Portugiesisch ­- maritim

Portugal ist als Seefahrer- und Fischernation eng mit dem Meer verbunden. Dies schlägt sich auch in der Sprache nieder

von DR. PETER KOJ

Portugal ist durch seine geopolitische Lage seit jeher auf den Atlantik ausgerichtet. Seine Seefahrer und Fischer haben sich schon sehr früh weit auf die Ozeane hinausgewagt. Diese maritime Erfahrung ist nicht ohne Einfluss auf die Sprache geblieben. So gibt es eine Reihe von Sprichwörtern aus diesem Bereich. Unser ,,Weg gegangen, Platz vergangen” lautet auf Portugiesisch: Quem vai ao mar, perde o lugar (Wer aufs Meer geht, verliert seinen Platz). Und wer in Portugal zuerst kommt, mahlt nicht zuerst, sondern geht als erster an Bord (Quem primeiro chega, primeiro embarca). Dass man den Tag nicht vor dem Abend loben soll, drückt der Portugiese mit dem Bild des Schiffes aus, das bei der Einfahrt in die Reede sinkt (wo es bekanntlich schwierige Strömungsverhältnisse gibt): À boca da barra, se perde o navio. Möwen an Land bedeutet Sturm auf See (Gaivotas em terra, temporal no mar). Auf die Flüche von Matrosen und die Tränen von Huren soll man nichts geben: Sie sind schon trocken (d.h. abgehakt), wenn sie auf dem Boden ankommen (Pragas de marujo e lágrimas de putas chegam ao chão já enxutas). Auf Erfahrungen beim Fischfang basieren die Sprichwörter Nem tudo o que vem à rede é peixe (Nicht alles, was sich im Netz fängt, ist Fisch) und A mulher quere-se como a sardinha: pequenina e fresca (Die Frau soll wie eine Sardine sein: klein und frisch). Daneben gibt es eine ganze Reihe von idiomatischen Ausdrücken, die mit Bildern aus Seefahrt und Fischfang operieren. So ist ein marinheiro de água doce (Süßwasser-Seemann) jemand, der von einer Sache wenig Ahnung und daher Probleme hat. Hier spiegelt sich die Überheblichkeit der Atlantikseefahrer gegenüber Binnenschiffern wider. In Brasilien spricht man weniger anzüglich von einem marinheiro de primeira viagem (Seemann, der auf seine erste Reise geht). Die Portugiesen waren zwar die erste Seefahrernation, die auch gegen den Wind kreuzen konnte (bolinar). Trotzdem: Mit Wind im Heck fährt/segelt man schneller (ir de vento em popa), d.h. heute: Man macht gute Fortschritte.

Das Segel (a vela) taucht in verschiedenen Wendungen im übertragenen Sinne auf: fazer-se à vela (abreisen, an Bord gehen), dar velas a (einer Sache Raum, freien Lauf lassen), estar à vela (halb angezogen sein). Dass das Anheuern auf den portugiesischen Segelschiffen nicht immer auf freiwilliger Basis geschah (so genanntes ,,Schanghaien”) zeigt sich in dem Begriff embarcar em (sich einschiffen), der die Nebenbedeutung von ,,betrogen werden, sich täuschen lassen” hat, besonders wenn es sich dabei um ein leckes Boot/Schiff handelt. So lautet die Warnung, sich nicht hinters Licht führen zu lassen: Não embarques em canoa furada! Ein anderes wichtiges Teil des Segelschiffes ist das Ruder (o leme). Wer ohne Segel und Ruder läuft (correr sem vela e sem leme), rennt kopf- und orientierungslos durch die Gegend. Wer jedoch am Ruder steht (estar ao leme, ir ao leme oder auch ter o leme) hat die Zügel in der Hand. Aber wenn man das Ruder aus dem Griff verliert (perder o leme), irrt man ziellos umher. Dafür gibt es einen weiteren bildhaften Ausdruck, der auf die Portugiesen als frühe Kartographen und Nautiker hinweist: perder o norte (wörtlich ,,den Norden verlieren”) oder auch andar desnorteado (,,nicht eingenordet sein”). Am besten man bleibt im Kielwasser Anderer (andar na esteira de alguém), selbst wenn man dann als wenig originell durchgeht. Und was ist mit dem Portugiesen, der Schiffe sieht (ver navios)? Es geht ihm wie dem Schwaben, der ,,in die Schweiz guckt”: geht ins Leere, bzw. er guckt in die Röhre. Bei den Fischen spielen vor allem der bacalhau (Kabeljau) und die pescada (Meerhecht) sprachlich eine Rolle. Wer ganze Meerhechtstücke erbricht (arrotar postas de pescada) ist ­ pardon! ­ ein Großkotz. Der bacalhau, auch fiel amigo (treuer Freund) genannt, steht auch für einen Händedruck, so in apertar o bacalhau (die Hand drücken) oder estender o bacalhau (die Hand zum Druck reichen). Wenn etwas in Kabeljaugewässern landet oder bleibt (dar/ficar em águas de bacalhau), haben wir eine ausweglose Situation, eine Reminiszenz an die weit entfernten Fanggründe (Neufundland), von denen viele Kabeljaufischer nicht zurückkehrten. Abschließend noch zwei Begriffe aus der portugiesischen Literatur, die auf die maritime Geschichte Portugals anspielen und sprichwörtlich geworden sind. So der ,,Alte aus Restelo” (o velho do Restelo), eine Figur aus den Lusiaden von Luís de Camões. Als am 8. Juli 1497 die Flotte von Vasco da Gama in Belém zu ihrer ersten Reise nach Indien aufbricht, taucht ein Bewohner aus Restelo auf und warnt vor den Gefahren und negativen Folgen des Unternehmens. Seitdem steht der velho do Restelo für einen Miesmacher, der sich dem Fortschritt in den Weg stellt. Schließlich wurde das Kap Bojador, die westlichste Spitze von Mauretanien, durch Pessoas berühmtes Gedicht Mar português zum Symbol für eine große Herausforderung. Lange hielten nämlich die portugiesischen Seefahrer es wegen der dort hausenden Seeungeheuer oder weil die angeblich scheibenförmige Erde dort zu Ende war, für unpassierbar, bis schließlich Gil Eanes im Jahre 1434 es zum ersten Mal umschiffte.
ESA 10/11

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