In der Kürze liegt die Würze

Die schreibende Zunft Portugals liebt es, sich weitschweifig und blumigauszudrücken. Es gibt aber auch die Tendenz zur Verknappung

Michaela S. ist Simultandolmetscherin. Sie sitzt in ihrer Kabine und rauft sich die Haare. Ausgerechnet heute, wo sie ein wenig an Schlafmangel leidet, hat sie die undankbare Aufgabe, in der Sitzung einer EU-Kommission für einen portugiesischen Politiker zu dolmetschen, der für seine blumigen und weitschweifigen Ausführungen bekannt ist. Und in der Tat lässt dieser keine Gelegenheit aus, seinem profunden Kenntnisstand durch eine gespreizte Diktion Ausdruck zu verleihen. Ein Satzungetüm reiht sich an das andere, die Wortwahl ist vom feinsten. Besonders beim Einsatz der Adjektive lässt er sich nicht lumpen. Man nennt das in Portugal einen estilo empoleirado: Er erinnert an einen Gockel, der sich hoch auf seiner Stange (poleiro) aufplustert und wichtig tut. Und ähnlich wie dieses Federvieh neigt auch der portugiesische Sprachgockel zur Wiederholung. Was wiederum Michaela S. die Arbeit erleichtert. Sie kann damit rechnen, dass bestimmte Aussagen im Laufe der Rede zwei, drei Mal wiederholt werden. Diese sprachliche Redundanz ist aber nicht nur das Markenzeichen portugiesischer Politiker und Sonntagsredner. Man trifft auf sie allenthalben bei Journalisten und Schriftstellern. Ein besonders anschauliches Beispiel ist der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago. Bei ihm hat die Weitschweifigkeit jedoch Methode. Es ist bewusst eingesetztes Stilmittel, das die Präsenz des Autors in ganz besonderem Maß gewährleisten soll. Anders liegt der Fall bei Journalisten, deren mangelnde Prägnanz eher nervig ist und die einem die Lektüre mancher portugiesischer Zeitungen verleidet. ,,Natürliche” d.h. durch die Sprache vorgegebene Redundanz entsteht allenfalls durch die Formel é que. Sie kommt vor allem im mündlichen Gebrauch zum Einsatz, insbesondere bei der Fragebildung. So hört man Portugiesen häufig fragen: Como é que se chama? (,,Wie heißen Sie?”) statt einfach Como se chama? Oder Onde é que mora? statt Onde mora? (,,Wo wohnen Sie?”). Umgekehrt hat das Portugiesische mit dem Infinitiv eine elegante Art der sprachlichen Verknappung. Im Portugiesischen gibt es sogar einen persönlichen Infinitiv, der im Deutschen keine Entsprechung hat. Man vermeidet durch ihn einen umständlichen Nebensatz. So würde das Deutsche ,,Es ist besser, dass du gleich kommst” im Portugiesischen É melhor vires já lauten. Man könnte ­ wie im Deutschen ­ auch É melhor que venhas já sagen. Doch dazu benötigt man den so genannten Konjunktiv (Möglichkeitsform), der selbst von den Portugiesen zugunsten des Infinitivs gemieden wird.

Wissen Sie, was sich hinter dem häufig benutzten tá verbirgt? Oder welche Namen hinter den Kurzformen Tó, Zé, Ção oder Guida steckt?

Wenn die Portugiesen irgendwo verkürzen, dann ist es vor allem bei der Aussprache. Eles comem as sílabas (,,Sie essen die Silben”) wird besonders gerne den Lissabonnern nachgesagt. Verschluckt werden insbesondere die Buchstaben e und a, soweit sie nicht in einer betonten Silbe stehen (pra statt para, schlent statt excelente etc.). Gelegentlich werden auch gleich ein paar benachbarte Konsonanten mit verschluckt (sior statt senhor, tufnar statt telefonar). Grundsätzlich wird das so genannte e proteticum, d.h. das e vor s+Konsonant nicht ausgesprochen (schkola für escola, Schtoril für Estoril). Bei dem Hilfsverb estar erwischet es gleich auch noch den anschließenden Zischlaut sch (tá bom statt está bom). Das tá wird inzwischen, wohl unter Einfluss des Brasilianischen, gerne im Sinne von o.k. eingesetzt. Und wenn ein Kirgise den anderen fragt Taschkent? und dieser tou antwortet, so ist das ein Wortspiel mit Estás quente? (,,Ist dir warm?”) ­ Estou (,,Ja, ist mir:”) Die Portugiesen lieben zwar Abkürzungen (dazu mein Artikel Aküfi auf Portugiesisch in ESA 02/07), sie kappen aber lange Wörter nicht so wie die Franzosen (prof für professeur, manif für manifestation) oder auch gelegentlich die Deutschen (Abi, Navi, Soli). Ausnahme: das längste portugiesische Wort otorrinolaringologista (HNO-Arzt). Hier muss otorrino genügen, immerhin auch noch ein viersilbiges Wort. Verkürzt werden auch einige Vornamen: Guida für Margarida, Ção für Conceição und bei den Männern Tó für António und Zé für José. Gegen diese Verknappung wirken dann wieder die Kräfte der Verniedlichung und Zärtlichkeit der portugiesischen Sprache, die aus dem einsilbigen Zé einen zweisilbigen Zeca oder gar dreisilbigen Zezinho machen.

von DR. PETER KOJ

ESA 1/10

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