, vielen Dank. Guten Appetit“) antworten sollte. Auch kann es passieren, dass jemand, der hinter einem in der Metro steht und aussteigen möchte, sich mit com licença (wörtlich „mit Lizenz/Genehmigung“, d.h. „gestatten Sie“) bemerkbar macht. Ähnlich zivilisiert geht es an den Lissabonner Bushaltestellen zu, wo man sich brav in die Schlange stellt (fazer bicha, bzw. pôrse na bicha). Portugal ist aber nicht nur ein Land der guten Sitten, es versteht sich auch als país da convivência („Land der Geselligkeit“). Dieses con- viver, das freundschaftliche Zusammensein, ist ein hohes Gut. Das gilt nicht nur für den Familienkreis, der sehr weit gesteckt ist, denn irgendwie sind Portugiesen alle miteinander verwandt, alle sind – wie einem augenzwinkernd bestätigt wird – primos (Cousins und Cousinen). Dann gibt es noch die malta, die zumeist männliche Freundesgruppe. Und sowie man nur einen Freund in Portugal hat, ist man ganz schnell flächendeckend befreundet, nach dem Motto Amigo do meu amigo meu amigo é („Der Freund meines Freundes ist mein Freund“). Dieses freundschaftliche Zusammensein ist zumeist mit dem Kulinarischen verbunden. Die sprichwörtliche portugiesische Gastfreundschaft (hospitalidade) feiert in den so genannten jantares de confraternização („Verbrüderungsessen“) wahre Triumphe. Und selbst wenn der eine oder andere Freund unangemeldet dazustößt, lässt der Gastgeber sich nicht aus der Ruhe bringen, denn: Onde há para dois, há para três („Wo es für zwei reicht, reicht es für drei“). Aber wie gesagt: Das gilt nicht für den Fremden. Hier gehört es sich, auf die Frage É servido? bzw. São servidos?, wenn es sich um mehrere Dazukommende handelt, dankend abzulehnen. Dass die portugiesische Seele aber nicht nur diese sympathischen Seiten, sondern auch von Portugiesen als solche gesehene Schattenseiten hat, soll in einem zweiten Teil unserer Suche nach der alma portuguesa dargestellt werden.

Dr. Peter Koj

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