Der Pillen-Klick

Das Geschäft mit Arzneimitteln ist lukrativ. Neben Großhändlern und Drogerieketten drängen Online-Anbieter in den Markt. Laut WeltgesundheitsMarisa Matias Online-Handel mit gefälschten Medikamenten gehört zu den gewinnträchtigsten illegalen Sparten

Pharmazeutische Themen gehörten in der EU bisher zum Ressort der Generaldirektion für Industrie. Nun erreichten die Parlamentarier, dass sich ab jetzt der EU-Kommissar für Gesundheit um Pillen, Tropfen und Salben kümmert. John Dalli, bis zu seiner Nominierung Sozialminister in Malta, steht vor einer gewaltigen Aufgabe, bei der ihn Gesundheitsfachleute im EUParlament kritisch begleiten. Unter ihnen ist die portugiesische Soziologin Marisa Matias. Die Abgeordnete der Linkspartei Bloco de Esquerda hat im Auftrag der EU-Kommission einen Bericht über ein bisher wenig beachtetes Sachgebiet verfasst: Den Online-Handel mit Medikamenten ­ das Internet als Marktplatz für Medizinisches und Pseudo-Medizinisches. Seriöse Online-Apotheken gehen in der unübersichtlichen Flut von nachgemachten und verfälschten Arzneimitteln unter. Von Letzteren kommen achtzig Prozent durch Onlinekäufe in Umlauf, ein ,,erhebliches Risiko für den Käufer und sein Umfeld: Die Einnahme gepanschter Mittel kann völlig unbekannte Folgen haben”, warnt Matias und fordert Maßnahmen zum Patientenund Verbraucherschutz. Der Online-Handel mit nachgemachten Medikamenten gehört zu den gewinnträchtigsten illegalen Sparten und hat entsprechende Zuwachsraten. Patienten sollen deshalb befähigt werden, legale Websites zu erkennen, die unbedenkliche Mittel vertreiben. Auch Gesundheitskommissar Dalli fühlt sich dem Anliegen ,,tief verpflichtet” und möchte in einer konzertierten Aktion ,,mit Parlament, anderen EU-Ressorts, nationalen Behörden, Herstellern und Verteilern den Verkauf gefälschter Arzneimittel über das Internet bekämpfen”, versprach er Mitte Januar beim Hearing durch die EUAbgeordneten zu seiner Amtseinführung (www.europarl.europa.eu/hearings/static/co mmissioners/answers/dalli_replies_de.pdf).

Patienten sollen befähigt werden, legale Websites zu erkennen, die unbedenkliche Mittel vertreiben
vertrauenswürdiger Händler übermitteln. In dieser sensiblen Frage dürfe es keinen Vorschuss an Vertrauen geben, das ,,muss man sich erst verdienen”. Doch, so Matias, vor der Gesetzesregelung des Web-Handels mit Medis sind erst einmal Begriffsbestimmungen zu klären. Was als gefälschtes Arzneimittel einzustufen sei, hänge von der Definition der Begriffe ,,Wirkstoff” und ,,Trägerstoff” ab. Medikamente bestehen aus beiden Komponenten, zur Fälschung reiche eine falsche Variante einer der beiden Stoffe aus. Jeder Akteur der Kette von Hersteller, Verorganisation ist die Hälfte aller im Internet gekauften Mittel gefälscht. Eine EU-Abgeordnete aus Portugal arbeitet an gesetzlichen Regelungen für die Web-Medizin
,,Datenerfassung über Beschwerden und Marktstudien für das EU-Parlament” seien nötig, denn die Gemeinschaft sei wegen unterschiedlicher nationaler Regelungen zum Medikamentenhandel bisher ,,schwach”. In einigen Mitgliedsstaaten wird der Internet-Verkauf als Teil der rechtmäßigen Lieferkette betrachtet. Marisa Matias wundert es nicht, dass ,,da auch unechte Präparate über das legale Verteilersystem zum Verbraucher gelangen”: Von 13 Mitgliedstaaten berichten fünf über Vorfälle mit gefälschter Medizin auf formal legalem Wege. Und kommt ein Arzneimittel von einer Webseite ohne Impressum, beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Fälschung fünfzig Prozent. Matias möchte erreichen, dass die Länder, in denen der Pharma-Onlinehandel erlaubt ist, der EU-Kommission eine Liste packer, Kennzeichner und Verkäufer ,,muss Inhaber einer spezifischen Lizenz” sein. Ideal wären EU-weit harmonisierte Sicherheitsmerkmale, für verschreibungspflichtige wie auch für rezeptfreie Mittel. Sanktionen hält Marisa Matias für ,,ein sinnvolles Abschreckungsmittel, aber sie müssen einheitlich sein, damit Straftäter nicht in ein Mitgliedsland mit laschen Regelungen ausweichen”. Als Rahmen eigne sich das Betäubungsmittelgesetz: ,,Gefälschte Medikamente sind illegale Drogen”. Die EU mit ihren 27 Mitgliedstaaten müsse mit der Schweiz, den USA und Kanada unter Leitung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (www.ema.europa.eu) kooperieren, um auch das außerhalb der Gemeinschaft ansässige Arznei-Gewerbe in das Kontrollnetz einzubeziehen.
Henrietta Bilawer

Der Zoll der Europäischen Union beschlagnahmte 2006 und 2007 an den EU-Außengrenzen je rund 2,6 Millionen Arzneimittel aus verdächtigem Versandhandel, eine Zunahme von 384 % gegenüber 2005, Tendenz steigend. Lebensrettende Arznei, etwa zur Behandlung von Krebs, Infektionen, Herzerkrankungen oder Psychopharmaka werde bereits häufiger gefälscht als so genannte Lifestyle-Medikamente. Auskünfte über Medikamente: Europäisches Direktorat für die Qualität von Arzneimitteln www.edqm.eu Datenbank http://eudrapharm.eu zur Suche nach Produkt- und Wirkstoffnamen

ESA 02/10

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