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MUSIK

Portugiesische Musikvirtuosen ­ Teil 3
Ein liberaler portugiesischer Komponist, Pianist und Dirigent: João Domingos Bomtempo (1775 – 1842)
n der Wiener Staatsoper Mozarts Figaro auf Italienisch hören zu dürfen, in einer Loge nahe dem Orchester, war sicherlich einer der musikalischen Hochgenüsse meines Zuhörerdaseins. Sogleich stellte ich fest, wie leicht die italienische Sprache zu verstehen ist, mit dem Latinum als solide Grundlage. Damals etwas verärgert über die ironische Bemerkung meines Geschichtslehrers, wonach die Portugiesen lediglich ,,plattfüßige Römer” seien, die nicht mehr zurücklaufen konnten ­ konterte ich mit einer Antwort über die neurotischen Komplexe des kleinwüchsigen Napoleons (Anspielung auf den französischen Namen des Lehrers), die mir zwar einen Verweis und eine persönliche Abmahnung des Direktors einbrachte ­ aber auch den endgültigen Respekt der gesamten Klasse, die mich sogleich zum Schülersprecher ernannte. Wie dem auch gewesen sein mag, eben ein solch ,,plattfüßiger Römer” Namens Francesco Saverio Bomtempo kam Mitte des 18. Jahrhunderts an den portugiesischen Hof und amüsierte König Dom José und seine Gefolgschaft dermaßen, dass er sogleich samt seiner Oboe unter Vertrag genommen wurde. Francesco Bomtempo ­ einen musikalischeren Namen kann man nicht führen ­ brachte nun einen hochbegabten Nachkommen hervor, João Domingos Bomtempo, der mit 20 Jahren in seine Fußtapfen trat, eben an derselben Stelle bei Hofe. Um jedoch keine professionellen Plattfüße zu bekommen, ging es weiter nach Paris, wo er von Clementi, Cramer und Dussek (letzterer von Chopin zutiefst bewundert) inspiriert, sogleich nach allen Regeln der Kavalierskunst (Giacomo Casanova unternahm zur gleichen Zeit eine Ehrenrunde) der portugiesischen Prinzessin sein erstes Werk widmete und von der Pariser Kritik himmelhochjauchzend gelobt wurde. In der Zwischenzeit, um 1810, bekamen die Truppen Napoleons vom portugiesischenglischen Heer tüchtig eins auf die Kappe, was Domingos Bomtempo nach London verschlug, wo er sich als Pianist durchkämpfte und, unter anderen Illustren, auch die Tochter von Lady Hamilton unterrichtete. Sein Requiem (Opus 23) gilt als die Krönung seiner Werke, zu Ehren von Luís de Camões, welches auch die politischen Unruhen (inklusive politischer Morde im Freundeskreis unseres Musikers) seiner Zeit wiederspiegelt. Unter den drei großen Requiems der Musikgeschichte (unter Mozart und Berlioz) kann dieses Werk zweifelsfrei bestehen, wobei Mozart noch an Intensität und Trauerdimension alle Grenzen überstieg, in die Bomtempo sich niemals freiwillig begeben hätte. Die Piano Concertos 1 bis 4 sind absolute Meisterstücke, aber leider verkannt und zu selten aufgeführt. Es mag vermessen sein, solche Schätze der Musik zu ignorieren ­ die meisten seiner Werke konnten dem ungestümen Genius Beethovens wohl kaum Paroli bieten. Die moderneren und weitaus avantgardistischeren Kompositionen von Haydn und Mozart waren die Publikumsmagnete. Bomtempo steht für die individuelle Freiheit und die traditionellen Werte der portugiesischen Nation und würdigt diese zutiefst in seinen Kompositionen, wie kaum ein an-

derer, auf technisch anspruchsvollem Niveau. Sein Ziel, ein Konservatorium in Lissabon zu gründen, erreichte er mit Unterstützung des Königs Dom Pedro IV. Schon immer habe ich mich gefragt, wo sich der Literatur-Nobelpreisträger Saramago für den Namen seines Protagonisten des Romans ,,Levantado do Chão” inspiriert hat. Der unorthodoxe Name dieses ,,Romanhelden”, der eigentlich ein jämmerlicher Antiheld ist, lautet Domingos Mau-Tempo (Schlechtwetter Sonntag). Auch hier konnte Saramago nicht umhin, einen Namen ins Negative zu ziehen und den Roman in einer Sonderausgabe der Portugália Editora mit einem Zitat von Almeida Garrett zu versehen, der jedem Snob wie eine Fischgräte im Halse stecken bleibt. Almeida Garrett, um den Kreis zu schließen und den geduldigen Leser nicht allzu lang zu bemühen, galt seiner Zeit, und heute noch, als einer der besten Schriftsteller der Nation und war ein Freund und Kollege von unserem ,,Gutwetter Komponisten” Bomtempo. Bomtempo passt vorzüglich zu Fisch ohne Gräten auf Olivenöl, begleitet von einem wohl temperierten Vinho Verde in der frischen Brise eines sonnenverwöhnten Nachmittags.
Helder Colaço

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ESA 05/11

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