Agosto Azul

Eine Bootstour zwischen Gestern und Heute

Manuel Teixeira Gomes, Unternehmer und Diplomat aus Portimão und Portugals siebter Staatspräsident, war außerdem ein gefeierter Schriftsteller. Mit der Erzählung ‘Agosto Azul’ setzte er dem Sommer in seiner Heimat ein literarisches Denkmal

Heller werdendes „Grau kündigt die Morgendämmerung an und verschluckt das Funkeln der Sterne. Das Wasser am Bootssteg plätschert unter dem Rest-Dunkel des Himmelszelts. Schnell verhaucht die feine Morgenbrise. Die Stille versinkt weich im rhythmischen Atmen des endlosen Meeres.“ – „Das kann ich nachvollziehen“, sagt Bárbara Sousa, als sie diese Zeilen liest, die den Beginn einer Bootsfahrt zwischen Portimão und Lagos schildern. Bárbara ist Meeresbiologin und begleitet Touristen in derselben Region, hundert Jahre nach Entstehen des kleinen poetischen Berichts über ‘Agosto Azul’, den ‘Blauen August’ und über „Menschen und Erinnerungen aus dieser Gegend“.
„Die Schiffer kommen schweigend zusammen, richten das Boot her. Dumpf hallen die trockenen Schritte der nackten Füße auf den Planken. Als alle auf ihrem Posten sind, ruft einer gedehnt: ‚Prooonto!’ Ich gehe an Bord. Die Ruder schlagen das Wasser in monotoner Kadenz. Wir steuern gegen die Flut, umfahren die Deichmauer.“ – Die Boote waren die beste Möglichkeit, um den Weg zwischen den beiden Küstenorten zurückzulegen. Es gab auch Eselskarren; die Eisenbahn sollte Lagos erst zwei Jahrzehnte später erreichen und die Fischer nahmen gelegentlich Passagiere mit. Wer gut zahlte, verhalf den hart arbeitenden Männern zu einem kleinen Zubrot. Wer ein Freund war, durfte jederzeit an Bord. Manuel Teixeira Gomes war der Freund, der sein Werk den Menschen in der Algarve widmete. Seine Protagonisten kommen aus Aljezur, Lagos, Portimão und Ferragudo. Orte, in denen Bárbaras Gäste heute Urlaub machen.

Kleines Boot, weites Meer, große Entspannung. Und nebenbei etwas Neues erfahren. „Die Urlauber haben großes Interesse an unserer Natur und daran, wie die Menschen hier leben und früher gelebt haben.“ Wenn Bárbara und ihre Kollegen auf dem Meer unterwegs sind, besteht ihre Aufgabe darin, den Touristen das Land vom Meer her vorzustellen, die Vielfalt der Natur des Meeres zu erläutern und die Besonderheiten der Klippen verständlich zu machen, die zu einem zerbrechlichen Ökosystem gehören, auch wenn sie so massiv wirken. Die Meeresbiologin erklärt, welchen Fischen man beim Tauchen begegnen kann, wie man sich verhält, wenn Delfine auftauchen und auch, warum es in freier Natur für das Erscheinen der Tiere keine Garantie geben kann.
„Die ersten Sonnenstrahlen treffen meine Brust, ich werfe mich ins Wasser, tauche mit offenen Augen. Es ist die Vision einer Metamorphose, von Delfin-Sprüngen im blassgrünen Wasser, mein Körper saugt die Frische auf. Ich schwimme um versunkene Steine, sie glitzern unter Wasser, mal näher, mal fern.“ – Bárbaras Gäste nehmen heute den Weg des literarischen Vorbilds von Portimão in Richtung Lagos wo, so schrieb Teixeira Gomes „die Hitze drückt. Ich erinnere mich an ein Nickerchen im Schatten der Felsen, im trockenen Sand. Die Badenden nutzen die zylindrisch ausgehöhlte Bucht der rauen Küste auf ihre Weise.“ – Seitdem haben sich die Strände zwischen Portimão und Lagos sehr verändert. Das ausgedehnte Areal war einst schmal. Felsen, die heute Teil des Strandes sind, wurden zu Teixeira Gomes’ Zeiten vom Wasser umspült. Touristen lieben breite Gestade, die aber meist Ergebnis von Aufschüttungen sind. Das verändert die Strömung und beeinflusst das ökologische Gleichgewicht, erklärt die Biologin an einem aktuellen Beispiel: Am Dona Ana-Strand in Lagos wurden soeben der Strand um 25 Meter verbreitert und Felsvorsprünge begradigt. Politiker und Umweltschützer streiten, ob diese Maßnahme mehr Sicherheit bringe oder nur mehr Platz für mehr Sonnenschirme. Fragen, für die es in Teixeira Gomes’ Zeit noch keinen Anlass gab.
„Es kühlt ab. Links taucht die perfekte Silhouette der Düne auf, dahinter die glühenden Höhen der Serra. Der Ort ist wieder zu sehen, das Haus nimmt Konturen an. Als wir am Kai festmachen, ist es schon finster und aus dem Boot ertönt dieselbe Stimme wie am Morgen: ‚Prooonto!’“ – Wer heute an die Orte kommt, die Manuel Teixeira Gomes beschrieben hat, erkennt vielleicht noch etwas von dem Bild, das der Dichter konturiert hat.
Text: Henrietta Bilawer
Foto: CM Portimao/ Filipe da Palma

ESA 08/15

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