Favismus

Nur ein Enzym

Die zu dieser Jahreszeit so beliebten Dickbohnen können für viele Menschen lebensgefährlich sein. Wer unter Favismus, also unter Mangel des Enzyms Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase leidet, sollte den Verzehr von Dickbohnen unbedingt vermeiden

Favismus, auch Bohnenkrankheit genannt, ist vielen unbekannt. Dabei ist sie eine der häufigsten Erbkrankheiten weltweit. Betroffen sind zirka 400 Millionen Menschen, vornehmlich im Mittelmeerraum, Mittleren Osten, Afrika und Südostasien. In Deutschland und in Portugal liegt der Anteil der betroffenen Bevölkerung unter einem Prozent, was in Deutschland immerhin noch schätzungsweise 300.000 bedeutet. Die Tendenz ist steigend, da diese Gen-Veränderung weiter übertragen wird. (Meist erkranken jedoch nur die Männer.) Der Enzymmangel wird über das X-Chromosom vererbt. Frauen können den Mangel durch das zweite X-Chromosom ausgleichen, erkranken also nicht, vererben es aber wieder an die männlichen Nachkommen. Nach dem Genuss von Favabohnen, dem Einatmen von Pollen der Bohnenpflanze oder der Einnahme von Medikamenten wie Aspirin, Metamizol, Sulfonamiden, Chloramphenicol oder Malariamedikamenten, kommt es bei Menschen mit einem Mangel des Enzyms Glukose-6Phosphat-Dehydrogenase (G6PD) zu einem hämolytischen Schub. Dabei werden massenhaft und sehr schnell die roten Blutkörperchen zerstört (Hämolyse). Die Betroffenen weisen dann folgende Symptome auf: Blässe, Unwohlsein, starke Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Haut- und Schleimhaut-Blutungen, Schüttelfrost und hohes Fieber. Die Beschwerden treten Stunden bis Tage nach der Einnahme der auslösenden Substanzen auf und können lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Eine Therapie ist nicht möglich. Patienten mit akutem Favismus brauchen eine Bluttransfusion. Wenn die Betroffenen nicht gerade Bohnen essen oder eines der für G6PD-Mangel-Patienten schädliche Medikamente nehmen, merken sie von ihrer Krankheit nichts. Bei Risikofamilien sollte deshalb nach der Geburt auf diese Erbkrankheit getestet werden. Auch die Lebenserwartung der Favismus-Träger unterschiedet sich nicht von jener gesunder Menschen. Positives trägt diese Krankheit jedoch mit sich: Die Erkrankten sind vor Malaria geschützt, da das fehlende Enzym die Abwehrkräfte gegen die Tropenkrankheit erhöht. Für diejenigen, welche nicht unter Favismus leiden, sind Dickbohnen sogar sehr gesund, da sie ein hochwertiger Lieferant von Eiweiß und Aminosäure sind. Im Mittelalter stellten sie eines der wichtigsten Nahrungsmittel dar und sicherten die Grundlage der Protein-Versorgung mit anderen Hülsenfrüchten wie Linsen und Erbsen. Vor allem für Vegetarier oder Veganer sind Hülsenfrüchte ein wichtiger Bestandteil der Ernährung und die Dickbohne sollte dringend wieder öfters auf den Tisch kommen. In Portugal wird sie, ähnlich den Stockfisch, auf die verschiedensten Arten zubereitet: roh oder gekocht, gedämpft, geschmort, gegrillt oder als Eintopf. Am beliebtesten sind jedoch die favas com chouriço (s. ESA 4/09) und als kleiner Snack die favas sapatadas.
Anabela Gaspar
ESA 04/10

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