Lagoa de Santo André

Paradies für Wandervögel und Zugvögel

Zwischen Dünen und Meer im westlichen Alentejo lädt eine Lagunenlandschaft zu einem Naturerlebnis ein, wie es auch in Portugal einmalig ist

Menschen im Alentejo sind daran gewöhnt, als die Entdecker der Langsamkeit bezeichnet zu werden. In einer Karikatur steht Gott auf einer Wolke und mahnt seine compadres auf der Erde: „Tut nichts, bevor ich zurückkomme“. Gleichzeitig gehört ein historisches Kuriosum aus der Anfangszeit der Beschleunigung hierher: Graf Jorge de Avilez, Spross einer Adelsdynastie, brachte 1895 das erste Auto überhaupt, das über Portugals Wege rollte, auf die Ländereien der Familie bei Santo André im westlichen Alentejo, wo beim Zusammenstoß mit einem Esel auch gleich der erste Autounfall des Landes passierte. Was oft mehr oder weniger liebevoll verspottet wird, erweist sich hier allerdings als das wahre Kapital: Zeit und Raum. Keine Hektik, kein Massentourismus.
Die Reise beginnt in der Kleinstadt Vila Nova de Santo André, deren Anfänge als dienende Dorfgemeinschaft des mittelalterlichen Jakobinerordens im nahen Santiago do Cacém vermerkt sind. Das Erdbeben von 1755 verwüstete diesen Landstrich; er erholte sich nur langsam. In der Folgezeit erlebte der Ort zweimal ein rasches Wachstum: Um 1850 ließen sich hier zahlreiche Familien aus dem nordportugiesischen Fischerort Ílhavo nieder, denen die dünn besiedelte Alentejo-Küste unberührte Fanggründe und ein besseres wirtschaftliches Auskommen bot. Auch der Reisanbau prosperierte. 120 Jahre später entstand hier eine Reißbrettstadt als Wohnort für die Arbeiter der neuen, aufstrebenden petrochemischen Industrie in der Hafenstadt Sines.
In der Gegend wird gerade das 50-jährige Bühnenjubiläum von António Chainho gefeiert. Er ist hier geboren und als Komponist und „Botschafter der portugiesischen Gitarre“ einer der international wichtigsten Experten für das Saiteninstrument. Abseits der Ortschaften bestimmen Wasser und Wind die Klangfarbe. An der nahen Küste, wo sich der Uferstreifen bis zum Mündungsdelta des Rio Sado über schier unendlich scheinende Kilometer hinweg schnurgerade hinzieht, erstreckt sich 15 Kilometer nördlich von Sines eine Lagunenlandschaft, die wie ein Mikrokosmos alles vereint, was den Alentejo ausmacht: Die Lagoa de Santo André, ein Landstrich in unberührter und geschützter Natur, mit Salzwasser und Süßwasser, ausgedehnten Stränden, Sümpfen und Heide, üppiger, artenreicher Vegetation und grenzenlosen, sanften Dünen, ein Paradies für Flora und Fauna, Stille und Entspannung für den Besucher.

Der Weg zur Lagune führt in eine andere Welt. Vorbei an Löwenzahn und Zistrosen, Dotterblumen, Ginster, Klatschmohn und Mandelbäumen geht es ins Naturschutzgebiet Reserva Natural das Lagoas de Santo André e da Sancha, Letztere ist ein kleineres Süßwassergebilde ganz in der Nähe. Die Lagunen in den Senken der Dünen sind gute Beispiele für mediterrane Küstenseen, die als die verletzlichsten Ökosysteme überhaupt gelten. Die Lagune Santo André hat je nach Wasserstand eine durchschnittliche Ausdehnung von 180 Hektar, kann im Winter aber deutlich größer werden, und ist durch eine Dünenkette vom Meer getrennt. Jedes Jahr im März (bei großer Sommerhitze auch weitere Male im Jahr) wird dieser Sandwall mithilfe von Baggern geöffnet und Schaulustige kommen aus Nah und Fern um zu beobachten, wie sich die aufgewühlten Fluten des Atlantik in die stille Lagune wälzen. Das Schauspiel dauert rund einen Monat, bis der Durchlauf auf natürliche Weise wieder versandet.
In vergangenen Jahrhunderten schaffte sich das Meer solche Durchbrüche auf natürlichem Wege, sodass die Vermischung von Süß- und Salzwasser immer gegeben war. Sie ist notwendig für dieses Feuchtgebiet, in dem auch zahlreiche kleine Bäche verlaufen. „Organische Materie, die sich in der Lagune sammelt, wird auf diese Weise weggespült“, erklärt Dário Cardador, der beim Umweltschutzverband Quercus für diesen Bereich der Alentejoküste zuständig ist. So wird die Versandung der Lagune verhindert und das Wachstum von Algen gedrosselt, die den Strandsee zum Umkippen bringen und anderen Lebenwesen im Wasser den Sauerstoff rauben würden. Mit dem Meerwasser gelangen auch zahlreiche Jungfische in die Lagune und tragen zu ihrem außerordentlichen Artenreichtum bei. Das Aufeinandertreffen von maritimer und kontinentaler Natur reicht bis auf den Boden des zwei bis fünf Meter tiefen Gewässers: Das Sediment besteht aus Meeressand und Schlämmen vom Festland.
Seit vierzig Jahren ist die Lagoa de Santo André Schutzbefohlene und Forschungsobjekt des Naturschutzamtes Instituto da Conservação da Natureza e das Florestas (ICNF) und laut Ramsar-Kommission ein Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung. Bei einer Art Naturzensus zählten Wissenschaftler der Universität Évora hier 284 Wirbeltierarten, über 220 Vogel-, 36 Fisch- und 17 Säugetierarten, sieben Reptilien- und sechs Amphibienarten, berichtet die Biologin Ana Mendes. Um die Entwicklung der Fauna nicht zu stören, gelten an der Lagune strenge Beschränkungen beim Angeln und bei Freizeitaktivitäten, betont Dário Cardador. Als Lohn für die Rücksichtnahme auf die Natur findet der Besucher zu jeder Jahreszeit ein eindrucksvolles Naturschauspiel.

