Maritime Abenteuer

Die Zukunft liegt auf dem Wasser

Mit seiner endlos lang erscheinenden Küste, zahlreichen Binnenseen und Flüssen kann Portugal sich auf dem Weltmarkt des Wassersports behaupten, wobei das Luxussegment der Sparte immer wichtiger wird

Manchmal braucht eine Region ein wenig Nachhilfe, um sich auf der Liste europä-i-scher Urlaubsziele zu profilieren. So gilt der montenegrinische Ort Tivat als Monte Carlo der Adria, nachdem James Bond dort 2006 im „Casino Royale“ unterwegs war. Das jedenfalls suggerierte der Film, der in Wirklichkeit allerdings nicht in Montenegro gedreht wurde. Egal – die Küste und der Yachthafen Porto Montenegro melden seither eine vervielfachte Nachfrage von Wassersportlern und Bootsbesitzern und bedienen die obere Preiskategorie. Portugal präsentiert sich selbst – direkt und unverfälscht. Wenn demnächst in Berichten über das Volvo Ocean Race die portugiesische Küste erscheint, ist alles echt, denn Lissabon wird eine der elf Etappen der Hochsee-Regatta rund um die Welt (volvooceanrace.com).
Auch, wenn das Segler-Event erst in gut einem Jahr beginnt, das Geschäft blüht bereits, freut sich José Pedro Amaral, der Chef des portugiesischen Sail Portugal-Teams: Die Yachten werden ab jetzt auf der Tejo-Werft von Pedrouços im Westen Lissabons auf die Regatta vorbereitet, die im spanischen Alicante starten wird – ein goldwerter Deal: Während der letzten portugiesischen Präsenz beim Volvo Ocean Race war Lissabon nur zwei Wochen lang Schauplatz der Hochsee-Regatta und „es kamen 300.000 Besucher. Nach einer Investition von 3 Millionen Euro bilanzierten wir einen Umsatz von 26 Millionen Euro“, so Amaral. Nun können Segelsport-Enthusiasten ein ganzes Jahr lang Törns und technische Vorbereitungen für einen der härtesten und prestigereichsten Segel-Wettbewerbe verfolgen und die Teams kennenlernen, die in Portugal ihr Trainingslager beziehen.
José Pedro Amaral sieht das Ereignis perspektivisch und spricht von der „Sogwirkung der Regatta auf den Wassersport“ allgemein. „Das maritime Abenteuer“ sei ein wichtiger Bestandteil der Kalkulationen von Tourismus-Schaffenden: Tauchen, Surfen, Kanusport, das Studium der Meeresflora und -fauna, Sportfischen (jeder zehnte Portugiese betreibt dieses Hobby) und Bootsausflüge jeder Art sind zukunftsträchtige Investitionsfelder, das belegen viele Studien. Und weil man mit einem Schiff schnell mal den Hafen wechseln kann, setzen die Tourismusbehörden auf Kooperation der Küstenorte und Marinas von Nord nach Süd.
Mit rund 900 km Küstenlänge und 620 km2 Binnenseen und Flüssen kann Portugal sich auf dem Weltmarkt des Wassersports behaupten, der im vergangenen Jahr in Europa 130 Milliarden Euro umsetzte (weltweit 600 Mrd. Euro). Das nautische Freizeitwesen zählt mit einem derzeit jährlich zehnprozentigen Wachstum zu den dynamischsten Märkten überhaupt und macht etwa ein Fünftel des Umsatzes aus. Der deutsche Bundesverband Wassersportwirtschaft bestätigt, dass „Unternehmen mit einem starken Standbein im Exportgeschäft“ an der europaweit um knapp sechs Prozent gestiegenen Nachfrage nach neuen Segel- und Motoryachten partizipieren. Auch Händler gebrauchter Wasserfahrzeuge spüren Aufwind. Portugal spielt dabei eine Rolle und gut ein Drittel aller im Land zugelassenen Boote sind in der Algarve registriert.
Die Region setzt sich international als Navigationsziel durch, bestätigt MarLagos, der Betreiber des Yachthafens in Lagos, dem das International 
Maritime Certification Institute schon 2010 den Titel des besten Yachthafens auf der Iberischen Halbinsel verlieh. Doch zum Lob gesellt sich Kritik: Zwischen Vilamoura und Vila Real de Santo António seien die Möglichkeiten unausgereift, klagen viele Skipper. Die Sportboothäfen in Olhão, Tavira und Faro seien zu klein, in der Ria Formosa gebe es zu wenig Ankerplätze und die Westküste bis hinauf nach Sines sei „für Bootsurlauber eine Wüste.“ Eine vom Wirtschaftsministerium eingesetzte Arbeitsgruppe zur Bewertung langfristiger öffentlicher Infrastrukturprojekte hat die Erweiterung und Optimierung der Yachthäfen auf die Prioritätenliste gesetzt; bis 2020 stehen 10 Millionen Euro zur Verfügung.
Die Rechnung, Hochwertiges zu fördern, geht auf: Im Jahr 2013 gewann Portugal über fünfzig Auszeichnungen von Reiseveranstaltern, Fachpresse und Urlauber-Portalen aus aller Welt – dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Seitdem wurden es immer mehr. Adres-saten der Offerten sind neben privaten Reisenden auch Firmen und Clubs im Ausland, die im nautischen Sport aktiv sind. Aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den Ländern Skandinaviens kommt ein gutes Echo auf die Angebote aus der Algarve. Und: Der Fremdenverkehr spielt für die Wirtschaft der Region und des Landes eine deutlich größere Rolle als in anderen Ländern. Nahezu sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden im Tourismus erwirtschaftet (EU-Mittel: 3,1%, weltweit: 2,9 %) und fast acht von hundert Arbeitsplätzen sind direkt im Tourismus angesiedelt (EU: 3,1%, weltweit: 3,4 %). Ausgaben der Urlauber vom Flugticket über Taxis und Exkursionen vor Ort sowie Hotelaufenthalt und andere Ausgaben machen über neunzehn Prozent des portugiesischen Auslandshandels aus (EU: 5,3 %, weltweit: 5,4 %), berichtet der Welttourismus-Rat WTTC.

