Von den Fettnäpfchen der Anrede

Fala Português?

Von den Fettnäpfchen der Anrede
In der differenzierten Form der Anrede spiegelt sich die lange Kulturgeschichte Portugals. Die ausländischen Besucher sind gewarnt: Auf sie lauern etliche Fettnäpfchen

Als die junge Ilse Lieblich 1934 vor den Nazis nach Portugal floh, hatte sie wenig Mühe, sich in ihrer neuen Heimat einzuleben. Sie heiratete den Portuenser Architekten Arménio Losa und erlernte die portugiesische Sprache so rasch, dass sie sich bald als Journalistin und Buchautorin einen Namen machte. Aber noch in einem am 30.3.1967 im Diário Popular erschienenen Artikel klagt sie über die Schwierigkeiten, die sie lange Zeit mit der portugiesischen Anrede hatte und fordert, man müsste mal tüchtig ausjäten unter den ,,tausend und einen Arten, seinen Mitmenschen zu klassifizieren”. Sieben Jahre später schien die Nelkenrevolution ihren Traum zu verwirklichen, als auf einmal alle camaradas waren und man sich in weiten Kreisen duzte. Weitere 35 Jahre später schlägt das Pendel wieder kräftig in die andere Richtung aus und auf den Portugalbesucher lauern eine Reihe von Fettnäpfchen, wenn er Portugiesen korrekt ansprechen möchte. Ähnlich wie in den allermeisten europäischen Sprachen wird im Portugiesischen geduzt und gesiezt, wobei die Trennungslinie ähnlich wie im Deutschen verläuft, d.h. man duzt Kinder, intime Freunde und Verwandte (Es soll noch ein paar sozial höhergestellte Familien geben, in denen Kinder ihre Eltern siezen). Daneben gibt es im Portugiesischen aber noch eine Art Zwischenstufe, das você (Mehrzahl vocês). Sie dient für die Anrede von Erwachsenen, die man gut kennt, aber noch nicht duzt. Dank den Brasilianern ist das você auf dem Vormarsch, denn abgesehen vom deutschstämmigen Süden Brasiliens hat es dort das tu verdrängt. Dem Deutschen ,,Sie” entspricht o senhor bzw. a senhora (in schlechten deutschen Übersetzungen gerne mit ,,der Herr” bzw. ,,die Dame” wiedergegeben). So fragen Sie jemanden nach der Post: O senhor/ A senhora sabe onde é o correio? Wenn Sie den Namen ihres Ansprechpartners kennen, haben Sie bei Männern drei Möglichkeiten des Siezens: Sie sprechen ihn mit dem Vornamen oder Nachnamen an, wobei ersteres einen größeren Grad der Vertrautheit anzeigt: O Luís sabe… / O Senhor Luís sabe… / O Senhor Maia sabe … Eine Portugiesin hingegen wird nie mit ihrem Nachnamen sondern immer mit ihrem Vornamen angesprochen. Dabei gibt es je nach Vertrautheit verschiedene Abstufungen. Da ist zuerst die Ansprache nur mit dem Vornamen. So würde man z.B. seine Hausangestellte fragen, ob sie krank ist: A Sofia está doente? Eine Ihnen unbekannte Dame sollten Sie respektvoll mit Senhora Dona Sofia ansprechen. Man hört aber auch Dona Sofia oder Senhora Sofia. Sie liegen irgendwo zwischen den beiden Anreden, wobei nach meiner Erfahrung die Anrede mit Dona noch etwas respektvoller als die mit Senhora ist. Weitere Fettnäpfchen lauern bei der portugiesischen Herrenwelt, die sich gerne mit einem akademischen Titel anreden lässt, entweder Senhor Doutor oder Senhor Engenheiro. Doch wem gebührt diese Anrede? Als ich mich 1996 in einem Vortrag über die ,,List und Tücke der portugiesischen Sprache” in der Aula der Universität Porto mit diesem Problem herumschlug, beruhigte mich der damalige Staatspräsident Jorge Sampaio humorvoll: ,,Nennen Sie alle Portugiesen Senhor Doutor. Da können Sie nichts falsch machen!” Kann man doch! Mit Senhor Doutor werden ausschließlich Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte, Psychologen, Philologen, Geographen etc. angesprochen, die eine licenciatura (Staatliche Abschlussprüfung) erworben haben. Im Schriftverkehr muss der Doktortitel in Verbindung mit dem Familiennamen abgekürzt werden (Senhor Dr Silva). Erst nach abgelegter Promotion (doutoramento) darf der Titel ausgeschrieben werden (Senhor Doutor Silva), eine Unterscheidung, die beim Sprechen natürlich nicht zum Tragen kommt. Stark rückläufig ist seit der Nelkenrevolution die von Ilse Losa aufgeführte Anrede Vossa Excelência (,,Ihre Exzellenz”). Sie ist eigentlich nur noch in diplomatischen Kreisen üblich. Ebenso gibt es die Excelentíssimos Senhores nur noch als Anrede in Briefen, und zwar in abgekürzter Form (Ex.mos Senhores). Stattdessen liest man, offensichtlich unter brasilianischem Einfluss, gelegentlich auch Estimados Senhores bzw. Prezados Senhores, was soviel wie ,,Geschätzte Herren” heißt.

Dr. Peter Koj

 

 

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