Fremdkörper

Fala Português?

Sprechen Sie Portugiesisch?
Folge 17: Fremdkörper
Jede lebende Sprache wird von anderen Sprachen beeinflusst. Mit fortschreitender Globalisierung sind sprachkulturelle Mischungen noch häufiger geworden. Doch auch aus den Zeiten der Völkerwanderung, arabischer Besetzung und napoleonischer Kriege gibt es sprachliche Überreste im Portugiesischen

Als vor einiger Zeit ein portugiesischer Provider auf großen Plakatwänden mit dem Spruch ,,Clix custa nix” für sich warb, rieben sich nicht nur deutsche Touristen und Residenten die Augen. Fremdkörper aus dem deutschen Sprachbereich, sog. Germanismen, dringen nicht gerade häufig in den portugiesischen Sprach-Corpus ein. Ganz anders sieht das mit den englischen Fremdkörpern, den sog. Anglizismen, aus. Sie breiten sich geradezu krebsartig aus und führen, wie in der 16. Folge dieser Reihe (ESA 4/05) gezeigt wurde, zu Zwitterformen wie das Denglisch (Deutsch und Englisch), Franglais (Französisch und Englisch) oder Portinglês (Portugiesisch und Englisch). Doch bei allem Naserümpfen über das Vordringen von Anglizismen darf man nicht übersehen, dass eine Reihe von estrangeirismos ­ so nennen die Puristen diese sprachlichen Fremdkörper ­ auch aus anderen Sprachen ihren Weg ins Portugiesische gefunden haben. Da ist in erster Linie das Französische zu nennen. Frankreich war bis zum 2. Weltkrieg das große kulturelle Vorbild, trotz der traditionellen politischen Bindungen an England (der erste Freundschafts- und Handelsvertrag datiert von 1308) und trotz der Verwüstungen durch die napoleonischen Truppen. So kam es im 18./19. Jahrhundert ähnlich wie in Deutschland zu einer Reihe von Übernahmen französischer Begriffe, sog. Gallizismen, aus dem Bereich von Politik, Militär und Künsten, des täglichen Lebens wie der Gastronomie und der Mode. Interessanterweise passen die Portugiesen, im Gegensatz zu den Deutschen, das französische Schriftbild der eigenen Aussprache an (s. Kasten). Diese ,,Lusitanisierung” führt jedoch nicht zu so extremen Differenzen wie bei der Übernahme der englischen Fremdkörper, wo man wirklich zweimal hinschauen oder noch besser den Begriff laut vorlesen muss, um das englische Original auszumachen. Dass dieser ganze Angleichungsprozess der Gallizismen noch im vollen Gang ist, zeigt die Regelung, dass man die französische Endung ,,-ier” neuerdings ,,-iê” schreiben soll (ateliê statt atelier, dossiê statt dossier, etc.).

Solche orthografischen Anpassungen sind bei der Übernahme aus dem Spanischen nicht vonnöten, zu ähnlich sind sich die beiden iberischen Sprachen. Ja, bei einigen Begriffen ist die kastilianische Herkunft den meisten Portugiesen nicht einmal bewusst, wie z. B. bei a frente (Stirn, Vorderseite), moreno (dunkelhäutig, -haarig), a cataplana (Kupfertopf), a gamba (Garnele), a boina (Baskenmütze), a faina (Plackerei, Arbeit an Bord), o tijolo (Ziegelstein). Während Portugal jahrhundertelang Rücken an Rücken mit ­ wie sie leicht ironisch genannt werden ­ nuestros irmanos, ,,unseren Brüdern” lebte, kann man seit dem gemeinsamen EUEintritt am 1.1.1986 eine größere Öffnung beobachten. Dies zeigt sich auch in der zwanglosen Übernahme spanischer Begriffe. Während o mirone (der Gaffer) und o aficionado (ursprünglich der Stierkampfanhänger, heute jede Art von Liebhaber/Fan) noch den entsprechenden portugiesischen Artikel erhalten, wird bei la movida (nächtliches Treiben) selbst darauf verzichtet. Überhaupt sollte man das ganze Thema unemotional und ohne Chauvinismus angehen. Denn im Grunde ist die portugiesische Sprache von heute, historisch betrachtet, selbst ein Fremdkörper. Sie ist die Fortentwicklung des Lateinischen, mit dem die Römer die Sprache der keltiberischen Bevölkerung verdrängten. Von dieser existieren nur noch einige Begriffe, vor allem aus dem häuslichen Bereich: a broa (das Maisbrot), a garra (die Kralle), o morro (der Hügel). Mit dem Eindringen der germanischen Stämme (Sueben, Westgoten) im 5. Jahrhundert wurde auch germanisches Wortgut in die sich formierende portugiesische Sprache aufgenommen: fresco (frisch), rico (reich), a guerra (der Krieg), o elmo (der Helm), a harpa (die Harfe), o ganso (die Gans), o margrave (der Markgraf), etc. Noch zahlreicher dürften die Fremdkörper sein, die durch die arabischen Eroberer ab 715 eingedrungen sind. Viele der mit ,,al”, dem arabischen Artikel beginnenden Wörter und Namen sind arabischen Ursprungs: a alcatifa (der Teppich), a almofada (das Kissen), o alface (der Salat), o algodão (die Baumwolle), a alfândega (der Zoll), Algarve, Alfama, Aljezur, etc., aber auch so geläufige Begriffe wie o açucar (der Zucker), o armazém (das Lager), o arroz (der Reis), o azeite (das Olivenöl), azul (blau), a cenoura (die Karotte), a laranja (die Apfelsine), o quintal (der Garten), o refém (die Geisel) etc. Später kamen dann noch die sog. ,,gelehrten” Wortbildungen aus dem Lateinischen und Griechischen in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen hinzu. Sie haben dem Portugiesischen das wohl größte Wortungetüm beschert, nämlich den otorinolaringologista, die landesübliche Bezeichnung für den HNO-Arzt. Bis der deutsche Tourist diese über die Lippen gebracht hat, braucht er wohl selbigen nicht mehr. Auch die deutschen Mineralogen haben hier ihr Scherflein beigetragen, wie das Beispiel o feldspato und o quartzo zeigen. Und wer meint, dass es an deutschen ,,Fremdkörpern” sonst nix gibt, dem kann ich noch a valsa (der Walzer) und o vermute (der Wermut) bieten. Doch diese beiden beschwingten oder beschwingenden Vertreter sind auf dem Umweg über Frankreich (la valse, le vermouth) nach Portugal gelangt.

Der vollständige Text dieses Artikels ist im Heft 3 der Portugal-Post erschienen und nachzulesen auf der PHG-homepage (www.p-hh.de).

Wörter arabischen Ursprungs

a albufeira – der Stausee o alcóol – der Alkohol a aldeia – das Dorf o alfaiate – der Schneider a alfândega – der Zoll a argola – der Ring o armazem – das Lager o arraial – das Fest o atum – der Thunfisch o marfim – das Elfenbein a nora – der Schöpfbrunnen o xarope – der Sirup Algarve Alfama Aljezur Silves

Französische Lehnwörter
o abajur l’abat-jour, der Lampenschirm a buate la boîte, der Nachtclub o cais e quai, der Kai o chapéu le chapeau, der Hut o croissã le croissant, das Hörnchen o cupão le coupon, der Abschnitt o detalhe le détail, das Detail o(!) duche la douche, die Dusche o guichê le guichet, der Schalter o pionés la punaise, die Heftzwecke a rulote la roulotte, der Wohnwagen o sutiã le soutien, der BH o xófer le chauffeur, der Fahrer

 

Share.

Comments are closed.