Portugiesische Musikvirtuosen ­Teil 4

António de Lima Fragoso: ­ Der ,,James Dean” unter den Portugiesischen Pianisten und Komponisten (1897-1918)

Nur die Guten sterben jung, heißt es in Hollywood, noch jünger als James Dean, im Falle Fragosos, wohl der Beste seiner Zeit, nicht in der Filmszene, die erst noch kommen würde, sondern in der Musikszene. Verkannt, vergessen, untergegangen im Schatten der Giganten Chopin, Debussy und Fauré, ein Genius zur Saudade verschmolzen, Primus unter Pares, in Amerika beliebter und berühmter als im eigenen Land. Was hätten wir noch aus dieser Ecke Großartiges zu erwarten? Wie stumm es um Fragoso geworden ist, der bereits mit 16 Jahren sein Publikum mit ,,Toadas da minha aldeia” (Schwingungen meines Heimatdorfes) aus den Fugen hob, ins Euphorische katapultierte mit der unbändigen Macht seiner Tonfolgen. Warum man nichts mehr von ihm hört? Unbegreiflich. Freitas Branco (s. ESA 3/11) gab ihm die Bestnote und zog ehrfürchtig den Hut vor Fragoso. Natürlich hat Fragoso am Konservatorium studiert, alle Regeln der Kunst erlernt, unter Marcos Garin, Tomás Borba und Luís de Freitas Branco, um sie anschließend bewusst zu ignorieren und seiner natürlichen, unbändigen Intuition und Berufung zu folgen. In der blühenden oder gar wuchernden Leichtsinnigkeit der Jugend, in der alle Künstler die labile Gesundheit gerne ignorieren, fiel Fragoso zu früh einer Pneumonie zum Opfer, hinterließ jedoch über 100 Kompositionen, die heute noch gerne studiert, kopiert, von Dilettanten nachgeäfft, in ganz Europa aufgeführt werden, um wieder in Vergessenheit zu geraten, aber dennoch unsterblich sind und in der Musikgeschichte ihr bescheidenes Eckchen behaupten. Seine ,,Prelúdios para Piano”, ,,Danças Portuguesas”, ,,Lieder” und sein ,,Nocturno” für Orchester schlummern in den Archiven in sehnsüchtiger Erwartung auf eine Renaissance. Jegliche Regeln moderner und klassischer Komposition ignorierend, und zwar bewusst ignorierend, jeder Schuldisziplin zum Trotz, entpuppte er sich als eine revolutionäre Frucht seiner eigenen niederschmetternden Bestimmung, ein Fall von unvergleichlicher, intuitiver Schöpfungskraft in der portugiesischen Musikgeschichte. Wie leider es oft der Fall ist, kaum war Fragoso verstorben, überschlugen sich die positiven Kritiken in allen Fachzeitschriften seiner Zeit. Berühmte Kritiker (die gibt es zahlreicher als Musiker an sich) strömten nach Lusitanien, um sein Werk näher zu analysieren, um dann zu verkünden, dass er wohl in Amerika bekannter gewesen war als im eigenen Lande. Wir leben in einer Zeit, in der die Hörsäle landesweit verstauben und gelegentlich für lächerliche Castings herhalten müssen, bei denen, wenn wir von Glück reden, einer von Tausend auch nur den kleinsten Schimmer eines Talents aufweist, obwohl das mit Synthesizern leicht ausgebügelt werden kann. Der von moderner Musik gelangweilte Zuhörer versteht sogleich, dass die meisten Fragoso-Partituren das gewisse Etwas haben, eine schöne Melancholie mit eigener Identität. ALLGARVE, die millionenverschlingende Kampagne, hat kein einziges Konzert auch nur annähernd in dieser Richtung hervorgebracht. Da stellt sich die Frage, ob hier Kultur nicht mit “Nulltour” verwechselt worden ist. Wir “kleinen” Portugiesen sind ja “ganz groß”, wenn es um maßlose Vergeudung geht.

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