Blutegeltherapie

hirudin: das Wundermittel

Der Speichel der Blutegel wirkt Wunder. Darüber waren sich die Menschen schon vor Christus bewusst. Auch in der Algarve kann man von der heilsamen Wirkung der kleinen Parasiten profitieren. Dr. Paulo Correia ist der einzige ausgebildete, portugiesische Blutegel-Therapeut

Das Ansetzen von Blutegeln ist eine uralte Therapie. Schon vor unserer Zeitrechnung entdeckten unsere Urahnen, dass durch den Biss der Blutsauger viele chronische Leiden behandelt werden konnten. So hält Dhanvantari, eine Gottheit der traditionellen indischen Heilkunst, einen Blutegel in seinen Händen. Bilder von Egeln wurden auf Wänden altägyptischer Gräber entdeckt. Die Germanen verwendeten für Heiler und Blutegel das gleiche Wort. Auch die Heiler im mittelalterlichen England wurden „Leecher“ (leeches, z.Dt. Blutegel) genannt. Im 19. Jahrhundert kam es jedoch zu einer übermäßigen Anwendung, die zu Todesopfern durch Blutverlust führte. Nach einer langen Zeit des Misstrauens, erlebte die Blutegeltherapie ab den 1970er Jahren eine Renaissance und ist nun wie- der auf dem Vormarsch. Dr. Paulo Correia entdeckte diese Therapieart für sich vor zirka drei Jahren. Er war von dem Ergebnis so begeistert, dass er eine Ausbil- dung in Frankreich machte. Seit zweieinhalb Jahren sind er und die beiden russischen Ärzte, die ihn damals in Carcavelos nahe Lissabon behandelten, die einzigen Blutegeltherapeuten im Land. Behandlun- gen bieten sie in mehreren Kliniken im Raum Lissabon, an der Alentejo-Küste und in der gesamten Algarve an. Wie genau funktioniert es? Medizinische Blutegel – Hirudo officinalis oder Hirudo medicinalis – werden an geeigneter Stelle angelegt, so dass sie einen kleinen Aderlass von bis zu 15 ml Blut herbeiführen. Dieser Aderlass, der bis zu 15 Stunden nach der Behandlung anhalten kann, ist für sämtliche Venenerkrankungen wie Varikosis (Krampfader) oder Thrombophlebitis wirksam. Doch die Wirkung der Blutegel geht weit über die lokale Blutentziehung und den entstauenden Effekt hinaus. Während des Saugens gibt der Egel Wirkstoffe ab, die gerinnungs- und entzündungshemmend sowie antiseptisch sind. Der Wichtigste ist das Hirudin. Durch die gerinnungshemmende und gefäßerweiternde Wirkung des Hirudins wird der venöse Abfluss angestauten Blutes angeregt. Somit ist die Blutegeltherapie für die Vorbeugung und Behandlung sämtlicher kardiovaskulärer Erkrankungen geeignet. Der Speichel des Egels führt auch zu einer Lymphdrainage, die ihrerseits das Immunsystem verbessert. Die Anwendungsgebiete der Blutegeltherapie sind breit gefächert und umfassen ebenfalls Magen-Darm-, Nieren- und Atemwegserkrankungen sowie gynäkologische, urologische und osteoartikuläre. Auch im Bereich der plastischen Chirurgie werden die Egel eingesetzt, um die Wundheilung zu verbessern. Dr. Paulo Correia, der 10 Jahre in Deutschland lebte, dort eine Ausbildung zum Osteopathen machte und hervorragend Deutsch spricht, wird vor allem von Patienten mit Krampfadern aufgesucht. „Was diese anbelangt, ist die Blutegeltherapie dem chirurgischen Eingriff überlegen“, erklärt er. „Die OP ist sehr invasiv, die Genesung schmerzhaft und in 90 % der Fälle ist eine zweite und sogar dritte OP nötig, da nur die Symptome, nicht aber die Ursache entfernt bzw. behandelt wurde“. Das Entfernen der großen Rosenader führe lediglich dazu, dass das Blut mit demselben Druck dann durch Nebenvenen fließe und diese platzen, da sie zu eng sind. Die Therapie ist relativ schmerzlos. Der Biss ist vergleichbar mit einem Nadelstich und ist zirka eine Minute lang spürbar bis der betäubende Wirkstoff des Egelspeichels eintritt. Nach der Behandlung kommt es rund um die Bissstelle in der Regel zu einer leichten Schwellung und Rötung, verbunden mit Juckreiz, es kann ebenfalls zu leichtem Absinken des Blutdruckes und daher zu Schwindelanfällen kommen. Angst vor einer Infektion oder einer Übertragung muss man nicht haben. Die Blutegel werden unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet und jeder nur einmal zur Behandlung eingesetzt.

Anabela Gaspar

ESA 05/14

Share.

Comments are closed.