Portugiesische Spuren in Brasilien

Kolonialherren und ihre Kulturdenkmäler

Wer durch Brasilien reist, begegnet Portugal. Die Spur portugiesischer Kulturdenkmäler kennzeichnet die historische Biografie in der einstigen Kolonie von der Ankunft der Portugiesen bis zum Unabhängigkeitstag

Nach der Ankunft der Portugiesen in Brasilien im Jahr 1500 entstanden im Auftrag von 
D. Manuel I fünfzehn königliche Hafenämter, eigenständig verwaltet von fünfzehn portugiesischen Edelleuten. Anstatt jedoch nennenswerte Siedlererfolge und wirtschaftliche Impulse zu erzielen, dümpelte die ökonomische und demografische Entwicklung in der neuen Kolonie vor sich hin. Das änderte sich schlagartig, als 1549 D. João III den ersten Generalgou-verneur nach Salvador da Bahia schickte, um die Kolonie straff und übergeordnet zu regieren. „Das hauptsächliche Anliegen, das mich dazu bewog Brasilien zu bevölkern, war, dass die Menschen in Brasilien sich zu unserem heiligen Glauben bekehren“, schrieb er an Tomé de Sousa vor dessen Abreise nach Brasilien.
Mit Tomé de Sousa, ambitionierter Kreuzritter und Kommandant des Christusordens, hatte D. João III genau den richtigen Mann für den Posten des ersten Generalgouverneurs in Brasilien gefunden. Der Auftrag an ihn lautete klar formuliert: Das Weltreich Portugal zu vergrößern und das christliche Sendungsbewusstsein in Brasilien zu dynamisieren.
Sousa reiste nach Salvador da Bahia und residierte als erster von insgesamt vierzig Statthaltern im 
Palácio Rio Branco. Er ernannte die Stadt zum Regierungssitz und gründete gemeinsam mit sechs Jesuiten die erste Diözese. Der frisch ernannte Generalgouverneur krempelte die Ärmel hoch und half beim Bau an der Kapelle für das erste Jesuitenkolleg sowie an weiteren Hausbauten im künftigen Statthalter-Viertel Pelourinho tatkräftig mit. Mit seinem eigenhändigen Einsatz legte Sousa in Pelourinho den Grundstein für die monumentale Spur portugiesischer Baudenkmäler und mittelalterlicher Kirchenarchitektur in Brasilien insgesamt. Die mit ihm gereisten Siedler bauten das Viertel weiter aus und verliehen ihm sein weltbekanntes portugiesisches Fischerdorf-Antlitz.
Anfang des 16. Jahrhunderts rückten die Portugiesen weiter vor ins Landesinnere. Jesuiten, Franziskaner und andere Kirchenorden folgten dem Ausbau der Kolonie. Zwei neue Diözesen entstanden, in Olinda und in São Vicente. Salvador da Bahia wurde zum Erzbistum erhoben. Bis 1677 existierten mehr als zwanzig Klosteranlagen in den bis dato besiedelten Gebieten und ungefähr die doppelte Menge Kirchen und Kapellen.
Im 17. Jahrhundert rückte die wirtschaftliche Opportunität in Brasilien unaufhaltsam in den Vordergrund des kolonialen Bestrebens. Als im heutigen Bundesstaat Minas Gerais 1722 Diamanten und Goldstücke gefunden wurden, dachte niemand mehr an 
Bekehrung. Brasilien befand sich im Goldfieber. Die Region im Hinterland von Rio de Janeiro mauserte sich zum Eldorado für Goldgräber.

