Lagoas goldene Küste II

Die in der letzten Ausgabe vorgestellte Wanderung zwischen Praia da Marinha und Benagil machte Lust auf mehr. Daher beschlossen wir, nun die Küste von Lagoa gen Osten bis zur Kapelle der Nossa Senhora da Rocha zu erkunden. Fazit: beeindruckend!

Entlang der 17 Kilometer langen Kalkstein-Küste von Lagoa liegen zirka 40 Strände. Allein zwischen Praia da Marinha und Senhora da Rocha sind es 13. Die meisten der Strände sind jedoch vom Land aus nicht zugänglich. Es sind magische Orte, bei deren Erschaffung sich die Natur selbst übertroffen hat. Der Weg vom Marinha-Strand bis zur schmalen Landzunge, auf der die Kapelle der Senhora da Rocha thront (zirka vier Kilometer), ist nicht ausgeschildert. Hier und da stößt man zwar zufällig auf kleine, rote Kreise oder Kreuze, die auf Steine gemalt sind, aber von einer Wegmarkierung kann nicht die Rede sein. Was jedoch kein Problem darstellt. Einerseits, weil man einfach entlang der Klippen wandert und andererseits, weil mehrere, sehr gut erkennbare Trampelpfade vorhanden sind. Startpunkt ist der Parkplatz von Praia da Marinha. Nachdem man den Blick auf einen der schönsten Strände der Welt genossen hat, folgt man dem Zugang zum Strand, steigt jedoch nicht die Treppen hinab, sondern geht weiter geradeaus oberhalb der Felsen. Gleich um die Kurve öffnet sich der Blick auf die Praia do Pau. Der Strand ist nur vom Meer aus zugänglich und auch dies ist wegen der Felsen unter Wasser nicht einfach und erfordert einen erfahrenen Skipper. Trotzdem sieht man hier im Sommer immer wieder einsame Sonnenanbeter. Nach rechts führt ein schmaler Weg direkt am Felsvorsprung entlang – Achtung! – an dessen Ende man rechts einen kleineren Strand sieht, der von Praia da Marinha durch einen Tunnel erreichbar war. Nun muss man um den Felsen schwimmen, um hier in Ruhe verweilen zu können. Zurück zum Hauptweg, laufen wir oberhalb der Praia do Pau und kommen gleich an deren Ende zu einer ersten Doline. Bis Senhora da Rocha gibt es insgesamt 12 Dolinen. Die Kalkfelsen der Küste von Lagoa sind besonders stark zerklüftet. Dies erlaubt ein schnelles Einsickern des Wassers. Ein Phänomen, das einerseits eine starke Trockenheit an der Oberfläche verursacht und andererseits zu beachtlichen unterirdischen Wassermengen beiträgt. Das mit Kohlendioxid angereicherte und deshalb leicht saure Regenwasser verursacht eine Lösung des Kalziumkarbonats. Die Klüfte und Spalten erlauben den Transport des Wassers. Im Laufe dieses Prozesses wird der Felsen allmählich abgebaut und die Spalten weiten sich, wobei es zu Ausformung von Dolinen, den sogenannten Algares, kommt. Diese stellen Verbindungen zwischen der Oberfläche und dem unterirdischen System der Galerien und Grotten dar und sind typisch für eine Karstlandschaft. Das schnelle Einsickern des Wassers und das ohnehin trockene Klima führen zu einer typischen mediterranen Vegetation. Hier wachsen vor allem Mastixsträucher, Thymbra- und Thymianarten, Rosmarin, Meerfenchel, Strauch-Melde, Wacholder, Kermes-Eichen und Pinien. Zu dieser Jahreszeit schießen auch die ersten weißen Meerzwiebeln aus dem Boden. Bald werden sie genau wie die hier vorzufindenden Orchideen, Lilien und Küstenstrandsterne blühen. Am nächsten Strand führte die Erosion zu drei großen Grotten. Das Areal ist nicht zugänglich, der Strand dafür leicht mit dem Auto zu erreichen. Die Landzunge am östlichen Ende des Strandes ist daher eine beliebte Angelstelle. Wenigstens für Angler, die nicht unter Höhenangst leiden! Direkt hinter dieser Landzunge liegt ein kleiner Strand in einer Schlucht. Menschen mit Gehbehinderung oder Hüftproblemen müssen in einem großen Bogen um die Schlucht gehen und auf dem breiten Schotterweg, kurz vor den beiden Pinien mitten auf dem Weg, dem Pfad rechts Richtung Küste folgen. Sportlichere können den steilen Trampelpfad an einer Seite der Schlucht hinab