Ein Stück Sozialgeschichte der Algarve

Der Ausstand

Der 1. Mai wurde in Portugal erstmals 1890 als Tag der Arbeit begangen. Die folgenden Dekaden waren von politischen Konflikten und Arbeits-kämpfen geprägt und die Algarve war ein Zentrum der Aktivisten

Arbeiterinteressen durchzusetzen müsse „das eigenhändige Werk der Arbeiter sein“, schrieb Ende des 19. Jahrhunderts Antero de Quental, einer der bedeutendsten Dichter Portugals, der auch ein großer Sozialreformer war, im Hinblick auf das Leben der Industriearbeiter, das Quental aus eigener, in Frankreich gesammelter Erfahrung kannte. Doch fast die Hälfte der Bevölkerung Portugals arbeitete in der Landwirtschaft und die Interessen der Landarbeiter deckten sich kaum mit den Positionen der Aktivisten in den Fabriken, die 1912 mit einem Generalstreik die Region Évora zum Stillstand brachten, mehrere Streiks in den Minen von São Domingos und Aljustrel ausriefen, wo die Arbeiter Hunger litten, 1919 die Arbeiterorganisation Confederação Geral do Trabalho (CGT) gründeten und schließlich den Achtstundentag in Handel und Industrie durchsetzten. Diese Nachrichten verbreiteten sich international und die 1922 in Berlin gegründete anarchistische Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) plante sogar einen Kongress in Portugal.

Bäuerliche Arbeit lässt sich nicht reglementieren, sie muss dem Plan der Natur folgen“, entgegneten die Landarbeiter, die vor allem während der Erntezeit oft von Ort zu Ort zogen und im Winter selten Arbeit hatten. In ihrer sozialen Not seien sie „kaum für Streiks zu mobilisieren“, schrieb die Zeitung Ecos do Sul aus São Brás de Alportel. Dennoch waren es Landarbeiter in Silves, die 1924 eine Arbeitszeitregelung erstritten. Ebenfalls in Silves entstand Portugals erste Landarbeiter-Gewerkschaft. Und als die Salazar-Diktatur 1933 die CGT verbot, agierten alle Arbeiter gemeinsam aus dem Untergrund. Die Geschichte der Korkarbeiter ist überliefert; über zahlreich geschaffene Verbände anderer Berufe ist wenig bekannt, wohl auch, weil ab 1933 die Polícia de Vigilância e de Defesa do Estado (PVDE; dt. svw. Wach- und Staatsschutz), Vorläufer der gefürchteten Geheimpolizei PIDE, das öffentliche Leben kontrollierte und Zensur ausübte.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise von 1929 stieg die Arbeitslosigkeit in Portugal rasch auf 25 Prozent. Wer Arbeit hatte, musste drastische Lohnkürzungen hinnehmen und Beiträge zum Hilfsfonds für Arbeitslose zahlen. Die erstrittenen Rechte bestanden nur noch auf dem Papier. Das totalitäre Regime erließ das Estatuto do Trabalho Nacional, das die „unumstößliche Priorität des Geldes vor der Arbeit“ festschrieb. Beamte, Fischer und Landarbeiter erhielten Gewerkschaftsverbot. Der Unmut der Menschen im Raum Silves wuchs. Auch neue Infrastruktur – die Talsperre Barragem do Arade, die Markthalle, eine Technikerschule und eine neue Brücke – änderte daran nichts. 1933 verbündeten sich Arbeiter in der Frente Única Sindical, was auch die Algarve mobilisierte, als die Regierung die Korkarbeiter-Gewerkschaft Associação da Classe dos Operários Corticeiros blockierte.
Die Korkindustrie hatte der Algarve seit Mitte des 19. Jahrhunderts überregionale Bedeutung -verschafft. Das förderte das Selbstbewusstsein. Repu-blikaner und Anarcho-Syndikalisten hatten in Silves eine Hochburg, und als die Frente Única Sindical für den 18. Januar 1934 zum Generalstreik aufrief, schlossen sich Arbeiter aus Kork- und Konservenfabriken sowie Bau- und Hafenarbeiter in der Algarve dem Ausstand an, der verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen und vor allem die Befreiung von der Diktatur bringen sollte.
1924 war ein Korkarbeiterstreik blutig niedergeschlagen worden. Damit sich das nicht wiederhole, bereiteten Komitees in Lagos, Silves, Messines, Portimão, Tunes, Faro, Olhão, Tavira und Vila Real de Santo António die Aktion vor. Aus Lissabon kamen Sprengsätze nach Portimão, in Silves wurden sie vor Ort gebaut. In Monchique kauften Arbeiter Dynamit unter dem Vorwand, es zum Fischen zu benötigen, tatsächlich aber, um Straßen zu sperren und Telegrafenmasten zu kappen. Nichts davon blieb dem Geheimdienst verborgen: „Gavino Rodrigues und João dos Santos Viegas holten zwei Taschen mit Bomben aus Almada und übergaben sie den Komitees in Vila Real und Tavira“, notierte die PVDE.
Ein verschlüsseltes Telegramm an die Korkarbeiter und die Nichtankunft eines Versorgungszuges aus Lissabon (streikende Bahnarbeiter hielten ihn in Barreiros auf) waren die vereinbarten Signale für den Beginn des Streiks – und gleichzeitig der Anfang von dessen Ende: Als Arbeiter gerade das Hauptquartier der Nationalgarde GNR in Silves stürmten, kam der Zug doch noch in Silves an. Die Bahnarbeiter hatten den Streik aufgegeben. Danach brach die gesamte Bewegung auseinander und die Beteiligten hielten sich gegenseitig vor, nicht sorgfältig nach Streikbrechern gesucht zu haben, denn die Polizei war stets gut unterrichtet: Der Korkarbeiter Fernando Francisco da Silva, der einzige Mann in Silves, der sich nicht am Ausstand beteiligte, hatte mitgehörte Informationen der PVDE zugetragen, die nun unerbittlich zuschlug.

Der Streik wurde punktuell noch einige Tage fortgesetzt. Die Regierung ordnete an, jeden fristlos zu entlassen, der im Verdacht stand, mit dem Protest zu tun zu haben. Es waren schließlich die Korkfabrikanten selbst, die das mit einer Petition verhinderten, denn „so viele entlassene Arbeitskräfte können wir kurzfristig nicht ersetzen.“ Drei Wochen sollte es dauern, bis in Silves wieder der Alltag einkehrte. Hunderte Streikende wurden zu langjähriger Haft und Verbannung verurteilt, Gewerkschaften und ihr Vermögen in die korporative Arbeitsorganisation des Staatsapparats integriert. Und die unter Zensur arbeitende Presse berichtete über das Ereignis als „Versammlung einiger Korkarbeiter, die alsbald von der GNR zur Ordnung gerufen wurden.“

Text: Henrietta Bilawer
In ESA 05/16

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