ALFA – Ein Fest der Wortkunst

Der deutschsprachige Literatursalon ALFA feiert sein zehnjähriges Bestehen

ESA-Autorin Henrietta Bilawer unterhielt sich mit Rosemarie Prött, der Leiterin des Kabinetts für das geschriebene Wort, über Vergangenheit und Zukunft

Frau Prött, zehn Jahre Literatur-Veranstaltungen in deutscher Sprache in der Algarve – das ist eine beachtliche Leistung. Wie entstand die Idee dazu?
Die Idee kam von Barbara Fellgiebel. Als sie mich im September 2005 mit der Ankündigung „Ich mache einen Literatursalon“ überraschte, war meine spontane Reaktion: „Da kommt kein Mensch.“ Doch gleich am ersten Abend erschienen dreißig Personen, und zehn Jahre ALFA beweisen, wie sehr ich mich geirrt hatte.

Wie sah die Programmauswahl aus und hatte ALFA sozusagen ein Stammhaus?
Die Ölmühle der Capela das Artes in Alcan-tarilha schien die ideale Atmosphäre für eine solche Veranstaltung zu bieten. Wir stellten Bücher vor, es gab Lesungen und Kulturtipps. Barbara Fellgiebel prägte das Motto, das bis heute für das Programm gilt: „Es gefällt nicht immer allen alles, aber immer jedem etwas.“
Es gelang, das Publikum zum Mitmachen zu motivieren. Viele haben dazu beigetragen, ALFA zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, wobei Barbaras Energie und ihr Einfallsreichtum der Motor waren. Nach gut einem Jahr zog ALFA in den Convento de São José in Lagoa um. Dort sind wir bis heute, immer am zweiten Dienstag des Monats.

ALFA ist doch eine Abkürzung, die eigentlich ‘Assoziation der Literatur- und Filmfreunde der Algarve’ bedeutet…
Der Film kam später dazu. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Lissabon haben wir im Auditorium in Lagoa deutsche Filme gezeigt, Klassiker und auch neue, aktuelle Filme, alle mit portugiesischen Untertiteln. Deshalb besuchten auch einige Portugiesen die Filmabende, was uns besonders freute. Denn so konnten wir den portugiesischen Filmfans etwas von dem vermitteln, was das deutsche Kino hervorgebracht hat. Ein kultureller Austausch sozusagen, denn umgekehrt ist an den Literaturabenden natürlich auch die Literatur portugiesischsprachiger Länder vertreten.

Offenbar schloss ALFA eine Lücke, die Residenten hier im Bezug auf Kultur sahen. Entwickelten sich andere Aktivitäten aus den Literaturabenden?
Ja. Es wurde ein Schreibwettbewerb ins Leben gerufen, jedes Jahr mit einem anderen Leitthema, etwa ‘Blauer Garten’, ‘Rote Schuhe’, ‘Wandel’ oder zuletzt ‘Zugvögel’. Der Gewinner erhielt als Preis die Leseratte „Alfi“, das Symbol für ALFA, eine kleine Statue aus der Künstlerwerkstatt von Christa Widmann.
Bei dem Wettbewerb ging es nicht nur um Geschriebenes, es wurde auch gemalt, getöpfert und mehr. Der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. Daraus entstanden wiederum wunderbare Ausstellungen, die unsere kulturellen Schöpfungen auch einem erweiterten Publikum nahe brachten. Und es gab einige Konzerte.

Um das alles zu stemmen, braucht es viele Mitwirkende…
Oh ja. Von denen, die ALFA durch ihr Mitwirken bereichert haben, möchte ich Barbara Seuffert erwähnen. Ihr verdanken wir unter anderem eine Orientalische Nacht mit Bauchtanz und Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, ein unvergessliches Erlebnis. Ein Höhepunkt war zweifellos die Lesung von Günter Grass im März 2008. Muss ich erwähnen, dass das Auditorium restlos überfüllt war? Grass hat aus dem „Butt“ gelesen und dann geduldig zahlreiche Bücher signiert. Grass hat sein Publikum gebannt und begeistert – auch die Skeptischen, die nicht zu seinen Lesern gehörten.
Auch die Lesung des Schriftstellers Ulf Erdmann Ziegler, der uns schon zweimal besuchte, und der Vortrag der Literaturkritikerin Ina Hartwig fanden viel Beifall. Sie sehen, unsere Aktiven kommen aus den eigenen Reihen, aber reisen auch gerne aus Deutschland an.
Eine logistische Meisterleistung war Lit-Algarve im Herbst 2010. Fünfzig Autoren aus acht Ländern haben an zwanzig Orten aus ihren Büchern gelesen. Dabei waren die Krimi-Autoren Robert Wilson und 
Håkan Nesser, die Portugiesin Lídia Jorge, der hochdekorierte Schriftsteller Vasco Graça Moura, der leider schon verstorben ist – und viele mehr. Drei Tage voller Begegnungen mit besonderen Menschen und die Begeisterung für dieses ehrgeizige Projekt wirken bis heute nach.

Barbara Fellgiebel ist heute nicht mehr dabei?
Doch. Aus der Ferne. Aber tatsächlich waren wir erschrocken, als sie uns vor vier Jahren mitteilte, sie werde nach Schweden gehen. 
„Es muss weitergehen“, war die einhellige Meinung, denn für viele Bücherfreunde war ALFA zum festen Termin geworden. Ich habe die Aufgabe übernommen, ALFA am Leben zu halten. Heute kann ich sagen: Das Publikum ist uns treu geblieben, ich habe viel Unterstützung, wir haben interessante Gäste, stellen Neuerscheinungen vor, erinnern uns an vergessene Autoren. Die Literatur ist ein Schatzkästlein, das uns Stoff bietet für mindestens weitere zehn 
Jahre ALFA.

Gibt es Pläne für die nächste Dekade?
Wir arbeiten daran. An Ideen fehlt es nicht. Und wir fordern alle Literatur-Fans (die bei uns ‘Alfans’ heißen) auf, mitzumachen. Wer schreibt, wer ein Lieblingsbuch oder ein Gedicht vorstellen möchte, ALFA ist für alles offen. 10 Jahre! Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht… Mein Interesse für Literatur musste nicht erst geweckt werden, ich habe immer gelesen, aber nun habe ich Gelegenheit, meine Begeisterung weiterzugeben.

Gibt es eine Geburtstagsfeier?
Am 15. September werden wir mit Fotos und Geschichten zurückblicken, Überraschungen sind geplant, aber die werden natürlich nicht verraten. Es wird ein bunter Abend.

Vielen Dank für dieses Gespräch.
ESA 09/15

Foto: Alfa-Leiterinnen Rosemarie Prött und Barbara Fellgiebel

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