Der Weg nach Rio

Die Geschichte portugiesischer Olympia-Teilnahmen

Das Weltsportfest, das in diesem Monat in Rio de Janeiro stattfindet, dient der „Verständigung zwischen den Völkern im fairen Wettkampf“: In 37 Arenen werden 306 Wettbewerbe in 42 Sportarten entschieden. Portugals Athleten zeigen Medaillenzuversicht

Passagiere der portugiesischen Fluggesellschaft TAP erhalten derzeit ungewöhnliche Sicherheitshinweise: Statt einer virtuellen Flugbegleiterin begrüßt Portugals Leichtathletik-Legende Rosa Mota, Olympiasiegerin im Marathonlauf 1988 und mehrfache Europa- und Weltmeisterin, die Fluggäste via Monitor. Weitere portugiesische Athleten erläutern anhand ihrer Sportarten die Sicherheitsgurte, Sauerstoffmasken und Rettungswesten. Mit dieser Einstimmung der Reisenden auf das Welt-Sport-Event feiert die Airline gleichzeitig das 50-jährige Jubiläum ihrer Flugverbindung zwischen Portugal und Rio de Janeiro, wo nun die 31. Olympischen Spiele beginnen (www.rio2016.com). 206 Länder sind vertreten, mehr als je zuvor, zudem gibt es erstmals eine Mannschaft geflüchteter Sportler.
Portugal folgt der solidarischen Symbolik des Olympia-Logos, das drei Menschen händehaltend darstellt, und entsendet auch eingebürgerte, nicht in Portugal geborene Athleten wie Tsanko Arnaudov, Kugel-stoßer mit bulgarischen Wurzeln, der bei der Leichtathletik-EM im Juli in Amsterdam eine Bronzemedaille holte (eine von sechs portugiesischen EM-Medaillen, drei davon Gold). Der Judoka Sergiu Oleinic gewann schon in seinem Geburtsland Moldawien Medaillen. Die in China geborene Tischtennisspielerin Fu Yu erspielte 2013 für Portugal die erste und danach weitere Medaillen dieser Sportart. Die drei wecken Medaillenträume ebenso wie Fu Yus in Deutschland spielender Teamkollege Tiago Apolónia, Weltmeister und Olympia-sieger 2008 Nelson Évora (Dreisprung), die Geherin Ana Cabecinha, die Turner Ana Rente, Diogo Abreu und Gustavo Simões sowie Sara Moreira und Jéssica Augusto (EM-Gold bzw. Bronze im Halbmarathon) und 65 weitere Olympioniken.
Superlative bereits im Vorfeld gehören zu allen Spielen, doch die olympische Geschichte Portugals begann spät und moderat. Der Arzt António de Lencastre vertrat sein Land ab 1906 im Internationalen Olympischen Komitee, doch ein Nationales Olympisches Komitee konstituierte sich erst 1909 und hatte vor der ersten portugiesischen Teilnahme an Olympischen Spielen 1912 in Stockholm die Aufgabe, Bevölkerung und Politik die Idee vom gesunden Geist zu vermitteln, der in einem gesunden Körper wohne. Die gerade gegründete Sociedade Promotora de Educação Física Nacional (SPEFN), eine Gesellschaft zur Förderung des Breitensports, hatte eine Schlüsselrolle und bat die meist elitären Sportvereine des Landes um Mithilfe, denn wer in jener Zeit regelmäßig Sport trieb, gehörte zum Adel oder zu dem Teil des Bürgertums, das weder Zeit noch Energie auf den Broterwerb verwenden musste.

Im Sommer 1910 lud die SPEFN zu „Natio-nalen Olympischen Spielen“. Viele kamen, auch die königliche Familie, die Medaillen überreichte. Das Sportfest war zukunftsweisend, aber als knapp drei Monate später aus dem monarchistischen Portugal eine Republik wurde, rutschte der Sport weit nach unten auf der Liste der drängenden Fragen der Zeit. Das Geld für die Olympiateilnahme fehlte, viele adelige Sportler gingen nach der Ausrufung der Republik ins Exil, andere zogen sich zurück, darunter auch IOC-Mitglied António de Lencastre. Die SPEFN stand vor dem Aus, hätte sich nicht die Associação Sportiva dos Jornalistas (ASJ) berufen gefühlt, den Geist des Sports wachzuhalten. Trotz fehlender organisatorischer Infrastruktur gelang es über Kontakte mit dem Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, Sportler für die Stockholmer Spiele anzumelden. 1912 reisten sechs Athleten an Bord des Dampfers Astúrias nach Schweden, wo sie ihr Land beim Fechten, in Ringerwettbewerben und in Lauf-Disziplinen vertraten. Armando Cortesão erreichte im 800-Meterlauf die Endausscheidung, doch Portugals erste Olympiateilnahme endete in einer Tragödie: Der Mara-thonläufer Francisco Lázaro erlitt wenige Kilometer vor dem Ziel einen Hitzschlag und starb.

Mangelhafte Bedingungen für systematisches Training führten dazu, dass Portugals Wettkämpfer nie zu den großen Medaillen-Abräumern gehörten. Der ewige Medaillenspiegel weist viermal olympisches Gold, achtmal Silber und elfmal Bronze aus. Die Springreitermannschaft brachte 1924 aus Paris die erste Medaille für Portugal, eine bronzene, nach Hause. Vier Jahre später kam Portugals Fußball-Elf bei den Spielen in Amsterdam ins Viertelfinale und schaffte es sogar ohne Medaille, den Fußball daheim ins Zentrum des sportlichen Interesses zu befördern.
Nach unterbesetzten und erfolglosen Olympia-Teilnahmen in den folgenden Jahren gewannen die Brüder Fernando und Duarte Belo 1948 in London im Segeln die erste Silber-medaille für ihr Land. Bei den Spielen der Jahre 1956 bis 1972 blieben portugiesische Erfolge aus, ab 1976 gewannen Athleten dann mehrfach Silber, meist in den Laufdisziplinen, die generell die meisten Erfolge in Portugals olympischer Historie brachten, insbesondere im Marathonlauf, wo Carlos Lopes 1984 in Los Angeles die erste Goldmedaille für Portugal gewann und seine Teamkollegin Rosa Mota Bronze. Die bekannteste Sportlerin des Landes lief 1988 in Seoul zur Goldmedaille auf der 42,195-km-Strecke.
1996 in Atlanta traten 107 Wettkämpfer aus Portugal an, mehr als je zuvor und auch danach. Insgesamt besonders erfolgreich war neben den Spielen 1984 die portugiesische Olympiateilnahme in Athen 2004: Es gab Sil-ber-medaillen im Radrennen und im 100-Meter-Lauf, Bronze über 1.500 Meter und vordere Plätze beim Strand-Volleyball und beim Segeln. 2012 in London waren die Kanuten Emanuel Silva und Fernando Pimenta mit Silber Portugals einzige Medaillenbringer.
Lusitaniens Spitzensportler sind zuversichtlich und gerüstet für das Sportfest am Zuckerhut. Ihr Abschneiden könnte einen 
Plan beeinflussen, der auch dem Breitensport neuen Auftrieb geben soll: Lissabon kandidiert für den Titel der Europäischen Sporthauptstadt 2021.
Text: Henrietta Bilawer
ESA 08/16

Share.

Comments are closed.