Das vertraglich geregelte Verhältnis

Ein langer Weg
Das vertraglich geregelte Verhältnis

Ansichten über die Ehe gibt es ebenso viele wie Gründe für ihr Scheitern. Die Entstehung des portugiesischen Scheidungsrechts spiegelt das historische Bild der Frau und der Gesellschaft

Miguel Ignácio Pereira und Emília Rosa Conceição Ventura stehen für eine Zäsur in der portugiesischen Rechtsgeschichte: Am 29. November 1910 wurden die beiden geschieden. Die erste rechtlich sanktionierte Trennung einer Ehe in Portugal erfolgte ganze 26 Tage nach Inkrafttreten des ersten Scheidungsgesetzes der Republik. Mehr über den „leitenden Maschinenführer bei der Kriegsmarine“ und seine Ex-Frau ist nicht überliefert. Die Presse ergänzte, dass „viele Anträge die Gerichte erreichen und illustre Advokaten sich auf das neue Recht spezialisieren“, das Scheidungsgründe wie „Ehebruch, Gewalt oder Glücksspiel“ vorsah. Die Volkszählung von 1911 registrierte bereits 2.685 Scheidungen.
Portugals Scheidungsrecht ist Frucht der Gesellschaft im 19. Jahrhundert, die durch politische Wirren, Revolten, Bürgerkrieg, Finanzkrisen und den Verfall der Monarchie geprägt und seit der Schließung der Klöster und religiösen Orden 1834 zunehmend säkular wurde. Der Liberalismus weckte den Enthusiasmus der Eliten für republikanische Ideen. Ein Bürgerliches Gesetzbuch sollte entstehen, der erste Código Civil, in dem auch das Vertragsrecht Form annahm: Bedingungen für Abschluss und Auflösung von Kontrakten. In dieser Atmosphäre wurde 1867 die bürgerliche Eheschließung ohne kirchlichen Segen möglich. Doch eine weltliche Willenserklärung unterläge unter Umständen wie jeder andere Vertrag der Auflösbarkeit, auch wenn die Verfechter der bürgerlichen Ehe das ursprünglich nicht vorgesehen hatten. Die Selbstbestimmung über Sein oder Scheitern einer Ehe ergab sich aus formaljuristischen Gründen.
Frühe Frauenrechtlerinnen mahnten, eine mögliche Scheidung würde „den Unterlegenheitsstatus der Frau verstärken“, die zwar auch in der Ehe kaum Rechte besaß, aber durch Heirat eine gesellschaftliche Position und den Schutz des Familienoberhauptes erwarb. Beides ginge bei einer Scheidung verloren. Am Beispiel von Lissabon beschrieben Frauenrechtlerinnen ihre Klientel: Jede vierte Hauptstädterin konnte weder lesen noch schreiben und verrichtete, wenn überhaupt, niedrige Arbeiten in der aufkommenden Industrie, von deren Einkommen sie allein nicht leben konnte. Was manchen als Schritt in die Unabhängigkeit erschien, war für andere die Ausweitung der Abhängigkeit.
Protest aus vielen Orten, namentlich aus dem Bezirk Faro, erreichte Lissabon: Ein solches Gesetz dürfe keinesfalls verabschiedet werden, ohne der Landbevölkerung Mitsprache zu gewähren. Weder die städtische Gesellschaft noch die Menschen auf dem Land schienen vorbereitet auf den Status der geschiedenen Frau: „Alle waren einander gleich; Vater, Mutter, Pfarrer, Onkel, Neffen, aber auch die anderen unterschieden sich nur durch ihr Alter. Jeder Einzelne in seinem Dorf war an seinem Platz“, so der Schriftsteller José Trindade Coelho 1891 in seiner Erzählung Terra Mater. Das Thema beflügelte die Kultur: Selten wurde ein Stoff so häufig in Theaterstücken verarbeitet und je nach Standpunkt des Verfassers wurde daraus eine Tragödie oder eine Komödie. Ein Autor fand, es sei „nicht brutal, dass eine gute, freundliche Frau mit einem unwürdigen, kapriziösen Mann verbunden ist oder ein ehrlicher Mann mit einer liederlichen Frau, wenn das die Institution der Familie schützt.“
Nach rund fünfzig Jahren der Debatten wurde das Gesetz über die Scheidung 1910 schließlich als eines der ersten nach der Ausrufung der Republik verabschiedet. Die Folgejahre formten die Gesetzes-wirklichkeit: Zunächst kamen Anträge vor allem aus der Oberschicht. Nachdem Portugal im März 1916 in den Ersten Weltkrieg eintrat, änderten sich Rolle und Aufgaben der Frau, die daheim ihren Mann stehen musste, während der Ehepartner an der Front war. Die Scheidungszahlen in den unteren Bevölkerungsschichten stiegen explosionsartig. Gleichzeitig spürten die Frauen, dass noch viele andere Fragen zu klären waren, bis sie sich als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft fühlen könnten: Lohn und Bildung standen ganz oben auf der Liste, gefolgt vom Recht auf politische Partizipation.
Carolina Beatriz Ângelo (1877 – 1911), Witwe, alleinerziehende Mutter und Portugals erste Chirurgin, stritt in der Liga Republicana das Mulheres Portuguesas für das Frauenwahlrecht. Sie selbst stimmte am 28. Mai 1911 beim Urnengang zur verfassunggebenden Nationalversammlung ab: Das Wahlrecht war uneindeutig formuliert und gestattete die Abstimmung allen, die lesen und schreiben konnten, was Frauen weder ausdrücklich einbezog noch ausschloss. 1913 beschränkte dann das von Ângelo mitgewählte Parlament das Wahlrecht auf Männer. Im faschistischen Regime des Estado Novo durften ab 1932 Frauen mit höherem Bildungsabschluss wählen. Das allgemeine und unmittelbare Wahlrecht kam erst mit der Nelkenrevolution 1974, wie vieles andere, das Frauen aus ihrer faktischen Abhängigkeit holte.
1940 hatte Diktator António Salazar ein Konkordat mit dem Vatikan unterzeichnet, das kirchlich getrauten Paaren die Scheidung verbot. Bis in die 1960er Jahre durften Frauen weder ein eigenes Bankkonto eröffnen noch ohne Genehmigung des Mannes etwas verkaufen, einem Beruf nachgehen oder ins Ausland reisen. Erst 1976 wurde dem Ehemann das Recht entzogen, die Korrespondenz seiner Frau zu kontrollieren. 1978 schließlich endete mit einer Reform des Código Civil die „Entscheidungsmacht des Mannes über die Frau, das Eheleben und die Kinder“. Das Schuldprinzip verschwand aus dem Scheidungsrecht. Laut Weltwirtschaftsforum braucht es aber noch weitere 118 Jahre, bis Frauen ökonomisch gleichberechtigt sind, nicht nur in Portugal.

Text: Henrietta Bilawer
In ESA 03/16

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