Amigos de Música

Für Liebhaber und Neugierige

In der multikulturellen Diaspora der Algarve in intimem Rahmen Kammermusik von Beethoven, Debussy oder Chopin gewissermaßen als Häppchen zu servieren, klingt nach einer mutigen Idee

Wenn ausländische Residenten sich in der Algarve niederlassen und ihre Häuser gebaut und eingerichtet sind und sie jeden Golfplatz bespielt haben, verspüren sie Sehnsucht nach kultureller Abwechslung“, resümiert Helga Hampton die erfolgreiche Biografie der Associação de Amigos de Música de São Lourenço (AAMSL). „Als Kultur verwöhnter Resident lechzte man in den Neunziger Jahren geradezu nach kultureller Ergötzung. Das war die Flamme, die uns Musikfreunde entzündete, etwas in Bewegung zu bringen.“
Angefangen hat alles mit Konzertabenden und Kammermusik bei Ehepaar Huber in Almancil im Centro Cultural de São Lourenço (CCSL). Die glühende Anhängerin der klassischen Musikszene Lady Christine Vavasour hob eines Tages die Kammermusik für Liebhaber aus der Taufe, und die Konzertabende im kleinen Kreis entwickelten sich zu einem festen Programmpunkt. Just zum zehnten Geburtstag des CCSL 1991 wurde dann der Verein AAMSL offiziell beim Notar in Almancil statuiert. Dank der goutierten Leidenschaft für Kammermusik zahlreicher Ausgewanderter bildete sich ein dichtes, international verknüpftes Netzwerk, das sich mittlerweile über die gesamte Algarve ausdehnt. 1994 übernahm Helga Hampton den Vorsitz und wurde 2005 abgelöst von Barry Shaw, der 2012 völlig unerwartet verstarb. Seitdem widmet sich Helga Hampton erneut als Präsidentin mit unermüdlicher Hingabe und mit ansteckendem Elan den logistischen Notwendigkeiten für die Konzertagenda, von der Akquise bis zum Programmtext.
Gegenwärtig koordiniert sie gemeinsam mit anderen Vorstandsmitgliedern sechzehn Konzertabende pro Jahr. Auf insgesamt acht Konzertzyklen zu je zwei Konzertabenden mit unterschiedlichem Programm können sich die Musikfreunde freuen. Ihre Gäste findet sie über ihr eigenes Netzwerk und über Empfehlungen unter Kollegen. „Als passionierte Konzertfanatikerin konnte ich in all den Ländern, in denen ich das Vergnügen hatte zu leben und zu arbeiten, zahlreiche Musikfreundschaften schließen, und die kommen jetzt ins Spiel“, verrät Helga Hampton. „In Berlin kam ich über freundschaftliche Beziehungen in Kontakt mit Professor Gernot Schulz, Direktor der Herbert-von-Karajan-Akademie und über ihn an Holger Groschopp, Pianist bei den Berliner Philharmonikern, und über den wiederum an die Cellistin Adele Bitter. Beiden Musikern hat es sehr gut bei uns gefallen, sie möchten wiederkommen und sie werden uns als Konzertbühne entsprechend bei Kollegen empfehlen.“

Auf diese Weise hat sich über zweieinhalb Jahrzehnte ein Fundus an Namen von Spitzenmusikern angesammelt. AAMSL lädt Musiker ein, die ihr Instrument virtuos beherrschen und darüber hinaus die charismatische Fähigkeit besitzen, ohne Orchester zu bestehen und ihre Zuhörerschaft in die artistische Klangdimension ihrer Interpretation zu entführen. Im Ensemble entsteht eine intensivere Harmonie zwischen den Musikpartnern als im großen Orchester. Der Solist ist gefordert, sein gesamtes handwerkliches Können in dem von ihm persönlich zusammengestellten Musikstück zum Ausdruck zu bringen. Eine musikalische Ausdrucksfähigkeit, die geübt sein will.
Nach der Konzert-Sommerpause geht es im September weiter mit prominenten Musikern, die ihr eigens für AAMSL zusammengestelltes Konzertmenü in gewohnt niveauvoller Manier präsentieren. Den Auftakt zur neuen Saison macht der aus London stammende, in Australien lebende Konzertpianist Piers Lane, der auf den Bühnen der Welt zu Hause ist und der AAMSL zum zweiten Mal seine pianistischen Facetten präsentiert. (29.9. & 1.10.). Ende Oktober tritt ein weiterer, dem Publikum bereits bekannter Gast auf: der Violinist Jeroen de Groot, diesmal im Duett mit dem Pianisten Bart van der Roer. (20. & 22.10.). Die Moskauer Pianistin Katya Apekisheva beehrt die Amigos ebenfalls zum zweiten Mal und beendet die Saison mit zwei Klavierkonzertabenden im November. (17. & 19.11.)
Die AAMSL-Kammermusikkonzerte sind stets sehr gut besucht und oft ausgebucht. Die Einnahmen aus dem Konzertkarten-Verkauf plus die jährlichen Beiträge der etwas mehr als einhundert Mitglieder decken die Ausgaben für Reisekosten und Unterbringung und die Gagen. Der Jahresbeitrag gilt als Konzert-Jahres-Abo.
Zusätzlich zur Beitragskasse hat die AAMSL 1994 einen Fonds ins Leben gerufen, um als gemeinnütziger Verein einen sozialen Tribut zu leisten: Junge, hochbegabte portugiesische Musiktalente werden mit einem gewissen Betrag unterstützt. Dies hat bisher einem halben Dutzend Pianisten geholfen, die Ausbildung an nationalen und internationalen, anerkannten Konservatorien und Musikhochschulen absolvieren zu können.

Seit 2011 unterstützen die Musikfreunde die portugiesische Pianistin Ana Beatriz Ferreira (http://anabeatrizferreira.com), der es mithilfe von AAMSL und anderen Organisationen gelungen ist, 
ihren Lebenstraum von einem Musikstudium am Royal College of Music unter den Fittichen der Pianistin und Meisterin in Performance, Ruth Nye, zu verwirklichen. Ihre Erst-Graduation hat Ana Beatriz Ferreira erfolgreich bestanden.
Als das Kulturzentrum CCSL in Almancil 2013 seine Türen schloss, verlor die Assozia-tion der Musik-freunde ihre Bühne. Die Suche nach einer neuen Lokalität gestaltete sich schwieriger als zunächst angenommen. Über ein Jahr dauerte es, bis Helga Hampton auf der Quinta Os Agostos in der Nähe von Santa Barbara de Nexe den passenden Rahmen fand. Die Musikfreunde zogen um und genießen seit 2014 Kammermusik in historischem Ambiente mit Landschlösschen-Flair und Vintage-Eleganz. Der Konzertsaal bietet Platz für einhundert Gäste. Auf der Bühne steht ein Yamaha-C5-Flügel, auf dem feinfühlige, erfahrene Hände harmo-nische, klang-volle Töne anschlagen. Vor jedem Konzert genießen die Konzertbesucher Häppchen und Erfrischungen, angerichtet und serviert vom hauseigenen Os Agostos-Catering-team, bis Helga Hampton pünktlich um halb acht die Glocke läutet und die Musikfreunde bittet, Platz zu nehmen zu Kammermusik für Liebhaber und Neugierige.
Text: Catrin George
ESA 09/15

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