Land des Zischelns

Fala Português?

Land des Zischelns

Portugiesisch, eine Sprache, in der es an allen Ecken und Enden zischt. Dr. Peter Koj gibt den Portugiesischlernenden eine kleine Einführung in die Welt der portugiesischen Zischlaute

Stefanie ist eine sprachbegabte Schülerin. Und so nimmt sie gerne das Portugiesischangebot des Gymnasiums Hochrad (Hamburg-Othmarschen) an. Doch schon nach ein paar Wochen steigt sie wieder aus, allerdings nicht ohne ihren Schritt in einem Brief zu begründen: Es sei der Klang des Portugiesischen, insbesondere die vielen Zischlaute, die sie zu diesem Schritt bewegt haben. Dieses angebliche Übermaß an Zischlauten, sog. Sibilanten, wird dem Portugiesischen häufig nachgesagt und führt zu kuriosen Vergleichen, z.B. mit dem Polnischen. Und zu noch kurioseren Erklärungen: In den vielen ,,sch” soll sich das Rauschen des Atlantiks widerspiegeln, und für den Schwaben Karl Mörsch ist es ein weiterer Beleg (neben der Stückleswirtschaft, zu Hochdeutsch: Minifundienwirtschaft) für den zivilisatorischen Einfluss der Sueben, die gut 150 Jahre den Norden Portugals besiedelt haben (429-585 n. Chr.). Doch bei näherer Betrachtung wird im Portugiesischen nicht unbedingt viel mehr gezischt als im Deutschen. Schließlich haben wir ein eigenes Schriftzeichen für diesen Laut, das Sch. Und ähnlich wie im Portugiesischen (Estoril, Espinho) wird auch bei uns aus dem ,,s” in Verbindung mit den Konsonanten ,,p”, und ,,t” ein ,,sch”, es sei denn, man kommt aus der Region Hannover/Braunschweig, wo man gerne über den ssspitzen SSStein ssstolpert. Schön, im Portugiesischen kommen noch andere Konsonatenkombinationen dazu, die zum ,,sch” führen (z.B. asneira, esfera, cosmos, esbelto etc). Dass aber auch ein ,,s” am Ende einer Silbe bzw. eines Wortes zu ,,sch” wird ­ und das kommt schon durch das Plural-S häufig genug vor (as novas casas) ­ ist für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig. Es sei denn, diese befinden sich am Kopf eines Schwaben. Und im Portugiesischen wird zudem das auslautende ,,z” gezischt (feliz, capaz, voz). Ansonsten ist im Portugiesischen ein ,,s” immer ein ,,s”. Fragt sich nur welches ­ ein stimmhaftes (gesummtes) oder ein stimmloses (scharfes). Doch dafür gibt es klare Regeln: Das ,,s” am Anfang eines Wortes ist immer stimmlos (Sintra, ser, saudade, sopa), zwischen zwei Vokalen jedoch stimmhaft (rosa, piso etc.). Bei der Bewältigung der unterschiedlichen Klangqualität des ,,s” gibt es bei den deutschen Portugiesischlernenden ein deutliches Nord-Südgefälle. Wenn Sie unsicher sein sollten, empfiehlt sich ein ganz einfacher Trick: Legen Sie die Fingerspitze sanft auf Ihren Kehlkopf und sprechen Sie casa (Haus) so aus, dass sich die Stimmbänder durch leichtes Vibrieren bemerkbar machen (stimmhaftes ,,s”). Rührt sich gar nichts, dann haben Sie soeben das Wort caça (Jagd) mit einem stimmlosen ,,s” ausgesprochen. Das ,,ç” (c cedilha) wird vor ,,a”, ,,o” und ,,u” nämlich wie ein stimmloses ,,s” gesprochen, ebenso wie das ,,c” (ohne cedilha) vor ,,e” (centro) und ,,i” (cidade). (Aufpassen: Vor ,,a”, ,,o” und ,,u” wird das ,,c” ohne cedilha wie ein ,,k” gesprochen!) Die Kehlkopfprobe benötigen Süddeutsche, soweit sie Probleme haben, stimmhafte und stimmlose Sibilanten zu unterscheiden, auch für den ,,sch”-Laut, denn auch diesen gibt es in beiden Versionen. So wird ­ um zu den oben zitierten Beispielen zurückzukehren ­ das ,,sch” in Kombination mit einem stimmlosen, ,,harten” Konsonanten (p, t, f, q) stimmlos gesprochen (Estoril, Espinho, esfera, esquema), in Verbindung mit einem ,,weichen” Konsonanten (n, m, b) stimmhaft (asneira, cosmos, esbelto). In Verbindung mit einem Vokal findet sich das stimmhafte ,,sch” schriftlich wiedergegeben durch den Buchstaben ,,g” vor ,,e” und ,,i” (gelado, giro) oder mit ,,j” vor ,,a”, ,,o” und ,,u” (jarro, jogo, Junho), gelegentlich auch vor ,,e” und ,,i” (Jesus, jibóia). Das stimmlose ,,sch” wird als ,,ch” geschrieben (chávena, chouriço, chuva, chegar etc.), seltener als ,,x” (lixo, xadrez). Zur Probe gleich noch mal die Fingerspitzen an den Kehlkopf: Bei queijo (Käse) muss er vibrieren, bei queixo (Kinn) jedoch nicht. Wem das alles zu kompliziert ist oder wer ähnlich wie Stefanie von der Zischelei genug hat, muss sich entweder in Nordportugal oder Brasilien niederlassen, wo die s = sch-Regeln nicht gelten, oder auf Spanisch umsteigen, wo es ohne Zischeln und ohne Stimmhaftigkeit zugeht.

 

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