Über zwei Millionen Portugiesen wanderten via Rio de Janeiro dorthin aus. Die portugiesischen Einwanderer gründeten neue Städte und bauten in ihrer neuen Heimat Minas Gerais eine gehörige Portion Portugal mit ein. Die Goldgräberstädte Diamantina und Ouro Preto präsentieren sich heute, über dreihundert Jahre später, in ihrem ursprünglichen barocken Stadtbild in portugiesischer Dorfidylle mit Kopfsteinpflaster auf den Straßen und einstöckigen Landhäusern und demonstrieren durch ihr beinahe identisches Aussehen mit den Dörfern im Landesinneren von Portugal die tiefe Verbundenheit der Siedler zu ihrem Mutterland.
Imposante Kirchen, außen üppig ornamentiert und innen pompös ausgestattet, spiegeln den einsti-gen Reichtum der portugiesischen Kolonialherren und Kirchenorden wider. Die sogenannte weiße Elite von Diamantina ließ sich nicht lumpen und bestellte 
extra portugiesische Kirchenkünstler, zum Beispiel den aus Braga stammenden Kirchenmaler José Soares de Araújo für die Rokoko- und Renaissance-Innengestaltung ihrer Kirchen. Oder sie gaben eine ganze Kirche nach portugiesischem Vorbild in Auftrag, wie am Beispiel der Basílica do Senhor Bom Jesus de Matosinho in Congonhas deutlich wird, die wie ein Abziehbild des Santuário do Bom Jesus in Braga wirkt.
Der Goldrausch war von kurzer Dauer. Zu kurz, als dass alle Einwanderer ihren Traum von Wohlstand verwirklichen konnten. Die Goldadern versiegten. Der Rausch verpuffte nach siebzig Jahren Goldgräberstimmung genauso schnell wie er begonnen hatte. Die portugiesischen Siedler kehrten als Kolonialdiener zurück auf die Plantagen oder verdingten sich als Tagelöhner in den weiterhin bestehenden Kupfer- oder Silberminen.

Kolonialherren und Kolonialdiener, zwei Realitäten prallten aufeinander. Angestachelt von der Unabhängigkeitserklärung 1776 in den Vereinigten Staaten an das Königreich England, lehnten sich immer mehr reiche portugiesische Einwanderer in Minas Gerais gegen die erdrückende Abgabenlast und immensen Zölle an die Kolonialmacht Portugal auf. In der Minenstadt Ouro Preto gründete sich die Separatistenbewegung Inconfidência Mineira, angeführt von José da Silva Xavier, Sohn eines portugiesischen Plantagenbesitzers. Noch bevor die Verschwörergruppe überhaupt aktiv werden konnte, wurde José da Silva Xavier von einem seiner Vertrauten denunziert, vom königlichen Verwalter des Hochverrats beschuldigt und zum Tode verurteilt. Am 21. April 1792 wurde der Freiheitskämpfer in Rio de Janeiro exemplarisch für die gesamte Bewegung als einziger angeklagter Verschwörer öffentlich hingerichtet und gevierteilt.
Dreißig Jahre später rief der portugiesische Kronprinz und spätere König D. Pedro I als erster Kaiser von Brasilien am 7. September 1822 die Unabhängigkeit vom Portugiesischen Königreich aus. Von diesem Zeitpunkt an wandelte sich die bis dahin vom Heimweh ausgewanderter Portugiesen geprägte und vom Klerus beeinflusste portugiesische Baukunst von Grund auf. Die Zukunft baute auf Neoklassizismus und Eklektizismus und löste Frühbarock, Rokoko und Renaissance ab.
Die erwähnten portugiesischen Kulturdenkmäler konnten als barocke, teils frühbarocke Kunstschätze vollständig konserviert und restauriert erhalten werden. Sie legen Zeugnis ab von drei Jahrhunderten portugiesischer Einwanderer-Biografie und in diesem Zusammenhang für die wirtschaftlichen und historischen 
Umwälzungen bis zur Unabhängigkeit.
Die pastellfarbenen Häuserfronten in der Altstadt Pelourinho in Salvador da Bahia, die musealen Minen-städte Diamantina und Ouro Preto sowie die Wallfahrtskirche Bom Jesus in Congonhas gehören als Kulturdenkmäler zum UNESCO Weltkulturerbe. 
Anstelle der 1549 erbauten Jesuitenkapelle steht heute die imposante Kathedrale São Salvador.
Der gevierteilte Separatistenführer José da Silva Xavier, dem Volk hinreichend bekannt als Tiradentes, hat sich seinen Platz als Volksheld in den Herzen der Menschen erobert. Sein Todestag wurde nach der Ausrufung zur Republik 1889 zum nationalen Gedenktag erklärt. Bis heute symbolisiert der Tod von Tiradentes den Kampf gegen Unterdrückung und für Freiheit. Freiheit, nach der jeder portugiesische Einwanderer in der größten aller portugiesischen Kolonien strebte.
Text: Catrin George
ESA 09/15

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