Groß, größer, … am kleinsten

SPRACHE

Groß, größer, … am kleinsten
Die Portugiesen lieben es, an alle möglichen Wörter die Endung -inho oder -inha zu hängen. Es verleiht der Sprache etwas Einschmeichelndes und Melodiöses. Doch vor Nachahmung wird gewarnt
von PETER KOJ

Portugal, das Land der Kontraste. Wo die einst größten Landtiere unseres Planeten, die Dinosaurier, ihre Spuren hinterließen (zu sehen in der Nähe von Lourinhã und in der Serra de Aire bei Fátima), zwitschert heute Europas kleinster Singvogel, die Estrelinha-de-cabeça-listada, das Sommergoldhähnchen. Oder ein Beispiel aus der Musik: Die Vereinigten Staaten verdanken ihr größtes Blasinstrument, das Sousaphon, einem Sohn portugiesischer Einwanderer, John Philip de Sousa. Aber auch ihr kleinstes Saiteninstrument, die Ukulele, ist nichts anderes als das von portugiesischen Seeleuten nach Hawaii mitgebrachte Cavaquinho. Solche Kontraste spiegeln sich auch in der portugiesischen Sprache wider, die eine Vielzahl von Endungen kennt, um etwas besonders klein oder groß zu machen. Es sind die sogenannten Diminutive (Verkleinerungsformen) und Aumentative (Vergrößerungsformen). Fangen wir ganz klein an. Auch dem Portugalbesucher ohne Sprachkenntnisse wird der häufige Gebrauch der Endung -inho bzw. -inha auffallen. Ein Satz wie De manhãzinha, os rapazinhos e as rapariguinhas vão para escolinha (am Morgen gehen die kleinen Jungen und Mädchen zur Schule) ist nichts Ungewöhnliches. Oder man hört im Café jemanden einen cafezinho bem cheiinho, einen ordentlich vollen Kaffee verlangen. Diese Verkleinerung lässt sich sowohl an Substantive (Hauptwörter, Beispiel cafezinho) als auch an Adjektive (Eigenschaftswörter, Beispiel cheiinho) hängen, aber auch an andere Alltagswörter wie adeusinho, selbst in dem Tschüßchen italienischen Ursprungs. Das Ganze gibt dem Portugiesischen etwas verniedlichend Einschmeichelndes und Melodiöses. Weswegen es auch in der für ihre Musikalität so gerühmten brasilianischen Variante sehr beliebt ist, und nicht nur bei Fußballspielern wie Ronaldinho. Wer es selbst mal ausprobieren will, muss allerdings ein paar Grundregeln beachten. Hängt man die Endung -inho (männlich) oder -inha (weiblich) an ein Wort an, das auf -o oder -a endet, so fallen diese weg (rapariga > rapariguinha, cheio > cheiinho); die Wörter auf -e bieten zwei Möglichkeiten: entweder das -e – fällt weg (quente > quentinho) oder es wird ein stützendes -z- eingefügt (leve > levezinho). Diese Stütze ist auch nötig, wenn das Wort auf einen betonten Vokal endet, d.h. auf -u oder auf einen Vokal mit Akzent, der dann allerdings verloren geht, weil die Silbe dann nicht mehr betont ist (wie in café), auf einen Vokal mit Tilde (wie in manhãzinha) oder auf einen Diphthong d.h. Doppelvokal (ciaozinho), aber auch nach -m (bom > bonzinho) und -r (colherzinha, kleiner Löffel). Bei den Wörtern auf -l, wenn sie auf der letzten Silbe betont sind, gibt es beide Möglichkeiten (papel > papelinho/papelzinho); sind sie jedoch auf der vorletzten Silbe betont, ist nur die Form mit -z- möglich (automóvel > automovelzinho). Vorsicht bei der Pluralbildung der Wörter auf -ão. Hier genügt es nicht, ein -s an die Verkleinerungsform anzufügen. Man muss -inhos bzw. -inhas an die korrekte Pluralform hängen, bei deren Bildung es allerdings nicht ganz einfach zugeht (dazu ein anderes Mal mehr!). Wer also zum Bäcker geht, um Brötchen (o pãozinho, eigentlich ,,kleines Brot”) zu kaufen und möchte mehrere davon, muss dois, três pãezinhos verlangen. Bei den Visitenkarten heißt es in der Mehrzahl jedoch os cartõezinhos (von cartão). Der Weg zu den netten Verkleinerungsformen ist mit zahlreichen Hindernissen gespickt. Ein weiteres Fettnäpfchen wartet. Die portugiesischen Diminutiva drücken nämlich nicht nur aus, dass etwas kleiner ist. Es kann auch einen herabsetzenden Beigeschmack haben. So ist ein homenzinho nicht unbedingt ein kleiner Mann, sondern kann auch einen unbedeutenden, einfachen Mann bezeichnen. Oder man möchte dadurch eine ironische Wirkung erzielen, z.B. wenn man mit bom trabalhinho (,,gute kleine Arbeit”) lobt, meint man eher das Gegenteil, in dem Sinne ,,Das ist dir aber schön daneben gegangen!” Und wenn, wie oben, ein café cheiinho verlangt wird, so will der Kunde nicht weniger, sondern eher mehr Kaffe in seiner Tasse haben. So kann die Verkleinerungsform sogar der Vergrößerung dienen. Es kommt eben immer auf den Zusammenhang oder die Sprechsituation an.

 

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