Verse mit Geschichte

João Pinto Delgado (1580 – 1653) war einst ein berühmter Poet. Auch sein Großvater gleichen Namens und sein Vater Gonçalo Delgado schrieben Gedichte. Nach dreihundert Jahren des Vergessens beginnt die Wiederentdeckung des Versenschmieds aus der Algarve

Ahnenforschung beschäftigt Menschen aus unterschiedlichen Gründen. Die einen möchten zu den Wurzeln des eigenen Stammbaums vordringen. Andere sehen die Familienhistorie als Ursprung regionaler Geschichte. Frank Visser gehört zur ersten Gruppe, Nuno Campos zur zweiten. Beide sind, ohne sich zu kennen, dem selben Mann auf der Spur: João Pinto Delgado, 1580, im Todesjahr des portugiesischen Nationaldichters Luís de Camões in Portimão geboren, und nach langer Flucht vor der Inquisition in Amsterdam gestorben. Er gilt als herausragender portugiesischer Dichter jüdischer Kultur des 17. Jahrhunderts. ,,Ich suche Informationen über einer meiner jüdischen Voreltern in Hamburg”, schrieb Frank Visser aus Amsterdam in einem Internetforum: ,,Menashe Hezekiah Delgado, Gonçalo und Diego Delgado, jüngerer Bruder von João Pinto Delgado. Sie kamen aus Portugal.” Über die familiäre Verwandtschaft hinaus besteht eine geistige: Visser ist Religionsphilosoph und Autor. Nuno Campos, Hobby-Genealoge aus Portimão, fand in alten Archiven der Stadt heraus, dass die Delgados eine weitverzweigte Familie waren, Eheschließungen und Taufen sind ab 1575 reichlich belegt; zuvor gab es keine Taufregister in der Algarvestadt. Die Delgados aus Portimão gehörten zu den marranos ­ so nannte die Inquisition Juden (und Muslime), die nach der Zwangs-Konvertierung zum Christentum heimlich ihre alte Religion weiter praktizierten; ein lebensgefährliches Tun. Delgados Angehörige flohen vor den Ketzergerichten ins nordfranzösische Rouen, später weiter nach Belgien, in die Niederlande, nach Hamburg. João Pinto Delgado blieb in Portugal und zog um 1600 zum Studieren nach Lissabon, wo der Habsburger D. Filipe II in Personalunion König beider iberischer Länder war. In der Hauptstadt zirkulierten Manuskripte großer jüdisch-spanischer Dichter, die Delgado begierig las. Der religionsphilosophisch interessierte Student aus der Algarve begann selbst zu dichten, zunächst in seiner Muttersprache, vermutlich bald auch auf Spanisch. Nur in dieser Sprache jedenfalls blieb Delgados Werk erhalten, in einer 1627 in französischen Rouen aufgetauchten Fassung. Abgesehen vom Zeugnis der Dichtkunst ist Delgados Werk ein Spiegel der Geschichte des Spätmittelalters, auch wenn mit seiner Emigration sein Wirken aus dem Gedächtnis der Nation verschwand: João Pinto Delgado folgte 1624 seiner Familie nach Nordeuropa. In Rouen begründete er seinen literarischen Rum mit dem Poema de la Reyna Ester ­ Lamentaciones del Profeta Ieremia, einem religiös-historischen Vers-Epos über Königin Ester, die biblische Frauengestalt des alttestamentlichen Kanons, die als Jüdin Ehefrau des Perserkönigs Xerxes I wurde und einen Anschlag des ihr feindlich gesonnenen Großwesirs auf ihr Volk vereitelte. Die poetische Darstellung der biblischen Geschichte verschaffte João Pinto Delgado eine angesehene Position unter den Seinen: In der relativen Religionsfreiheit Hollands war João, der älteste Sohn des Juden Gonçalo Delgado aus Portimão, unter anderem Leiter der Amsterdamer Talmudschule. Er blieb biblischen Themen treu. Nach den Versen über Ester ist der Exodus der Israeliten aus Ägypten Gegenstand vieler Gedichte. Seine Interpretation stellt das jüdische Volk als selbst schuldig an seinen Leiden dar, da es die Gesetze Moses’ nicht genügend geachtet habe. Literaturforscher sehen daran auch Selbstkritik Delgados, sich der christlichen Zwangstaufe unterworfen zu haben. Mit religiöser Bildersprache verbrämt ist auch das autobiografische Gedicht La Salida de Lisboa (,,der Auszug aus Lissabon”). David R. Slavitt, wichtigster Übersetzer klassischer Texte von Sophokles bis Ovid ins Englische, hat sich der Übersetzung der Fragmente von Delgados spanischen Versen gewidmet. Slavitts Nachdichtung erschien 1999 in den USA (Textauszug: www.questia.com/PM.qst?a=o&d=62497747). Nuno Campos möchte Licht in das Dunkel um den Dichter aus seiner Heimat bringen und die Stadt für ein Forschungsprojekt ,,João Pinto Delgado” begeistern. Schließlich war Bürgermeister Manuel da Luz vor seinem Einstieg in die Politik selbst Portugiesisch-Lehrer und mit Sprache und Literatur eng verbunden. Es sieht so aus, als werden Leben und die Poesie des Weltenbummlers aus Portimão neu entdeckt.

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