Eine starke Frau: Margarida Tengarrinha

Eine starke Frau
Frieden, Freiheit und Gleichheit

Das Nesthäkchen einer reichen Familie wuchs zu einer überzeugten Kommunistin heran, die 20 Jahre im Untergrund lebte, zum Zentralkomitee der PCP gehörte, PCP-Abgeordnete war und nun, mit fast 88 Jahren, Kunstgeschichte unterrichtet

Margarida Tengarrinha ist in einer gut situierten Familie aufgewachsen. Ihr Vater war der Leiter der Niederlassung der portugiesischen Staatsbank in Portimão. Margarida und ihr Bruder wuchsen jedoch keineswegs abgeschottet auf. Tagsüber spielten sie am Fluss mit den Kindern der Fischer. Durch diese Freundschaften war sich Margarida schon im frühen Alter der sozialen Ungerechtigkeit bewusst. Ein Thema, das sie ihr ganzes Leben beschäftige. Vor allem, was die Rolle der Frau in der Gesellschaft betrifft.
Ihr Vater war nicht nur ein ernster Beamter, sondern auch ein passionierter Maler, der Kontakt zu vielen renommierten Künstlern wie Samora Barros oder Falcão Trigoso pflegte. Als seine Tochter beschloss in Lissabon die Kunstschule zu besuchen, legte er ihr daher keine Steine in den Weg. Hätte er geahnt, welchen Weg Margarida danach einschlug, hätte er sie wohlmöglich davon abgehalten.
Es waren die 1940er Jahre. Ganz Europa war in Krieg. Portugal blieb neutral und wurde zum Drehkreuz von Geheimagenten aller Kriegsparteien. Portugals Jugend hing der damaligen Friedensbewegung an und Margarida war keine Ausnahme. Am 7. Mai 1945, ihrem Geburtstag und dem Tag, an dem die deutsche Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation unterschreibt, nimmt sie an einer Demonstration der Friedensbewegung in Lissabon teil und jubelt vor der USA-Botschaft. Nur wenige Monate später folgen jedoch die US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und der Beginn des Kalten Krieges. „Mir wurde klar, wer für den Frieden und wer für den Krieg war, wer Interesse am Krieg hatte“, erinnert sie sich. Ihre Bewunderung für die Sowjet-union wächst und sie identifiziert sich immer mehr mit den kommunistischen Idealen. 1949 lernt sie José Dias Coelho kennen; ein Bildhauer und militanter Kommunist, der gerade aus dem Gefängnis befreit wurde, nachdem er sich in der Kampagne von José Norton de Matos gegen die vom Salazar-Regime organisierten Phantom-Präsidentschaftswahlen engagiert hatte. In der Kunstschule galt er als Held. Es dauert nicht lange, bis Margarida dem Charme des Rebells verfällt und daraufhin die Annullierung ihrer sechsmonatigen Ehe mit dem Architekten Rui Paula beantragt. Ihre Eltern sind tief bestürzt, denn eine Scheidung ist in der damaligen Gesellschaft eine undenkbare Sache. Noch dazu verlässt Margarida einen Architekten aus einer reichen Familie für ein Leben mit einem revolutionären Kommunisten, der von der Geheimpolizei des Regimes (PIDE) verfolgt wird.

