Reiz aus der Luft

Allergie

Heuschnupfen ist nicht nur lästig, er beeinträchtigt auch die Leistungsfähigkeit. Und die Pollensaison in Mitteleuropa dauert jedes Jahr länger. Umweltfaktoren sind für die Entwicklung mitverantwortlich und die Algarve hat keine gute Prognose

Als sich Studenten und Dozenten der Hochschule für Berufe im Gesundheitswesen Escola Superior de Saúde Dr. Lopes Dias im zentralportugiesischen Castelo Branco darauf vorbereiteten, zum Weltgesundheitstag im April den Bürgern der Region mit Gratis-Untersuchungen von Blutdruck, Zucker- und Cholesterinspiegel, mit EKG und Osteoporose-Tests den Sinn regelmäßiger Gesundheits-Vorsorge näher zu bringen, waren sie überrascht, wie viele Gäste sich für das Thema Allergie interessierten. Auch die Stadt Lissabon trägt der steigenden Zahl von allergischen Erkrankungen, insbesondere im Bereich der Atemwege Rechnung und stellte unter http://e-polen.cm-lisboa.pt eine Seite ins Netz, die zwar noch im Aufbau ist, doch bald aktuell über Umwelt und Klima informieren und einen Pollen-Informationsdienst bieten soll. Bereits im vergangenen Jahr waren PollenAllergien in Portugal so häufig wie nie zuvor, wie Fachärzte bestätigen. Zwar wird in den letzten Jahrzehnten in Industrieländern allgemein eine deutlich steigende Zahl von Allergien beobachtet. Als Ursache, so die einschlägige Literatur, spielt oft das eine Rolle, was weithin als positive Seite des Fortschritts angesehen wird: Ein hohes Hygiene-Niveau und dadurch seltener gewordene Krankheiten, besonders Atemwegsinfekte in der Kindheit. Doch Allergien entstehen gerade dann, wenn das Immunsystem unterfordert ist. Noch fehlt der Wissenschaft aber die Erklärung, warum Menschen auf an sich harmlose Blütenpollen, Pilzsporen und andere Substanzen reizempfindlich reagieren. Der Kreis der Allergie-Patienten hat sich jedenfalls erweitert: Bildeten bis vor Kurzem noch Personen mittleren Alters die Kerngruppe der Erkrankten, sind nun immer häufiger ältere Menschen betroffen und andererseits sogar Babys. Carlos Nunes vom Allergologen-Bund Sociedade Portuguesa de Alergologia e Imunologia Clínica (SPAIC) und Gesundheitsbeauftragter der Stadt Portimão, hat erforscht, dass Überempfindlichkeits-Reaktionen in Portugal auch durch spezifische klimatische Veränderungen begründet sind. Sowohl anhaltende Trockenheit als auch die Belastung durch Waldbrände haben die Luft verändert und beeinflussen die Atemwege. Besonders betroffen ist der Süden des Landes. In langen Trockenzeiten kämpfen auch die Pflanzen ums Überleben. Einige von ihnen, besonders Gräser, bilden mehr Pollen aus als unter üblichen Klimabedingungen, um die Arterhaltung zu sichern. Andererseits schwärmen auch mehr Pollen, weil Bäume nicht mehr regelmäßig beschnitten werden. Im Frühjahr verstärke sich die Belastung, und in diesem Jahr, wo die ersten Monate regenreicher waren als in vergangenen Jahren, werde der Ausbruch der Allergien nach vorne verschoben: Mai und Juni sieht Nunes als Phase mit der höchsten Pollenbelastung; diese Einschätzung beruht auf Beobachtungen der Vorjahre. Die Zeit des Gräserpollenflugs ist in den vergangenen Jahren um rund zwölf Tage länger geworden. Der Blütenstaub schwebt in unregelmäßigen Wellen und mit wechselnder Konzentration. Die Rede Portuguesa de Aerobiologia (RPA), ein Amt der Universität Évora zur Erforschung der Mikroorganismen in der Atmosphäre, hatte im Frühling 2004 in der Algarve (die Mess-Station befindet sich in Portimão) eine Rekord-Konzentration von Pollen in der Luft gemessen, im folgenden Jahr wurde dieser Wert noch übertroffen und auch jetzt scheint die Belastung nicht geringer zu werden. Als Beispiel führt Carlos Nunes Olivenbäume an: Deren Pollen erzeugen erste Allergieprobleme, sobald ihre Anzahl dreißig bis vierzig pro Kubikmeter Luft erreicht. Bei der letzten Messung waren es fünfhundert. Im vergangenen Jahr hat die RPA erstmals Pollenflug-Prognosen wöchentlich im Internet veröffentlicht. Ob das Projekt fortgesetzt wird, ist eine noch offene Finanzfrage, denn die Initiative arbeitet ohne staatliche Unterstützung. Geplant war eine Datenbank, die auch wissenschaftlichen Forschungszwecken für eine langfristige Planung der Allergievorsorge dienen könne. Eines ist schon klar geworden: ,,In diesem Jahr, wie auch in den vergangenen und wohl auch in den kommenden wird sich die Zahl der Pollenallergiker hier erhöhen.”

Der Ausbruch der Pollenallergien hat sich nach vorne verschoben, Mai und Juni bilden die kritische Phase

In Portugal leidet ein Fünftel der Bevölkerung unter allergisch bedingten Niesattacken, Juckreiz, roten Augen, geschwollenen Nasen ­ Pollenallergien werden zur Volkskrankheit. Wessen Nasenschleimhäute auf die Allergene reagieren, der beginnt automatisch durch den Mund zu atmen und nimmt dabei noch mehr belastende Stoffe aus der Luft auf, so Mediziner Nunes. Das Allergie-Zentrum Centro de Imunoalergologia do Algarve behandelt auf vielfältige Weise: Einmal, um Symptome zu lindern, aber auch mit vorbeugenden Impfungen. Ziel sei ,,eine bessere Regulierung und Toleranzentwicklung gegenüber Allergenen”, erläutert Nunes. Allergien belasten auch das Gesundheitssystem: Ein Allergiker in der EU verursacht rund 620 Euro Kosten im Jahr. Auch Luftverschmutzung, verstärkt durch die verheerenden Waldbrände der letzten Jahre, beeinflusst Mensch und Natur: Blütenpollen setzen verstärkt entzündungsfördernde Stoffe frei, die körpereigenen Botenstoffen ähneln und Allergien vermutlich begünstigen. Stickoxide und Ozon verändern die Pollenproteine so, dass ihre Bindung an Antikörper stärker wird. Schließlich hat die Erderwärmung (0,6 Grad in den letzten fünf Jahrzehnten) den Pollenflug verändert. Er beginnt nicht nur früher, Gräser und Kräuter blühen länger, bis tief in den Herbst. Therapierend könnte schon ein Ausflug sein, meint Mediziner Nunes: Zwar biete die Serra de Monchique nicht die ,,Champagnerluft” des Hochgebirges und auch die Serra da Estrela nur begrenzt, doch hätten sich Allergiker auch dort ,,prächtig erholt”.

RPA-Projekt zum Pollenflug www.rpa.uevora.pt Webseite des Allergologen-Bundes Sociedade Portuguesa de Alergologia e Imunologia Clínica: www.spaic.pt Pollenflug-Infos · Im Fernsehen: RTP1 freitags morgens · Radio TSF während der Nachrichten freitags um 12 h und um 16 h: · Zeitung Diário de Notícias montags · Centro de Imunoalergologia do Algarve Rua José António Marques 3C – 4º, 8500-700 Portimão Tel. 282 417 774 Fax 282 457 617

ESA 05/06

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