Vertrag kommt von vertragen

Der Tratado de Alcanizes, von Portugal und Spanien im September 1297 unterzeichnet, schrieb die Grenzen zwischen den Ländern ,,für alle Zeiten” fest. Die Koordinaten der Algarve gehören auch dazu, sowie ein seit 200 Jahren ungelöster Streitpunkt

Die Festung von Olivença

Die manuelinische Ponte da Ajuda bei Olivença verband Portugal und Spanien zweihundert Jahre, bis sie 1709 im spanischen Sezessionskrieg zerstört wurde. Spanische Denkmalpfleger brauchen zum Wiederaufbau die Genehmigung des portugiesischen Denkmalinstituts IPPAR

Grenzsteine markierten seit Alters her königliche Herrschaftsbereiche. Überschreiten glich einer Kriegserklärung, konnte der Reisende nicht glaubhaft machen, dass er in friedlicher Absicht durch die Felder zog. Die Quader trugen häufig die Insignien von König und Nation und waren nummeriert. Der Limes zwischen Spanien und Portugal entstand nach dem 12. September 1297. An jenem Tag unterzeichneten Dom Dinis, Regent von Portugal und der Algarve, und Fernando IV, Herrscher über Kastilien, Leon, Toledo und Algeciras, den Tratado de Alcanizes. Der Vertrag, benannt nach dem Unterschriftsort in Kastilien, legte die Grenze zwischen beiden Ländern fest. Sie gilt bis heute, immerhin seit 710 Jahren ­ die stabilste in Europa. Jedenfalls fast. Würde sich heute jemand bemühen, die Inschriften auf verwitterten Grenzsteinen zwischen Portugal und Spanien zu entziffern, stellte er fest, dass zwischen dem Stein mit der Nummer 800 und dem 900. Quader mitten im Alentejo östlich von Alandroal und Elvas eine kilometerlange Lücke klafft ­ Folge des Grenzstreits um die Stadt Olivença, auf Spanisch ,,Olivenza”, was aus portugiesischer Sicht ein Verstoß gegen alle Regeln ist, nicht nur gegen die der Rechtschreibung: ,,Olivença é nossa!” weiß in Portugal jedes Kind: Spanien hält die acht Dörfer und 11.000 Bewohner des Kreises, mit 750 Quadratkilometern gut viereinhalb mal so groß wie Liechtenstein, besetzt.

Kein Dauerbrenner bei gesamt-iberischen Politikertreffen, doch wer schweigt, stimmt noch lange nicht zu: Zuletzt schickten portugiesische Diplomaten 1995, bei der Planung zur Alqueva-Talsperre, dreizehn Bände historisch-juristischer Studien nach Madrid, unmissverständlich betitelt: ,,Über die Territorien von Spanien und Olivença”. Vielen gilt der Vertrag von Alcanizes als wichtigstes Kapitel der Landesgeschichte. Portugal überließ den Spaniern Arouche, Aracena und Ayamonte (alle in der Provinz Huelva). Einige bis dahin spanische Landstriche wurden portugiesisch. Dazu gehören viele Burgen, wie die Castelos do Sabugal, Bom Castelo und Vilar Maior, aber auch die Alentejo-Orte Campo Maior, Serpa und Moura und das umstrittene Olivença selbst, das portugiesische Ritter des Templerordens 70 Jahre zuvor von den Mauren befreit hatten. Wie ein Dorn, in der Form und auch sprichwörtlich, ragte der Landstrich in spanisches Terrain. Im Orangenkrieg von 1801, in dem Spanien und Frankreich auf der einen und Portugal auf der anderen Seite stand und dort verlor, eroberte die Kriegskoalition Olivença. Die Sieger pflückten in Elvas Orangen und schickten sie per Boten ans Königshaus in Lissabon als Wink, wo die Frontlinie verlaufen würde, sollte Portugal seine Häfen nicht für britische Handelsschiffe sperren, Olivença an Spanien und Teile der Kolonie Brasilien an Frankreich abtreten. Dieser unfriedlich geschlossene ,Frieden von Badajoz’ besiegelt für Spanien: Olivença gehört zur Extremadura, nicht zum Alentejo, obwohl 1815 in der Folge des Wiener Kongresses die Rückgabe vereinbart war. Beseelt von Nationalgefühl und Tradition, fechten im Grenzland Bürgervereine jeden Kulturkampf für ein portugiesisches Olivença aus. Anhänger des Grupo de Amigos de Olivença radeln gern mal rüber nach Spanien und entrollen in der Stadt ein paar portugiesische Flaggen. Von ,,Erniedrigung” ist die Rede, jeder 20. Mai ist Trauertag: Der ,,Beginn der Besatzung”. Die Monarchen Dom Dinis und Fernando IV waren weitsichtig und schätzten das Temperament ihrer Untertanen richtig ein. Sie schrieben in ihren Vertrag, dass er für ,,immer und alle Zeit den Grenzverlauf bestimmt und von allen nachfolgenden Herrschern respektiert werden muss”. Sie verfügten weiter, wer ,,diesen Vertrag nicht achtet, ist ein Verräter und muss ernsthaft bestraft werden”. So kam’s denn auch: Mittlerweile, so schrieb zum Jubiläum des Vertrags ein Kommentator, hätten ,,ja Portugal und Spanien genug damit zu tun, sich in der Europäischen Gemeinschaft durchzusetzen”. Gegen die Wirkung von EU-Verträgen sei der Tratado de Alcanizes ,,reine Folklore”.
Henrietta Bilawer

ESA 09/07

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