Auch in der Algarve entstehen Filme vom Werbeclip über TV-Dokumentationen bis hin zum Kino-Streifen, die den Süden auf Bildschirme und Leinwände vieler Länder bringt, doch verzichtet die Region bei allen impressionistisch hingetupften Bildern auf das edle Ennui von Gebieten, die sich gerne als elitär verkaufen: Die Algarve präsentiert sich als Mix aus stilvollem Müßiggang neben vibrierendem Erlebnisreichtum und sehr viel Hinterland-Schönheit als Ziel für alle, die das Wasser lieben, ganz gleich ob schwimmend, schnorchelnd oder auf einer luxuriösen Yacht, ob per Jet-Sky oder zum Tauchgang zu versunkenen Schätzen (www.oceanrevival.org) oder auch zu einer idyllischen Küstentour mit Chillout-Musik und landestypischen Speisen, etwa auf der Finismar, einer 15-Meter-Slup, die mit Crew für private, individuell planbare Touren mit bis zu zwölf Personen gebucht werden kann (www.algarvecharters.com).
Das Werben um den Gast findet verstärkt im Inter-net statt: Laut einer Befragung des portugiesischen Nautiksportverbandes plant gut ein Drittel der Wassersport-Interessierten die Ferien online. Jeder potenzielle Kunde sollte deshalb als individuelle Sportlerpersönlichkeit angesehen werden, raten Fachleute aus den nautisch affinen Sparten: Surfer rangieren in der gefühlten Wassersporthierarchie vor den Schwimmern, aber hinter den Tauchern. Jet-Skis sind eine Kategorie für sich, haben aber längst die Fama der maritimen Halbstarken-Kutsche abgeschüttelt. Und wenn am Horizont eine Yacht dahingleitet, sind deren Passagiere meist Individualisten mit gehobenen Ansprüchen.

