Zeitreise – Das Mittelalter erwacht

Auf der Feira Medieval in Silves und während der Dias Medievais in Castro Marim erwachen Traditionen und Kuriositäten des Mittelalters zu neuem Leben und der Besucher taucht in vergangene Kultur und Lebensart ein

Brites de Almeida aus Faro war Bäckerin. Der körperlich höchst anstrengende Beruf war eigentlich Männersache. Das schreckte Brites nicht, denn als Waise aus einer armen Familie zog sie auf der Suche nach einem Auskommen durchs Land. Auf einem Jahrmarkt nahmen Soldaten des Portugal beherrschenden kastilischen Königshauses sie gefangen und verkauften sie als Sklavin. Sie konnte fliehen und kam in das Dorf Aljubarrota, das unter der Lehnsherrschaft des Klosters Alcobaça darbte. Brites blieb duldsam. Bis zum 14. August 1385. An jenem Tag schlugen die Portugiesen die Spanier in der legendären Schlacht von Aljubarrota in die Flucht und Brites wurde zur Heldin der Historie: Sieben spanische Spione hatten sich in ihrer Backstube versteckt und Brites erschlug sie mit ihrem Brotschieber, mit einem Hieb. Die portugiesische Variante der ‘Sieben auf einen Streich’ machte die wackere Frau unsterblich und alle Festivals, die Portugals mittelalterliche Geschichte aufleben lassen, zollen Brites de Almeida Tribut.

Auch in ihrer Heimat Algarve ist sie 630 Jahre nach Aljubarrota präsent, wenn fahrende Händler, Gaukler und Schlangenbeschwörer, Musikanten und Märchenerzähler, Ritter und Edelleute sich in Silves und Castro Marim mit Musik und viel Spektakel ein Stelldichein geben. Jedes Jahr im August ist die Historie rund um das Kastell hoch über Castro Marim lebendig: Alte Musik erklingt, am Wegesrand plaudern Soldaten und Burgfräulein (die Anwohner sind begeisterte Statisten). Die deftigen Speisen aus der Klosterküche, in Tonkrügen gereichte Erfrischungen und die Souvenirs werden mit Real bezahlt: Der Cellerar am Burgtor tauscht Euros gegen die mittelalterliche Münze. Traditions-Handwerker demonstrieren ihr Metier: Schuster nähen Lederschuhe mit einer Ahle, die aus der Schmiede nebenan kommt wie auch die Hufeisen für die Pferde, die genau wie ihre Reiter im richtigen Leben bei der Nationalgarde GNR Dienst tun und für das Festival Harnische anlegen. Küfer stellen die Fässer her, aus denen der Burgwirt Wein und Cidre schöpft. Schlachter, Klöpplerinnen und Korbflechter öffnen ihre Werkstätten. Bauchtänzerinnen und geheimnisvolle Prinzen zeigen, wie Christen und Mauren friedlich miteinander feiern können. Wer die Harmonie stört, wird bestraft: Der Richtplatz zeigt das Instrumentarium des mittelalterlichen Rechtswesens.

1282 kam der Templerorden nach Castro Marim, dessen Ritter großen Anteil an der christlichen Rückeroberung der maurisch besetzten Gebiete hatten. In Silves zelebriert die Feira Medieval die vorangegangene Epoche: Um 714 nahmen islamische Berber die Iberische Halbinsel ein und machten sie zu einer Provinz des Kalifen von Damaskus. Mit Unterbrechungen herrschten die Mauren hier 700 Jahre. Die Burg auf dem Hügel wurde gebaut; sie galt als uneinnehmbar. Die fruchtbare Erde erlaubte eine ertragreiche Landwirtschaft, der Arade-Fluss sicherte die Verbindung zur Küste. Das Volksfest verbindet orientalisches Mittelalter und Neuzeit: Die traditionellen Farben Rot, Hellblau und Gelb, geometrische Muster und geschwungene Inschriften sind allgegenwärtig. Auf dem arabischen Wochenmarkt demonstrieren Kalligrafen die ornamentreiche Schriftkunst, malen auf Stoffen, die nach überlieferter Art gewebt, gefärbt oder mit seidenen Bändern und Goldfäden geschmückt sind. In der wiedererweckten Welt der Ahnen erlebt der Besucher vergangene Kultur und Lebensart. Und wenn er eine Backstube betritt, darf er sich an die Freiheitskämpferin aus Faro erinnern.
Text: Henrietta Bilawer
ESA 08/15

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