Das Paar engagiert sich stark in der antifaschistischen Bewegung der Demokratischen Union (MUD, Movimento de Unidade Democrática) sowie bei den Aktivitäten der Kommunistischen Partei und wird daher von der Kunstschule ausgeschlossen. 1955 tritt Margarida der Kommunistischen Partei bei. Die nächsten 20 Jahre lebt sie im Untergrund. Die ersten Jahre ist das Paar für die Fälschung von Ausweisen zuständig. Eine Tätigkeit, bei der ihnen ihr künstlerisches Talent sehr zugutekommt und die lebenswichtig für die Kameraden ist: Die neue Identität schützt sie, wenn PIDE-Agenten sie auf der Straße kontrollieren. „Gemalt habe ich damals nicht mehr, denn wenn man ständig auf der Flucht ist, kann man nicht Pinsel, Farben, Leinwände und Staffelei mitschleppen“, so Margarida lächelnd. Dann übernimmt sie die Redaktion eines Blattes, das für kommunistische Frauen gedruckt wird. Sie macht aus dem Feuilleton eine kleine Zeitung, änderte den Titel in „Voz das Camaradas“ (Stimme der Kameradinnen) und beginnt vor allem Themen zur Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der Arbeitswelt und innerhalb der Kommunistischen Partei zu drucken. Später schreibt sie auch für „Avante!“, die offizielle Zeitung der Partei, und ist zuständig für die Redaktion, das Layout und den Druck der Zeitung „A Terra“, die für die Landarbeiter gedruckt wird. All diese Zeitungen werden an geheimen Orten gedruckt, da die faschistischen Behörden die regimefeindliche Presse maßgeblich behindert. Die Verantwortlichen werden verfolgt und auf jede neue Ausgabe reagieren die Behörden mit Razzien und Verhaftungen.
Am 19. Dezember 1961 erleidet Margarida einen schweren Schicksalsschlag: José Dias Coelho wird von der PIDE ermordet. „Der Kolonialkrieg hatte damals begonnen und Portugal hatte kurz zuvor Goa in Indien verloren. Missgestimmt gab Salazar der PIDE Anweisungen, härter vorzugehen“, erzählt Margarida. In seinem Lied „A Morte saiu à rua“ singt Portugals bekanntester Politbarde Zeca Afonso über den Mord an José Dias Coelho. Auch „Flor da Vida“ von der Gruppe Trovante ist eine Hommage an diesem Mann, der für seine Ideale kämpfte und dafür mit 38 Jahren ermordet wurde und Frau und zwei Kinder hinterließ.
Margarida flieht mit der jüngeren Tochter nach Moskau. Die Älteste bleibt bei den Großeltern. In Moskau arbeitet Margarida drei Jahre mit Álvaro Cunhal zusammen, der großen Ikone der portugiesischen Kommunistischen Partei, der 2005 verstarb. Dann reist sie nach Bukarest, wo sie bei Rádio Portugal Livre tätig ist. Stolz erzählt Margarida, dass sie bei den Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Oktoberrevolution in Moskau als Journalistin von „Avante!“ dabei war.
1968 kehrt sie zurück nach Portugal, taucht im Norden unter und schreibt und druckt die Zeitung „Avante!“. 1970 lernt sie Carlos Costa kennen, der noch heute an ihrer Seite steht. Carlos ist ebenfalls Mitglied der Kommunistischen Partei und des Zentral-komitees und wird mehrmals verhaftet. Er, wie auch Álvaro Cunhal, ist einer der neun Häftlinge des berühmt gewordenen Gefängnisausbruchs von Peniche 1960.
Am 25. April 1974, dem Tag der Nelkenrevolu-tion, waren sie in Matosinhos im Norden Portugals. Margarida erinnert sich, wie sie an dem Tag erstmals vor einer großen Menschenmasse sprach. „Nicht über Freiheit oder Nelken oder sonst was, nein! Ich wandte mich an die Arbeiter, vor allem an die Frauen, die in den Textilfabriken arbeiteten, sprach über bessere Arbeitsbedingungen, über Gleichberechtigung!“, so Margarida. Der Rest ist Geschichte. Margarida ist im Zentralkomitee tätig und wird PCP-Abgeordnete im Parlament. 1987, „enttäuscht über einige Entscheidungen der Partei“, die sie nicht näher erläutern will, kehrt sie zurück nach Portimão.
In ihrem Apartment in Praia da Rocha mit Ausblick auf den Strand und den Atlantik widmet sie sich wieder der Malerei und dem Schreiben. In „Quadros da Memória“ erzählt sie das Leben im Untergrund während Salazars Diktatur, ihren Kampf gegen das Regime und für Freiheit und Frieden. Margarida ist auch aktiv in der Gemeinde involviert. Sie gehört zur Gruppe Amigos do Museu de Portimão, ist im Museum auch in der Restaurationsabteilung tätig, unterrichtet Kunstgeschichte in der Seniorenuniversität von Portimão. Immer wieder hält Margarida Vorträge zur Rolle der Frau in der Gesellschaft und wird von Schulen eingeladen, um über das faschistische Regime und die Nelkenrevolution zu reden. „Es gibt ja nicht mehr so viele, die den Widerstand erlebt haben“, sagt sie und wendet sich dann gedankenverloren dem Horizont zu.

Text und Fotos: Anabela Gaspar
In ESA 03/16

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