Vale da Lama

Dort, wo sich die Flüsse treffen

Ein knapp sechs Kilometer langer Rundweg um Vale da Lama westlich von Silves führt uns zu der Stelle, an der die Flüsse Odelouca und Arade zusammenfließen. Ein traumhaftes Fleckchen, das zum Verweilen einlädt

Sehr groß ist die Algarve nicht. Knappe 170 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Dennoch gibt es stets Neues zu entdecken. Oft sogar praktisch vor der eigenen Haustür. So widerfuhr es mir bei dieser Wanderung. Nur knappe vier Kilometer westlich von Silves entfernt liegt an der EN 124 die kleine, unauffällige Ortschaft Vale da Lama. Der Hügel, auf dem sich die Ortschaft befindet, grenzt im Westen an die Ribeira de Odelouca und im Süden und Südosten an den Rio Arade und bietet sich daher ideal für einen Ausflug in Wassernähe an. Eine ausgeschilderte Route ist nicht vorhanden, es gibt aber mehrere Schotterstraßen rund um und quer über den Hügel, sodass man seine individuelle Route – kürzer oder länger – wählen kann. Möglich ist auch, so wie mein heutiger Begleiter Heinz Kegler und ich es gemacht haben, dem Wasserkanal des alten Bewässerungssystems zu folgen, um näher an den Flüssen zu wandern.

Wir stellen das Auto auf dem Parkplatz des Restaurants Mira Rio an der EN 124 ab, gehen dann einige Meter zurück und nehmen die zweite Straße rechts, die zur Ortschaft Vale da Lama führt. Kurz darauf sehen wir auch schon den Wasserkanal und verlassen die asphaltierte Straße. Der Kanal ist Teil eines ausgeklügelten Bewässerungssystems aus den 1950er Jahren, das von zirka 1.300 Landwirten aus der Gegend von Silves genutzt wurde. Rund um diesen Ort verlaufen solche Kanäle, die selbst bei Google Maps gut sichtbar sind. Es ist ein bemerkenswertes Bauwerk, das hier und da auch unterirdisch verläuft. Dieses Jahr wurde das System jedoch zum Teil durch ein modernes unterirdisches Netz aus Rohren ersetzt, um Wasserverluste zu verhindern. Ob der Kanal bei Vale da Lama noch genutzt wird, konnten wir nicht feststellen. Leider sind der Kanal und die Schleusen verwahrlost, aber man kann diesen Weg trotzdem ohne Bedenken wählen.
Einige Meter weiter links von der Wasserstraße fließt gemächlich die Ribeira de Odelouca. Der Fluss entspringt in der Serra do Caldeirão im Bezirk Almodôvar im Alentejo, fließt bis in die Serra de Monchique, wo er ungefähr acht Kilometer südöstlich der Stadt Monchique in der Talsperre Odelouca zu einem See aufgestaut wird, und mündet etwa vier Kilometer westlich von Silves in den Arade. Erste Pläne für die Talsperre von Odelouca stammen aus dem Jahr 1972, doch erst seit Juni 2012 liefert sie Tausenden Haushalten in der Algarve das Wasser. Doch hier, wo wir uns befinden, sind keine Häuser in Sicht. Lediglich Orangenbäume, Schilf, mit Lackzistrosen bewachsene Hügel und in der Ferne das Monchique-Gebirge. An manchen Stellen ist die Vegetation am Kanal dicht, kurz darauf öffnet sich wieder der Blick auf den Fluss und die umliegenden Hügel.
Dann erreichen wir die schönste Stelle dieser Route, die auch der Grund dieser Wanderung ist: Die Stelle, an der sich die Flüsse Odelouca und Arade treffen. Hier lassen wir uns nieder, machen es uns gemütlich und genießen die Aussicht, die frische Luft und die Ruhe dieses idyllischen Fleckchens Erde. Kaum vorstellbar, dass unweit von hier die Hochhäuser von Portimão in den Himmel ragen und die Straßen voller Menschen und Autos sind. Hier hören wir das Rauschen des Wassers und das Zwitschern der Vögel. Das einzig störende Geräusch erzeugt ein Boot, das kurz vorbeifährt. Der junge Mann auf dem Stand Up Paddle passt schon eher in das Landschaftsbild.
Vor der Landzunge, auf der wir uns befinden, liegt in der Mitte des Flusses die kleine Insel von Nossa Senhora do Rosário, auf der früher eine Wallfahrtskirche stand, die gleichzeitig als Leuchtturm diente. Die Insel ist ein Grenzpunkt zwischen den Bezirken Lagoa, Silves und Portimão. Vor langer Zeit kam es hier oft zu Kämpfen zwischen den Bewohnern. Nach einem dieser Kämpfe sollen Männer aus Ferragudo die Statuette der schwarzen Nossa Senhora do Rosário, die in der Kapelle stand, gestohlen haben. Die Bewohner von Ferragudo bestreiten dies, doch tatsächlich steht die Statuette heute in der Kirche von Ferragudo.
Nach einer kleinen Stärkung mit Käse, Brot und Rotwein gehen wir entlang des Arade-Flusses gen Silves weiter. An den Ufern entdecken wir verschiedene Vogelarten wie Reiher, Kormorane, Störche und natürlich viele Möwen sowie bunte Libellen und Schmetterlinge. Auch Schafe und Pferde grasen an den Ufern. Und bald erblicken wir in der Ferne Silves. „Sie liegt majestätisch am Hügel, ihre arabischen Paläste in der fast tropischen Sonne strahlend, (…) rund um sie herum üppige Orangen-, Mandel- und Feigenplantagen und oberhalb thront in roten Steinen die Festung.“ So wurde Silves von einem Kreuzritter beschrieben, der 1189 von der Eroberung der Stadt durch König D. Sancho I berichtete. Wenn man sich Silves nunmehr über den Fluss nähert, ist man, genau wie der Kreuzritter damals, beeindruckt und kann seine Worte nachvollziehen. Heutzutage sind nur noch wenige Ausflugsboote auf dem Arade unterwegs, doch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der Fluss die Hauptverbindung zur Stadt. Während der maurischen Herrschaft im 11. Jahrhundert war Silves Hauptstadt der Algarve und eine der wichtigsten Städte der Iberischen Halbinsel. Unzählige Boote fuhren täglich über den Arade nach Silves und lieferten den Basaren ihre Produkte. Später, als Silves in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Kork-Produktionsstätte war, diente der Arade dem Transport des Korks bis zur Küste.
Am Restaurant Rocha Branca angekommen, verlassen wir den Wasserweg und folgen der Schotterstraße. Der Kanal verläuft noch einige Meter parallel zur Straße, bevor er Richtung Nordosten abbiegt. Allmählich verändert sich die Landschaft, je weiter wir uns vom Flussufer entfernen. Wir passieren gepflegte Obst- und Gemüsegärten, Weideflächen und einen kleinen Korkhain. Stets dem Hauptweg folgend erreichen wir nach etwa zwei Stunden – dadurch, dass wir eine längere Pause eingelegt haben – schließlich den Ort Vale da Lama und kurz darauf unseren Ausgangspunkt.

Text & Foto: Anabela Gaspar
In ESA 12/15

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