A presidenta Dilma

Nun ist es amtlich: Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff möchte presidenta tituliert werden

Unser heutiger Ausflug in die portugiesische Sprache führt uns über den großen Teich nach Brasilien, wo der Großteil der über 240 Millionen portugiesisch-sprechenden (lusophonen) Menschen lebt. Dort hat die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff zwar die Wiederwahl im letzten Jahr gewonnen, doch nun hat sie alle Hände mit dem politischen Überlebenskampf zu tun. Korruptionsskandale und soziale Unruhen erschüttern das Land. Auch auf einem anderen Feld kämpft sie: auf dem sprachlichen. Schon im Jahr ihrer Erstwahl (2011) zog es Dilma Rousseff vor – offensichtlich in Nachahmung ihrer argentinischen Kollegin Cristina Kirchner –, „presidenta“ und nicht „presidente“ genannt zu werden. (Mehr dazu in meinem Beitrag „A presidenta. Der Kampf der Geschlechter geht weiter“ in der Dezemberausgabe der ESA von 2011).
Doch nun ist es amtlich: Dilma Rousseff möchte eine „presidenta“ sein. Ihre Erlasse im offiziellen Regierungsblatt (Diário Oficial da União) tragen inzwischen diesen Titel und es ist davon auszugehen, dass andere offizielle und offiziöse Organe dem Beispiel folgen werden, selbst wenn das „a“ wider jede sprachliche Vernunft ist. In dem ESA-Artikel von 2011 hatte ich darauf hingewiesen dass „presidente“ sowohl männlich als auch weiblich ist. Während im Deutschen die Differenzierung durch die Endung „-in“ möglich ist („Präsident“/“Präsidentin“), macht im Portugiesischen der Artikel den Unterschied: o presi-dente („der Präsident“), a presidente („die Präsidentin“). Ähnlich geht es zu bei 
o/a estudante („der Student“, „die Studentin“), o/a residente („der Resident“, „die 
Residentin“) etc. Von ihrer Wortbildung her sind dies alles substantivierte Verbformen, nämlich Partizipien der Gegenwart (presidir, „vorsitzen“ > presidente, „vorsitzend“, estudar, „studieren“ > estudante, „studierend“, residir, „wohnen/residieren“ > residente, „wohnend/residierend“).
Sollte das Beispiel „presidenta“ Schule machen, müsste man den männlichen Vertretern der Substantive auf -ente, bzw. -ante auch das Recht auf ein -o einräumen, also o presidento, o estudanto, o residento. Und warum das Verfahren nicht auch gleich auf Adjektive übertragen, also quento und quenta statt quente? Dazu hatte ich 2011 am Ende meines Artikels Pilar del Rio, die (spanische!) Witwe des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago und Präsidentin der Stiftung José Saramago aufgefordert, denn dann hätte sie die Möglichkeit, sich eine presidenta inteligenta zu nennen.
Während des brasilianischen Wahlkampfs 2014 erschien im Internet ein Beitrag, der eine ähnliche Idee verfolgt. Er stammt von einem Blogger aus Santa Catarina, der über das weibliche Macho-Gehabe (machismo feminino) seiner Präsidentin so empört war, dass er die Kandidatin am liebsten in einer Totenkapelle (capela ardente, pardon ardenta) gesehen hätte. Hier der vollständige Text: A candidata a presidenta se comporta como uma adolescenta que imagina ter virado eleganta para tentar ser nomeada representanta. Esperamos vê-la algum dia sorridenta numa capela ardenta, pois esta dirigenta política, dentre tantas outras suas atitudes barbarizantas, não tem o direito de violentar o pobre português, só para ficar contenta. Was zu Deutsch in etwa heißt: „Die Kandidatin für das Präsidentenamt führt sich wie ein Teenager auf, der sich für elegant/schlank hält, um zur Repräsentantin ernannt zu werden. Wir hoffen sie eines Tages lächelnd in einer Totenkapelle zu sehen, denn diese politische Führungskraft hat, abgesehen von all ihren anderen barbarischen Ansichten, nicht das Recht, dem armen Portugiesisch nur zu ihrer eigenen Befriedigung Gewalt anzutun.“
Die fett gedruckten a sind willkürlich und Ausdruck eines absurden Strebens nach sprachlicher Gleichberechtigung. In meinem ESA-Artikel von 2011 hatte ich nicht nur versucht, ausgleichende Gerechtigkeit für die männliche Position zu üben, sondern zudem dem „Affen Zucker gegeben“, indem ich den zweiten Teil des Familiennamens des portugiesischen Staatspräsidenten noch „maskulinisiert“ habe („Cavaco Silvo, o presidento de Portugal“). In der zweiten Auflage meines Buches Português, meu amor, in dem sich der Artikel als Nummer 32 wiederfindet, habe ich dies wieder rückgängig gemacht. Man kann’s auch übertreiben, oder?
Text: Dr. Koj
ESA 07/2015

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