Portugal -­ das Land der Verlierer?

Wussten Sie, was ,,lusitanistas” sind? Was bedeutet ,,lusófono”? Und was hat es mit der Vorsilbe ,,luso” auf sich? Begriffe, denen man in Portugal, dem Land der Lusitanier, auf Schritt und Tritt begegnet
Da hat doch kürzlich jemand allen Ernstes den bekannten süddeutschen Kuchen ,,Googlehupf” geschrieben! Wie man sieht: Das Englische ist mächtig auf dem Vormarsch! Eine ähnliche anglizistische Verballhornung liegt vor, wenn man das portugiesische Adjektiv luso bzw. lusa mit englisch loser in Verbindung bringt: A nação lusa ­ das Land der Verlierer? Nein, wohl eher ein schlechter Scherz. Doch woher kommt dieser Begriff, auf den man in Portugal auf Schritt und Tritt trifft? Nun, er geht ­ wie könnte es anders sein? ­ auf die alten Römer zurück. Als sie ab etwa 210 v. Chr. begannen, die Iberische Halbinsel zu ,,befrieden”, also zu erobern, nannten sie die Stämme, die im heutigen Portugal ansässig waren lusitanii, die Lusitanier, im Gegensatz zu den auf der restlichen Halbinsel ansässigen hispanii. Die lusitanii waren schon damals ein aufmüpfiges Volk, von keinerlei Verlierermentalität geprägt. Ihr Anführer Viriatus, das portugiesische Pendant zum gallischen Vercingétorix, leistete den Römern erbitterten Widerstand, wofür ihm die Portugiesen der Neuzeit auf dem Triumphbogen am Ende der Rua Augusta in der Lissabonner Baixa ein Denkmal gesetzt haben. Os lusitanos, die Lusitanier, ist heute eine liebevolle bis ironische Bezeichnung für die Bewohner Portugals und hält zur Bezeichnung der verschiedensten Dinge her, von der bekannten Pferderasse bis hin zu Volkstanzgruppen (ranchos folclóricos). Die Lusitanisten (lusitanistas) beschäftigen sich mit portugiesischer Sprache und Kultur. Lusófilo (lusophil) ist, wer die Portugiesen mag, lusófobo (lusophob), wer sie nicht ausstehen kann. Die Lusophonie (lusofonia) ist die Portugiesischsprachigkeit. 58 Die acht lusophonen, also portugiesischsprachigen Länder in vier Kontinenten (Portugal, Brasilien, Angola, Mosambik, Cabo Verde, S. Tomé e Príncipe, Guinea-Bissau, Ost-Timor) haben sich 1996 zur CPLP (Comunidade dos Países de Língua Portuguesa) zusammengeschlossen und stellen mit ihren 220 Millionen Einwohnern die sechstgrößte Sprachgemeinschaft weltweit dar. Schließlich hat Portugals Nationaldichter Luís Camões sein Epos, in dem er die Entdeckungsfahrten Vasco da Gamas preist, Os Lusíadas, die Lusiaden genannt. Nach dieser sprachlichen Klärung des Begriffs luso ein kurzer Blick auf die angebliche Loser-Mentalität der Portugiesen. Sie wird zumeist mit der immer wieder gerne zitierten saudade in Verbindung gebracht, die ihren schönsten Ausdruck im fado triste findet. Es ist die portugiesische Form des Weltschmerzes, des Leidens an dem Hier und Jetzt und der ungestillten Sehnsucht nach besseren Zeiten, ferneren Welten oder einfach nach der fernen Geliebten. Auch trifft man in Portugal immer mal wieder auf eine resignierende Stimmung, in der Unglücksfälle oder auch persönliches Versagen gerne mit dem Wirken höherer Mächte entschuldigt werden (Foi a vontade de Deus ­ Es war der Wille Gottes), eine Haltung, die häufig mit dem Fatalismus der arabischen Vorfahren erklärt wird. Doch so schnell geben Portugiesen (sich) nicht auf. Die Selbstmordrate ist extrem niedrig: 1998 waren es lediglich 5,7 Fälle auf 100.000 Einwohner, eine Zahl, die in Europa nur von den Griechen unterboten wird (3,9 Fälle). In Dänemark, das laut Umfragen europaweit die meisten glücklichen Menschen hat, waren es immerhin 17 und in Deutschland 14,4 Suizide. Auch sind die Portugiesen trotz der ihnen nachgesagten saudade kein Volk von Traurigkeit. Die Franzosen sprechen sogar von den Portugais toujours gais, den immer fröhlichen Portugiesen. Erfolge auf den verschiedensten Gebieten (Sport, Kultur, Technologie, Wirtschaft, Diplomatie etc.) haben das nachrevolutionäre Portugal zu einem Land gemacht, das munter im europäischen Konzert mitmischt. Die nação lusa eine Loser-Nation? Uma ova! ­ Von wegen!

Portugal ­ das Land der Saudade? Die Portugiesen ­ ein Volk von Trauerklößen und Verlierern?
Statt lusitano bedient man sich gerne des knapperen und damit griffigeren Wortes luso, das ebenfalls sowohl Substantiv als auch Adjektiv ist, es hat also auch die Pluralform (lusos) und die weibliche Form (lusa, lusas). Wegen seiner Kürze eignet es sich besonders für Zusammensetzungen, in denen es aber unveränderlich luso heißt, z.B. os luso-descendentes (die Einwanderer portugiesischer Abstammung), as relações luso-brasileiras (die brasilianisch-portugiesischen Beziehungen), die Câmara de Indústria e Comércio Luso-Alemã, die deutsch-portugiesische Industrie- und Handelskammer.

von DR. PETER KOJ
ESA 3/08

 

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