und auf der anderen hinauf nehmen. Kurz darauf wird man mit einem Blick durch ein enormes, im Boden entstandenes „Fenster zum Meer“ belohnt. Einige Meter unter uns schimmert das türkisblaue Wasser des Atlantiks. Noch Anfang Januar, als die Wellen mit gewaltiger Wucht gegen Portugals Küste schlugen, hätten wir diese Wanderung nicht machen und hier nicht stehen können. Heute ist das Meer so ruhig, dass man sich kaum vorstellen kann, dass am 6. Januar die Wellen bis zu über 50 Meter hoch schlugen! Vier weitere Dolinen sind in der Nähe abgegrenzt, bieten jedoch nicht den freien Blick in die Tiefe. Weiter am Felsvorsprung entlang, gehen wir zunächst an einem kleinen Strand vorbei, auf den große Felsbrocken gestürzt sind, bevor wir am Strand Estaquinha ankommen. Hier liegt der Felsenbogen, der oft auf Postkarten von Albandeira abgebildet und ein beliebtes Fotomotiv ist. Obwohl der Strand direkt unterhalb der Tourismusanlage Suites Alba liegt, ist er auch im Sommer praktisch leer. Überfüllt ist hingegen der direkt daneben liegende Strand Albandeira. Das Areal ist zweigeteilt und recht schmal, jedoch sehr beliebt wegen der Landschaft und weil der Strand von Felsen geschützt ist. Durch einen Tunnel gelangt man bei Ebbe zum Estaquinha-Strand. Bei Albandeira kann eine kleine Rast eingelegt werden, denn auch wenn die Strandbar zu dieser Jahreszeit noch geschlossen ist, steht ein Picknick-Platz zur Verfügung. Hinter der Bar geht der Wanderweg über eine kleine Holzbrücke weiter. Nach wenigen Metern kommt man zu drei weiteren Dolinen, von denen eine erneut einen wunderschönen Blick in die Tiefe bietet. Man sollte jedoch stets darauf achten, nicht zu nahe am Felsvorsprung zu stehen. Schließlich weiß man nicht, wie gefestigt die „Schicht“ unter den Füßen ist! Der nächste Strand liegt wieder in einer Schlucht und ist nur durch einen halsbrecherischen Abstieg an der Nordseite erreichbar. Wir bevorzugen daher landeinwärts in einem Bogen um den Strand zu gehen. In der nächsten Bucht erwartet uns ein Felsenriff, das die Form eines U-Bootes hat und Revier von Möwen und Kormoranen ist. Danach erscheint uns eine verkehrte Welt: hoch oben auf der Landzunge, die diesen Strand vom nächsten trennt, tummeln sich die Angler und auf dem Areal des nächsten Strandes sonnen sich über 50 Möwen. Auf der Ostseite des Strandes liegt die letzte Doline dieses Küstenabschnittes. Unser Ziel ist nun auch nicht mehr weit entfernt. Nachdem wir die letzte Schlucht passieren, sind wir am Strand Praia Nova vor der Anlage Vila Nossa Senhora da Rocha. Der zirka 300 Meter lange, schmale Strand ist über eine Treppe erreichbar sowie vom Nachbarstrand Senhora da Rocha, über einen 60 Meter langen Tunnel, der mühsam in den Kalkstein geschlagen wurde und an dessen Wänden viele Meeresfossilien zu sehen sind. Zwischen den beiden Stränden thront auf der schmalen Landzunge, die weit ins Meer reicht, die Kapelle der Nossa Senhora da Rocha. König D. João III ließ im 16. Jahrhundert hier eine Festung errichten. Später – das genaue Datum ist unbekannt – dann auch die Kapelle. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Festung schon stark zerstört worden. Die Erosion am Felssockel führte zu progressivem Absturz des Felsens. Seit Oktober 1963 sind die Festung und die Kapelle als Gebäude öffentlichen Interesses eingestuft und stehen daher unter Schutz. Das Meer und der Wind unterliegen jedoch nicht den menschlichen Gesetzen und werden weiterhin den Felsen erodieren. Zurück zur Praia da Marinha kürzen wir den Weg hier und da etwas ab. Nach insgesamt dreieinhalb Stunden frischer, gesunder, salzhaltiger Luft, die ideal für verstopfte Nasen ist, (praktisch) unbebauter Landschaften und atemberaubenden Felsformationen, erreichen wir nach zirka acht Kilometer revitalisiert unser Ziel!

Anabela Gaspar

ESA 02/14

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