Jetzt im Oktober können die Temperaturen in dieser Senke hinter den Dünen durchaus hochsommerlich werden und die Lagune lädt noch immer zum Baden ein. Gleichzeitig beginnt die Zeit der Zugvögel und die Lagunenlandschaft bestätigt ihren Ruf als eine der wichtigsten ornithologischen Stätten Portugals an der Vogelzugroute zwischen Europa und Afrika. Tausende gefiederte Wintergäste nisten hier bis zum nächsten Frühjahr und man kann unter anderem Rohrweihen, Zwergseeschwalben, Rohrschwirle, Purpurreiher, Bläss- und Purpurhühner, Zwergdommeln, verschiedene Entenarten, Baumfalken, Rothals-Ziegenmelker, Stelzenläufer, Schwarzstörche, Teichrohrsänger und Fischadler beobachten. Die Lebensräume vieler dieser Arten sind bedroht, sodass Ornithologen diese Lagunenlandschaft als „Sanktuarium für Vögel“ bezeichnen. Die örtliche Vogelschutzwarte (Estação Ornitológica Nacional do Monte do Outeirão) lehrt Interessenten, wie Vögel beringt werden, um sie langfristig beobachten zu können. Die Ornithologen veranstalten auch geführte Wanderungen.
Ausgedehnte Spaziergänge sind auch für Besucher empfehlenswert, die den Pflanzenreichtum der Region kennenlernen möchten. Schilf und Sumpfpflanzen gedeihen hier, Gewächse, die sowohl lange Trockenzeiten als auch andauernde Überschwemmungen und einen hohen Salzgehalt von Boden und Wasser tolerieren. Dazu gehören vor allem Leinkräuter, einige davon sind endemische Arten der Iberischen Halbinsel. Man wandert durch kleine Pinienhaine, wo essbare Waldbeeren am Wegesrand locken. Auf den Dünen dehnen sich Wacholdersträucher aus, nebenan wächst Heidekraut, Bruchkräuter ziehen sich über den Boden, der Duft von Thymian liegt in der Luft. Der örtliche Wasserversorger Águas de Santo André hat an der Lagune einen Rundweg von knapp zwei Kilometern Länge durch den sogenannten Salgueiral da Galiza angelegt, der viel Erkenntnis über die Natur, einen einzigartigen Weg durch dieses Habitat und wunderschöne Blicke über die Landschaft erlaubt.
Ein Reisebuchautor, der sich im Jahr 1970 in das menschenleere Gebiet rund um Santo André verlor, schrieb damals: „Zwar ist das Land fruchtbar, aber die hier ansässigen Großgrundbesitzer sind offenbar nicht sonderlich an der Nutzung ihres Bodens interessiert.“ Inzwischen hat sich das geändert. Es gibt andere Eigentümer und in den Niederungen im Hinterland der Lagune gedeihen Obst und Gemüse auf landwirtschaftlichen Nutzflächen, die selten größer als zehn Hektar sind. Auch Getreide, Wein und Olivenbäume, prägen das Landschaftsbild.

Zum Besuch der Gegend um die Lagoa de Santo André gehört unbedingt ein Essen in einem der ortstypischen Restaurants, deren Speisekarten genau wie die Natur das vereinen, was hier heimisch ist. Was für die Algarve-Küche Meeresfrüchte und Sardinen bedeuten, ist in Santo André der Aal in allen Varianten: Gebraten oder geräuchert, als Ragout oder Eintopf. Zum Nachtisch gibt es in Santo André Alcomonias, eine alte lokale Spezialität aus Honig und gerösteten Pinienkernen. Die Menschen sind stolz 
auf Überliefertes, was sich das ganze Jahr über auch in einer Vielzahl traditioneller feiras und Feste äußert.
Es gibt noch sehr viel mehr zu erleben in diesem Stückchen Alentejo, doch ist es auch nicht verkehrt, Eindrücke nicht inflationär zu sammeln. „Deixa o resto“, lass gut sein, es ist genug für den Moment, heißt das auf Portugiesisch – wobei es nahe Santo André ein Dörfchen mit eben diesem Namen gibt: Deixa-o-Resto. Und schon geht die Erkundungstour weiter.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 10/15

Lagoa de Santo André
GPS: 38.058429°, -8.808934°

Info
Vogelbeobachtung: avesnest.com/spc/area_view/7281/
Vogelwarte Estação Ornitológica Nacional do Monte do Outeirão:
eonsantoandre.com
monteouteirao_eon@sapo.pt
Wanderwege im Naturschutzgebiet:
icnf.pt/portal/turnatur/visit-ap/rn/rnlsas

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