Andere Länder, andere Sitten

Andere Länder, andere Sitten

Länder im Spiegel der portugiesischen Sprache
Es gibt im Portugiesischen eine Reihe von Länder- und Völkerbezeichnungen, in denen sich eine ganz bestimmte Einstellung zu diesen widerspiegelt

Was verbirgt sich hinter einer englischen Woche, einem französischen Abschied, einem russischen Gebirge, einer indischen Reihe, den griechischen Kalenden und einem deutschen Hirten?

Dass Nachbarn sich nicht immer grün sind und sich gerne gegenseitig etwas anhängen, ist ein bedauerlicher, wenn auch verbreiteter Tatbestand. Das gilt auch für benachbarte Länder. So gibt es eine Vielfalt von Spitznamen, mit denen man den lieben Nachbarn am Zeuge flickt. So ist für die Italiener ein Portugiese (portoghese) ein Gauner. Häufig werden die Landesnachbarn aufgrund ihrer Essgewohnheiten diskriminiert. So sind ­ aus der Sicht der Engländer ­ die Deutschen krauts und die Franzosen frogs. Umgekehrt sind die Engländer für die Portugiesen bifes (Beefsteaks). Für die Franzosen sind Engländer unhöfliche Menschen, die sich nicht verabschieden (filer à l’anglaise, auf englische Art abhauen). Genau dieses wird den Franzosen von den Portugiesen vorgeworfen (despedir-se à francesa, sich auf Französisch verabschieden). Überhaupt die Franzosen. Sie sind zwar kulturgeschichtlich das große Vorbild Portugals, aber insgeheim wirft man ihnen Bestechlichkeit vor (falar francês) und die Neigung zu Pomp und Extravaganz, so wenn man etwas à grande à francesa, d.h. im großen Stil betreibt. Um frança oder uma frança ist eine aufgedonnerte Person, eine francezinha, eine kleine Französin, ist jedoch eine Fast Food-Spezialität aus Porto. Die Engländer, Erfinder der semana inglesa (Arbeitswoche mit freiem Samstagnachmittag) und Portugals ältester Verbündeter, müssen für Portugiesen wohl etwas Ehrfurchtgebietendes sein, denn wenn man etwas para inglês ver (damit der Engländer es sieht) macht, stellt man etwas Tolles auf die Beine, was aber nicht unbedingt solide ist, ähnlich wie der ,,Türke”, den man bei uns in Deutschland baut. Türken und Araber, gegen die die Entdecker- und Handelsnation Portugal schon vor Jahrhunderten zu kämpfen hatte, nehmen auch in der portugiesischen Sprache großen Raum ein. So ist eine vida de turco ein hartes und arbeitsreiches Leben, in dem man trabalhar como um mouro, wie ein Maure arbeiten muss (dasselbe gilt übrigens auch für die benachbarten Galicier, die ebenso für hart arbeitende Menschen stehen). Wenn ein Maure sich der Küste nähert (anda mouro na costa), ist Gefahr in Verzug (offensichtlich eine Reminiszenz an die arabischen Piraten). Ansonsten ist Arabien auch für Portugiesen etwas Besonderes, Traumhaftes. Wenn etwas aus Arabien kommt (é das Arábias), so ist es besonders toll und ein schöner Ort ist ein lugar das Arábias. Die alten Griechen sind für die Portugiesen etwas Unverständliches. So sagt man isso para mim é grego oder vejo-me grego (wir sagen: Das kommt mir Spanisch vor!), während die calendas gregas eine scherzhafte Bezeichnung für den St. Nimmerleinstag sind (calendas = Kalenden, der erste Tag des Monats im römischen Kalender). Ebenfalls mit drei Begriffen sind die Russen vertreten: die salada russa (ein gemischter Salat), die roleta russa (bezeichnet genau wie unser ,,russisches Roulette” ein selbstmörderisches Unterfangen) und die montanha russa (Achterbahn, wörtlich übersetzt ,,russisches Gebirge”). Wenn Portugiesen em fila indiana (in indischer Reihe) stehen oder sich bewegen, so sind sie hübsch aufgereiht, sozusagen im Gänsemarsch. Während die sueca (Schwedin) ein Kartenspiel und die suiça (Schweizerin) die Kotelette bezeichnet, steht die Kanadierin (canadiana) gleich für viererlei: eine Krücke, einen kurzen dicken Mantel (Typ Dufflecoat), ein kleines Zelt und einen bestimmten Wagentyp.

Jeweils nur einen Begriff steuern so wichtige Länder wie China, Spanien und Italien bei, und auch nur als Symbol für etwas schwer Verständliches. So sind eine espanholada, bzw. eine italianada eine schwer verständliche Ausdrucksweise, und wenn ein Portugiese gar nichts versteht, ruft er aus: Isso para mim é chinês! (das ist chinesisch für mich!). Und wo bleibt Deutschland? Das ist im Portugiesischen auf den Hund gekommen: Mit einem pastor alemão (wörtlich: deutscher Hirte) bezeichnet man nämlich den Schäferhund.

 

von DR. PETER KOJ

 

 

 

 

 

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