Bühne frei

Bretter, die die Welt andeuten

In der darstellenden Kunst seien Produktivitätssteigerungen unmöglich, sodass steigende Kosten nicht aus eigener Kraft aufzufangen seien, analysierte der Ökonom William Baumol die Anatomie wirtschaftlicher Probleme von Theatern. In der Algarve reifen Projekte, um Publikumswünschen und Finanzierungszwängen gleichzeitig gerecht zu werden

Apariço und Ordonho beklagen ihr tristes Schicksal als Diener, während sie bettelnd durch die Straßen ziehen, als Aires Rosado den Schauplatz betritt, ein Schildknappe aus verarmtem Adel, sangesfreudig und schwer verliebt in Isabel, der er ein Ständchen bringt, wie es Shakespeare fünf Jahrzehnte später unsterblich machen sollte. Was bei Romeo und Julia als Tragödie endet, gereicht im Fall von Rosado und Isabel zur Farce. Der Gesang ist eher schief als betörend und wird zudem von Hundegebell, miauenden Katzen und Gegacker des häuslichen Federviehs gestört. Zur Aufwertung seines Auftritts macht Rosado seiner Angebeteten allerlei Versprechungen, die sämtlich haarscharf neben der Wahrheit angesiedelt sind, wie sein Diener Apariço kommentiert. Am Ende verscheucht Isabels Mutter den portugiesischen Romeo mit Verwünschungen und rät der Tochter, sich fürs Nähen und Weben zu begeistern statt für mittellose Ritter. Fazit, wie im richtigen Leben: Laue Lieder sind nicht profitabel, solides Handwerk hingegen stützt die Existenz. Und die höherrangige Instanz hat immer das letzte Wort.
Das Theaterstück Quem tem farelos? (‘Wer hat Kleie?’), 1515 uraufgeführt, stammt von Gil Vicente, der als Urvater des portugiesischen Theaters gilt. Das Stück karikiert die Gesellschaft seiner Zeit und ist zeitlos modern. Obwohl Gil Vicente ein Protegé des Königs D. Manuel I war, musste er stets auf die Milde der Inquisition hoffen. Klassiker wie Vicentes’ Stücke kommen in Portugals Schauspielhäusern bis heute zur Aufführung, ebenso Werke anderer Theaterdichter aller Epochen und Herkünfte. Die inquisitio der Bühnen und ihrer Programme findet heute in anderen Kulissen statt: Finanzverwalter entscheiden über Sein oder Nichtsein. Wer immer strebend sich bemüht wie Rosado beim Gesang, lernt, dass das manchmal nicht reicht.
Das Gruppenerlebnis, die gemeinsame Erschütterung, das gemeinsame Lachen“, wie Claus Peymann, künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles, das Theater als Unterschied zum Konsum anderer Medien definiert, ist in Portugals Staatshaushalt so geringfügig berücksichtigt wie in praktisch keinem anderen EU-Land: Der Kulturetat des Landes liegt seit mindestens 15 Jahren bei nur einem halben Prozent des Staatshaushaltes und diese Gelder betreffen nicht allein die Theater, sondern auch Galerien und Museen, Bibliotheken und die Filmförderung. Zudem sind drei Viertel der öffentlichen Kulturfinanzierung Aufgabe der chronisch unterfinanzierten Städte und Gemeinden. Der öffentliche Protest bei Kürzungen ist meist gering, vor allem, wenn Menschen Kunst als Privatvergnügen betrachten.

