Grippevirus

Investition in Wachsamkeit

In Pestzeiten blieben Malaria-Kranke vor Ansteckung bewahrt, notierte der französische Revolutionär Nicolas Chamfort. Portugals Epidemiologen finden Sarkasmus heute völlig unnötig, denn Notfallpläne für Epi- oder Pandemien seien durchdacht, geprüft und sicherten die öffentliche Gesundheit. Eine besiegt geglaubte Massenerkrankung kann aber wieder aufflammen

von HENRIETTA BILAWER

Moçambique hieß das Schiff, das aus Afrika kommend im Lissabonner Hafen festmachte. Einige Passagiere waren krank an jenem 9. August 1957: ,,An dem Tag wurde die Grippe eingeschleppt, die Epidemie begann”, schrieb Arnaldo Sampaio, damals Chef des Büros der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Portugal. Bald darauf und Monate lang beherrschte die Epidemie das Land. Jeder Fünfte erkrankte. In Lissabon, wo das Virus zuerst um sich griff, zeitweise zwei Drittel der Bewohner. Der Alltag brach zusammen: Schulen wurden geschlossen, in Firmen fehlte die halbe Belegschaft, Busse und eléctricos fuhren selten, Läden waren leer, Kliniken überfüllt, Krankenbesuche nicht gestattet. 288 Menschen starben. Das Virus wurde als ,,Asiatische Grippe, Subtyp A/H2N2″ klassifiziert, es entstand aus einer Kombination eines Geflügelpestvirus mit einem menschlichen, das seit der Pandemie der Spanichen Grippe 1918 zirkulierte: Das Influenzavirus Subtyp A/H1N1. Schweine-Influenza, ,,neue Grippe”, Amerika- oder A-Grippe, Mexikogrippe ­ der Name ist uneinheitlich, die Gefahr aber eindeutig: Auch heute handelt es sich um das Influenza-Virus A/H1N1, das Grenzen und Meere überwand. So, wie die Pest im Mittelalter vermutlich an Bord von Handelsschiffen aus Asien nach Europa kam, sind nun Flugrouten die Ausbreitungswegvon Infektionskrankheiten, Menschenmengen der Ort der Multiplikation. An portugiesischen Airports und Häfen erhalten Reisende aus betroffenen Gebieten eine mehrsprachige VerhaltensInfo. Das Gesundheitsamt hat am Wallfahrtsort Fátima einen Sanitätspunkt eingerichtet, falls ein Pilger Symptome zeigt. Bei Zweifel an der eigenen Gesundheit solle jeder zu Hause zu bleiben und die Nummer 808 24 24 24 anrufen, statt beim ersten Nieser Notaufnahme oder Centro de Saúde aufzusuchen. Seit Ausbruch der Vogelgrippe 2006 wurde die Pandemie-Warnstufe Drei nie aufgehoben. Atemmasken und die Virostatika Relenza und Tamiflu, die die Vermehrung des Virus bei Erkrankten hemmen, sind in Portugal in ausreichender Menge vorhanden. Ein Impfstoff wird erst nach und nach für die gesamte Bevölkerung verfügbar, denn die Labors müssen derzeit die Seren für die reguläre Grippeimpfung im Herbst herstellen. Breitet sich ein gefährliches Virus aus, könne es zur ,,sozialen und wirtschaftlichen Zerrüttung” kommen. Im Extremfall funktionieren Einrichtungen (auch Kliniken) nur begrenzt. Gesundheitspolitikern und Medizinern obliegt daher auch die Pflicht, eine Epidemie der Furcht zu verhindern. Das Instituto Nacional de Saúde Dr. Ricardo Jorge (INSA) erstellt gegenwärtig an die aktuelle Situation angepasste Pandemie-Pläne; die Maßnahmen des Plano de Contingência Nacional para a Pandemia gelten darüber hinaus für jede Art von Infektion, aus der eine Massenerkrankung werden könnte. Viren sind langlebig, können sich jederzeit mit anderen Stämmen verbinden und zu einem neuen Risiko mutieren. Das kürzlich eröffnete Laboratório Regional de Saúde Pública in Faro (s. ESA 4/09) ist eines von zehn Labors im Land, die für Tests ausgerüstet sind. Transparenz und Schnelligkeit sind wichtig für die Seuchenhygiene, doch die Öffentlichkeitsarbeit der Ärzte, Biologen und Epidemiologen ist schwierig. Der ,,Terminkalender der Medien stimmt nicht mit den Arbeitsabläufen eines Labors überein”, sagt Filipe Froes vom Hospital Pulido Valente in Lissabon, Portugals größter Klinik für Lungenheilkunde. Im Rahmen des Ausbildungsprogramms für Epidemiologie EPIET (www.epiet.org), an dem Institute aus ganz Europa mitwirken, darunter sechs in Deutschland, entwickelt Froes Szenarien für Epiund Pandemien aus der hypothetischen Folge von Ereignissen, die aus Erfahrungswerten konstruiert wird. Das sei ,,so nah an der Realität, wie eben möglich”, so Pneumologe Froes. Bei jeder Epi- oder Pandemie verlaufe Zu- und Abnahme ,,wellenartig”. Um die Bevölkerung adäquat zu versorgen, müssen genaue demografische Daten vorliegen: Im Distrikt Faro leben 395.218 Bewohner, davon 20 Prozent Kinder und Jugendliche und 18 Prozent über 64-Jährige. Gemäß Empfehlungen der WHO legen Fallstudien eine Epidemie-Dauer von 20 Wochen zu Grunde und untersuchen unterschiedlichen Virenbefall mit 20 bis zu 35 Prozent Erkrankter und eine besiegt geglaubte Epidemie kann wieder aufflammen. Für jeden in der Region verfügbaren Arzt sind 42 Stunden Einsatz pro Woche veranschlagt, für jeden Patienten 20 Minuten Sprechstunde und für Krankenhausaufenthalte eine Woche. Quarantäne kann angeordnet werden. Auch das Militär spielt im Ernstfall eine Rolle. In beweglichen Sanitätseinrichtungen, deren Ausrüstung den Standards von Kreiskrankenhäusern entspricht und die jeweils etwa den Raum eines Fußballfeldes benötigen, könnten je rund 50 Kranke untergebracht werden, sagt Oberstleutnant Hélder Perdigão, der die Funktionsfähigkeit gerade in einer internationalen Zivilschutz-Übung getestet hat. Als Opfer fühlen sich derzeit einige hundert portugiesische Mexiko-Urlauber, die nach ihrer Rückkehr sieben Tage lang ihre Wohnung nicht verlassen durften und unter medizinischer Beobachtung standen. Abgesehen von begrenzter Bewegungsfreiheit fühle sich der eine oder andere ,,schief angesehen als potenzieller Träger von etwas Ansteckendem”, erfuhr der Soziologe José Manuel Sobral in Gesprächen.

ESA 06/09

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