Klein, kleiner, … am größten

Fala Português?

Klein, kleiner, … am größten

Das Portugiesische kann durch Anhängen bestimmter Endungen aus der Mücke einen Elefanten machen. Doch Vorsicht ist geboten: Häufig haben diese Endungen einen herabsetzenden Beigeschmack

Portugal ist das Land der Kontraste, auch im sprachlichen Bereich. Auf der einen Seite findet sich die Tendenz zur Verkleinerung und Verniedlichung, wie sie sich besonders in der Endung -inho bzw. -inha manifestiert (s. ESA 3/06). Auf der anderen Seite neigt das Portugiesische aber auch dazu, sich aufzuplustern und alles größer zu machen. Das beginnt mit der Wortwahl, wenn in bestimmten Zusammenhängen gern ein dramatischer Ausdruck gewählt wird, wo ein schlichterer es auch getan hätte. Entsprechend der Verkleinerungsform (Diminutiv) -inho/-inha gibt es eine Reihe von Vergrößerungsformen (Aumentative). Die verbreitetste ist wohl die Endung -ão, die man im Austausch gegen den Schlussvokal anhängt. So wird aus der garrafa (Flasche) der garrafão (5-Liter-Flasche, auch Demijohn genannt). Ein trabalhão ist eine besonders harte Arbeit und ein dinheirão ein Haufen Geld. Bei den Substantiven auf -z muss man aufpassen, da dieses häufig durch ein g ersetzt wird (rapaz, Knabe > rapagão, strammer Bursche; nariz, Nase > narigão, großer Zinken). Häufig wird noch eine Zwischensilbe eingeschoben. So wird aus porco, Schwein ein porcalhão, Dreckschwein (weiblich: porcalhona) und aus casa, Haus ein casarão, ein Riesengebäude. Neben -ão gibt es eine Reihe anderer Endungen, wie z.B. -aço/-aça (rico, reich > ricaço, stinkreich), -alha (muro, Mauer > muralha, Stadtmauer), -arro/-arra (boca, Mund > bocarra, großes Maul), -edo (rocha, Fels > rochedo, Klippe), -oco/-oca (beijo, Kuss > beijoca Schmatz). Wie man sieht, ergibt sich durch die Vergrößerung häufig auch eine verschlechternde (pejorative) Nebenbedeutung. Es ist also höchste Vorsicht geboten, wenn man sprachlich nicht ins Fettnäpfchen treten möchte. Das geht sogar so weit, dass die Vergrößerungsendung -ão gelegentlich sogar der Verkleinerung dienen kann, ähnlich wie die Endung -inho/-inha gelegentlich eine Vergrößerung oder Verbesserung bedeuten kann. So wird aus der carta, dem Brief, der cartão, die Visitenkarte (auch als cartão de crédito, Kreditkarte, gebräuchlich). Da dies aber auch den Karton oder die Pappe bezeichnet (in dem Falle wäre es eine echte Vergrößerung), hängen die Portugiesen an die Vergrößerungsform sicherheitshalber gleich noch die Verkleinerung -inho (cartãozinho) an. Bei den Eigenschaftswörtern (Adjektiven) haben die Portugiesen noch eine weitere Möglichkeit, sprachlich einen Gang zuzulegen. So gibt es neben dem üblichen, durch Hinzufügung von o/a mais gebildeten Superlativ, einen zweiten Superlativ, der die lateinischen Endungen beibehalten hat. So heißt der/die teuerste o mais caro/a mais cara. Ähnlich zusammengesetzte Superlative kennen wir aus dem Englischen (the most expensive) und dem Französischen (le plus cher/la plus chère). Aber es gibt auch den ,,klassischen” Superlativ caríssimo/caríssima. Nur wird hier kein echter Vergleich gezogen, sondern seiner Wut oder seinem Erstaunen über den hohen Preis Ausdruck verliehen (in deutsch etwa: sauteuer). Und so ist baratíssimo nicht der oder die billigste, sondern ,,spottbillig” und feiíssimo (von feio) potthässlich. Das Prinzip ist ganz einfach: Sie hängen -íssimo oder -íssima an ein Adjektiv und schon haben Sie eine weitere Möglichkeit der Vergrößerung. Natürlich gibt es wieder die berühmten Ausnahmen, wie z.B. óptimo, sehr gut (von bom), péssimo, sehr schlecht (von mau), antiquíssimo, uralt (von antigo), nobilíssimo, sehr edel (von nobre), amabilíssimo, äußerst liebenswürdig (von amável), simplicíssimo, ganz einfach (von simples), dazu die Steigerungsformen auf -érrimo/a (paupérrimo, bettelarm) und -ílimo/a (facílimo, superleicht). Und bei grande und pequeno haben Sie sogar zwei Möglichkeiten, um auszudrücken, dass etwas besonders groß oder besonders klein ist: máximo/grandíssimo und mínimo/pequeníssimo. Das grandíssimo lässt sich umgangssprachlich noch mal steigern, so wenn der Portugiese über eine grandessíssima merda flucht. Umgekehrt verdanken wir dem klassischen Superlativ Portugals höflichste Anrede, den Excelentíssimo Senhor, in der Kurzform Exmo in der portugiesischen Korrespondenz von heute durchaus noch geläufig.
von Dr. Peter Koj

ESA 7/06

 

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