Das Statistikamt INE listet in Portugal 340 „Räume zur Aufführung von Live-Darbietungen“, zusammen verfügen sie über knapp 220.000 Plätze. Rund 30.000 Aufführungen landesweit zogen im vergangenen Jahr über zehn Millionen Besucher an – statistisch hat also jeder Portugiese einmal im Jahr ein Theater besucht. Diese Zahlen sind seit 2008 ungefähr konstant, nachdem sie seit Beginn der Statistik im Jahr 1960 kontinuierlich gestiegen waren. Und: In Portugal funktionieren die meisten Häuser ohne eigenes Ensemble als Bühne für Künstler, die mit ihren Projekten das Land bereisen.
Ein solches Theater ist das Teatro das Figuras in Faro. 2005 im Rahmen der Funktion der Algarvemetropole als nationale Kulturhauptstadt eröffnet, steht das Haus heute vor größeren Aufgaben: Faro möchte Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2027 werden (s. ESA 11/15). Das Teatro das Figuras ist Dreh- und Angelpunkt der Kandidatur, bereitet sich aber „nicht nur auf diese einmalige Chance vor. In erster Linie wollen wir für die Bevölkerung der Algarve präsent sein“, erklärt Joaquim Guerreiro, der vor seiner Berufung zum Theaterleiter im Stadtrat von Loulé und im Rathaus von Faro tätig und für den Kultursektor aktiv war. Guerreiro ist der Begründer zweier renommierter Algarve-Events, die jetzt für den Iberian Festival Award nominiert wurden: Das Festival MED, das jedes Jahr den musikalischen Sommerauftakt in Loulé bildet (30.6. – 2.7.16) und das Festival F für Musik, Literatur, Kunst und Comedy in der Altstadt von Faro im September.
Am Teatro das Figuras beschreitet Guerreiro neue Wege, denn nach der Auflösung der kommunalen Unternehmen als Träger muss sich das größte Theater der Algarve mit 762 Plätzen neu aufstellen. Für Guerreiro ist die Welt nicht nur eine Bühne, sein Blick geht in den Zuschauerraum. Das Theater mit einem Jahresetat von rund Euro 850.000 (2015) möchte als „Raum für die moderne darstellende Kunst“ mit einem breit gefächerten Angebot jeden Geschmack ansprechen, dabei aber nicht Gefahr laufen, beliebig zu werden. Die Konstante im jährlichen Programmraster sind die Konzerte des Orquestra Clássica do Sul, ansonsten „laden wir Künstler mit interessanten Programmen ein. Ebenso bekommen wir Anfragen von Ensembles, die bei uns spielen wollen“, so Guerreiro. Das wirkt sich finanziell aus: Das Theater teilt sich Erfolg und Risiko mit den auftretenden Künstlern, die ihrerseits durch die Kosten für ihr Projekt direkt auf die Preise für die Theaterkarten einwirken.
Der Durchschnittspreis für ein Billett beträgt zehn Euro, jedoch mit großen Schwankungen. Der Ticketpreis sei im Schnitt niedriger als in anderen Landes-teilen und dennoch kaum ausschlaggebend dafür, ob das Haus ausverkauft sei oder nicht. Vorstellungen mit bekannten Künstlern wie dem Harlem Gospel Choir oder dem britischen Sänger Benjamin Clemen-tine erwiesen sich auch bei höheren Preisen als Publikums-magnet. Bei anderen Vorstellungen sei der Saal stets mindestens zur Hälfte gefüllt. Das Ticket soll Ausdruck einer Beziehung zwischen Künstlern, Theater und Publikum sein und nicht nur eine Transaktion, bei der Sitzplätze verkauft werden. Zu diesem Konzept einer Gemeinschaft kulturell Gleichgesinnter gehört auch die Bitte an die in der Algarve ansässigen Ausländer, dem Theater ihre Wünsche zum Kultur-programm mitzuteilen (marketing@teatrodasfiguras.pt; s. ESA 1/16).

Es sei in der Algarve schwierig, sporadische Zuschauer zum treuen Publikum zu machen. Internationale Untersuchungen besagen, die Festigung eines Stammpublikums könne bis zu zehn Jahre dauern, es wieder zu verlieren, dauere hingegen nur drei Monate, wenn die Zuschauer sich durch die künstlerischen Angebote nicht mehr angesprochen fühlen. Was heute auf die Bühne kommt, ist eine Investition in das Theater von morgen. Neben nationalen und internationalen Darbietungen von Musik, Tanz, Lesungen, Konferenzen oder Ausstellungen will das Theater auch an anderen Orten präsent sein und „den Zuschauer dort überraschen, wo er uns vielleicht nicht erwartet.“
Die Planer beobachten mit Interesse Experimente europäischer Theater: In Wien sollen Abonnenten über künftige Spielpläne abstimmen. In London werden Jugendliche mit Freikarten umworben und Orchester animieren mit Ticket-Flatrates zum Besuch beliebig vieler Konzerte. Mäzenatentum kommt hinzu, ebenso die öffentliche Förderung einzelner Projekte. Das bringt neue Aspekte ins Spiel: Das Antragswesen, die Macht von Politikern und privaten Förderern, mögliche Beeinflussbarkeit der Produktion. Projektkultur fördert Chancen bei relativer Sicherheit.
Wenn unter diesen Bedingungen „jedes Theater versuchen wollte, mit seinem Repertoire alle Bühnengenres abzudecken, wäre das ruinös“, sagt Theaterdirektor Guerreiro. Nun haben die Bühnen der Region die Wende vom Konkurrenzdenken zur Kooperation geschafft und die Rede AZUL gegründet, ein Theaternetzwerk, das eine harmonisierte Programmplanung erleichtern und Bedingungen schaffen soll, um die Produktion kultureller Veranstaltungen in der Algarve zu fördern. Die Rede AZUL umfasst bisher elf Bühnen, jeweils die größte jedes Bezirks, die zusammen 4.275 Plätze repräsentieren. Andere Theater „sind eingeladen, sich anzuschließen“, hieß es bei der Vorstellung des Projekts, das den Austausch von Künstlern ebenso im Blick hat wie die rentable Nutzung der kulturellen Infrastruktur der Algarve. Die Rede AZUL will sich der künstlerischen und technischen Ausbildung widmen, Amateur-Ensembles unterstützen und gemeinsame Festivals organisieren. Wenn alles gut geht, kann der Verbund dann auch Raum für Experimentelles und Unkonventionelles schaffen, das keinen unmittelbaren materiellen Gewinn verspricht, dafür aber überregionale Aufmerksamkeit.
Nicht nur die Verwaltung, sondern auch Theaterautoren selbst haben sich zu allen Zeiten Gedanken über die Bühnen gemacht, wobei Goethe feststellte, das Theater sei „eines der Geschäfte, die am wenigsten planmäßig behandelt werden können.“

Text: Henrietta Bilawer; Foto: Teatro Municipal de Faro
In ESA 02/16

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