In der Algarve gibt es ein knappes Dutzend -Marinas und Sportboot-Anleger (tinyurl.com/Portos-Recreio) mit rund viertausend Anlegestellen: Vom Finn-Dingi bis zur Luxusyacht findet jedes Wasserfahrzeug den passenden Steg. Der bisher wenig genutzte Bootsanleger von Alcoutim am Guadiana soll endlich, wie schon seit drei Dekaden gefordert, aufgewertet werden: Der Fluss soll ausgebaggert und bis nach Pomarão im Alentejo schiffbar werden. Bisher erwarten im Alentejo die Sportboothäfen von Tróia, Sines und Amieira Marina (der Binnen-Yachthafen der Alqueva-Talsperre; s. ESA 8/2015), die Bootsbesitzer.
Yachten wie die aus dem Kreativstudio des französischen Designers Philippe Starck, derzeit die nobelsten Privatschiffe auf den Weltmeeren, finden bald in der Algarve den passenden Ankerplatz: Die Marina de Vilamoura blickt in eine Zukunft als exquisitester Yachthafen weit und breit: Die Umgestaltung nach Entwürfen des britischen Architektenbüros Broadway Malyan sieht auf 5.000 m2 Platz für 875 Schiffe vor. Eine Ladenzeile, Restaurants, ein Pool und ein neuer Yachtclub ergänzen das Konzept des futuristischen Komplexes mit klaren, schwungvollen Linien und viel Glas, der „die Rolle Vilamouras als eines der führenden maritimen Reiseziele in Europa betont und jeden überraschen wird, der hierher kommt“, erklären die Baumeister.

Neben der Erschließung der Orte spielt die Technik eine große Rolle. Unterstützende Infrastruktur ist quer durch die Region vorhanden: Wasserfahrzeuge aller Art vom Schlauchboot bis zu hochseegängigen Segel- und Motoryachten können erworben oder gemietet werden, ebenso Einrichtung und Ausrüstung, Motoren, Elektronik für Navigation und Kommunikation auf See (www.angelpilot.com). Zudem stehen technisch umfänglich ausgestattete Reparaturdocks zur Verfügung. Auch Kite- und Windsurfausrüstung sowie Taucher- oder Angler-Equipment für Gäste, die sich ohne Motor in die Fluten stürzen, stehen bereit. „Golf ist längst nur noch eine Aktivität unter vielen“, analysiert ein Touristikmanager. Die „Zukunft des Spitzentourismus liegt auf dem Wasser.“
Während die meisten Bootsbesitzer Landgänge 
planen und zur Freude von Gastronomen, Händlern, Taxifahrern und Kommunen pro Person vor Ort an die zweihundert Euro ausgeben, bereiten sich einige ufernahe Restaurants auf Gäste vor, die das Inkognito bevorzugen. Auserkorene Zulieferer behandeln die zahlungskräftigen Gäste mit höchster Diskretion und liefern edlen Fisch und Meeresfrüchtekreationen per Boot auf die draußen vor Anker liegende Yacht. Geld spielt hier keine Rolle. Andere Kunden holen die Küchenchefs direkt zum Live-Kochen an Bord. Und das Yachtcharter-Unternehmen Just Charters hat sich mit dem Caterer Fine Dining in Style (www.finedininginstyle.eu) aus Almancil zusammengetan: Die 17-Meter-Motoryacht Só Para Ti mit einem Hautecuisine-Team an Bord wird zum schwimmenden Luxusrestaurant für private und geschäftliche Treffen.
Und die Strände der Algarve sind gleichsam die Loge am Bühnenrand dieses nautischen Schauspiels und die Landratte auf dem Strandtuch träumt sich hinaus auf eines der schillernden Gefährte.
Text: Henrietta Bilawer
ESA 07/16

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