Abtreibung

Einer pro Stunde

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO werden jährlich etwa 40 Millionen Abbrüche weltweit durchgeführt. Portugal hat eine der niedrigsten Raten unter den EU-Ländern

Laut Maria José Alves, Ärztin der Frauenklinik Alfredo da Costa und Mitglied des Vereins Médicos pela Escolha, besteht weiterhin ein großes Vorurteil in der Gesellschaft gegen Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen. Deshalb machen es viele weiterhin geheim. Auch wüssten viele Frauen noch immer nicht, dass ein Abbruch nicht mehr strafbar ist. DGS-Direktor Francisco George meint jedoch, dass es zu einem Rückgang von bis zu 80 % der illegalen Abbrüche gekommen ist. Die AbtreibungsgegBis vor einem Jahr gehörte Portugal zu ner machen zudem darauf aufmerksam, dass den Ländern mit den strengsten Abes Fälle gibt, in denen Abbrüche als Verhübruchgesetzen in Europa. In einem Refetungsmittel gesehen werden. Im Krankenrendum am 11. Februar 2007 stimmte die haus von Guimarães im Norden von PortuMehrheit (59,25 %) der Portugiesen jedoch gal hatte eine Frau im April dieses Jahres für die Legalisierung von Schwangerschaftszum dritten Mal abgetrieabbrüchen in den ersten ben. Und einige Frauen in zehn Wochen. Bereits im dem gleichen Krankenhaus Jahr 1998 war eine Bürgerbereits zweimal. Des Weibefragung ähnlich ausgeteren kritisieren die Gegfallen. Da aber nur knapp ner, dass Frauen, die einen 30 % der Wähler zur AbAbbruch durchführen lasstimmung gingen und ein sen, von der Grundgebühr Referendum nach portugiein öffentlichen Krankensischem Recht nur bindend häusern und Centros de ist, wenn mehr als 50 % der Saúde befreit sind, wähWahlberechtigten teilnehrend diese für alle anderen men, verfolgte die RegieBürger erhöht wurde. Auch rung das Thema nicht weiunter den Ärzten gibt es ter. Die letzte Abstimmung Gegner: In den meisten verfehlte zwar ebenfalls das Krankenhäusern mit GeQuorum, aber die höhere burtsstation lehnen im Wahlbeteiligung von 40 % Ein positiver Schwangerschaftstest: Für die eine Frau das große Glück zukünftiger Durchschnitt zwischen veranlasste die Regierung Mutterschaft, für die andere ein Grund zur Verzweiflung 70 % und 80 % der Ärzte trotzdem, die Gesetzesändie Abbrüche aus Gederung in Angriff zu nehWährend die Abtreibungsbefürworter wissensgründen ab. Im Centro Hospitalar men. Das neue Abtreibungsrecht gilt seit mit diesen Zahlen zufrieden sind und her- do Barlavento in Portimão sind es drei von dem 15. Juli 2007. Nach Angaben der nationalen Gesund- vorheben, dass die Anzahl der Fälle von den zehn Ärzten auf der Geburtsstation, heitsbehörde Direcção Geral de Saúde Frauen, die wegen medizinischer Komplika- im Hospital Distrital von Faro 13 von ins(DGS) kam es in Portugal seitdem zu 14.219 tionen nach einem illegalen Abbruch die gesamt 25. Erfreulich fand Francisco George, dass Schwangerschaftsabbrüchen. Die Mehrheit Notaufnahmen aufsuchen müssen, zurückdavon (8.044) im Großraum Lissabon; an gegangen ist, wie auch der Verkauf der Pille 700 Frauen nach der Beratung beschlossen danach, sprechen die Abtreibungsgegner das Kind auszutragen. Nach der Jahresbilanz vierter Stelle kommt die Algarve mit 880. Fast 97 % der gemeldeten Schwanger- von Massenmord. Zirka 6.000 Abbrüche in sollen demnächst Pillen und Kondome in schaftsabbrüche wurden auf Wunsch der den ersten sechs Monaten würden 33 pro größeren Mengen in den Centros de Saúde verteilt werden. Statt ein bis drei PillenpackunFrau vorgenommen. Medizinische und krimi- Tag, also einer pro Stunde, bedeuten. Zudem sei die angeblich niedrige Anzahl gen, sollen Frauen nun mindestens für ein nologische Indikationen waren in weniger als 4 % der Fälle der Grund. 9.389 Abgänge damit zu erklären, dass weiterhin viele ille- halbes Jahr die Pille bekommen. ,,Es macht wurden mit Medikamenten ausgelöst. Dabei gale Abtreibungen durchgeführt werden, so keinen Sinn Frauen wegen einer oder auch fällt bei den Statistiken auf, dass in öffentli- Isilda Pegado vom Abtreibungsgegner-Ver- drei Packungen in die Centros de Saúde chen Krankenhäusern die medikamentöse ein Federação Portuguesa pela Vida. Dieser kommen zu lassen”, so Francisco George. Methode (94,4 %) und in den Privatkliniken Aussage stimmen auch die Befürworter zu. Anabela Gaspar aut einem aktuellen Bericht des Instituts für Familienpolitik wird in Europa alle 27 Sekunden ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt, was 1.200.000 Abbrüche pro Jahr bedeutet. Der Bericht nennt Abtreibungen, zusammen mit Krebs, als eine der ersten Todesursachen in Europa, was Duarte Vilar, Vorsitzender des portugiesischen Vereins für Familienplanung, als ,,eine wissenschaftliche Aberration” bezeichnet. die chirurgische unter Vollnarkose (98,9 %) bevorzugt wurde. Von den insgesamt 4.292 in Privatkliniken durchgeführten Abbrüchen wurde bei lediglich 48 die medikamentöse Methode eingesetzt. Jeder medikamentöse Abbruch kostet den Staat 341 Euro, jeder chirurgische 444 Euro. Eine positive Überraschung war die niedrige Anzahl der Aborte bei den unter 15-Jährigen, so Jorge Branco, Direktor der Frauenklinik Alfredo da Costa in Lissabon. Die Gruppe stellt mit 74 vorgenommenen Abbrüchen lediglich einen Anteil von 0,5 %. Die Mehrheit der Abbrüche (65,8 %) verteilt sich relativ gleichmäßig über die Altersklassen von 20 bis 34 Jahren; 8 % der Frauen waren 40 Jahre und älter. 27
ANABELA GASPAR

ESA 09/08

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