Eins mit der Natur

Kajak-Ausflug entlang Lagoas Küste

Die Küstenlinie und ihre Höhlen und Buchten mit dem Boot zu erkunden ist eine Sache, mit dem Kajak eine ganz andere

Die Felsenküste der Algarve ist ohne Zweifel ein Meisterwerk von Mutter Natur. Höhlen, in die die Sonne von oben hereinscheint, bizarre Felsformationen und Brandungstore, bei deren Anblick man schlicht und einfach beeindruckt und sprachlos ist. Die Küste zwischen Ferragudo und Praia da Marinha im Kreis Lagoa ist reich an solchen Schätzen. Kein Wunder also, dass Grottenfahrten zu den beliebtesten Sommeraktivitäten zählen. An Anbietern mangelt es nicht: Von großen Katamaranen über Wasserfahrzeuge, die Piratenschiffen ähneln, bis hin zu kleinen bunten Fischerbooten. Gezielt und sicher werden die Boote in die Höhlen manövriert, doch während die Boote nur in größere Höhlen fahren, kann man mit dem Kajak auch kleinere erkunden, tiefer in die Höhlen vordringen und an Stränden in den Höhlen an Land gehen und diese wahrhaft unglaublichen Naturwunder in aller Ruhe betrachten.
Zu den Anbietern von Kajak-Ausflügen an Lagoas goldener Küste gehört das Unternehmen Wildwatch Algarve. Was es von anderen Anbietern unterscheidet, ist, dass das Team aus Meeresbiologen besteht, die sich engagiert für den Schutz des Atlantiks sowie der Tiere und Pflanzen der Ozeane einsetzen und natürlich Informationen zu den verschiedenen Fisch- und Wasservogelarten geben können. Ein weiteres Plus ist, dass ihre Ausflüge für kleine Gruppen von maximal zwölf Personen organisiert werden.
Treffpunkt ist das Büro von Wildwatch Algarve an der Uferpromenade von Ferragudo. Dort wird man herzlich von Dorinda begrüßt und fühlt sich auf Anhieb unter Freunden. Dorinda spricht fließend Deutsch und Englisch, kommuniziert gut gelaunt auf Spanisch oder Italienisch. Sie verzweifelt lediglich, wenn es um die Sprache Napoleons geht.
Zuerst geht es mit dem Schnellboot über den Arade-Fluss zwischen Ferragudo und Portimão bis zur Flussmündung und dann entlang der beeindruckenden Felsenküste bis zum Strand von Benagil. Der Ausflug führt an den Stränden Praia Grande, Molhe, Pintadinho, Caneiros, Afurada, Vale da Lapa, Paraíso, Carvoeiro und Vale de Centianes vorbei sowie an vielen anderen, die nur schwer oder nur vom Meer aus erreichbar sind. Hier und da hält der Skipper an und gibt Erklärungen zu den zu beobachtenden Wasservögeln. So beispielsweise unterhalb des Leuchtturms von Ferragudo, am Leixão da Gaivota, ein unter Naturschutz stehender Felsen, der das ganze Jahr über einer großen Kolonie von Seemöwen als Zuhause dient und auf dem im Frühjahr Kuhreiher nisten.
Kurz nachdem wir den malerischen Strand von Carvoeiro mit seinen sich am Hang schmiegenden, bunten, traditionellen Algarve-Häusern passieren, zeigt uns André Dias, Eigentümer von Wildwatch Algarve und unser heutiger Begleiter, die als Algar Seco bekannte Felsformation östlich vom Praia do Carvoeiro. Hier befindet sich Boneca (Puppe), eine der wohl bekanntesten Felsformationen der Algarve, die ihren Namen Seeleuten verdankt, für die vom Meer aus betrachtet dieser Felsvorsprung wie ein 
Puppengesicht aussah. Ein schmaler Tunnel führt zu der romantisch anmutenden Höhle mit zwei „Fenstern zum Meer“, die ein beliebtes Fotomotiv der Algarve sind. André erzählt uns auch, dass jeder Junge, der in Carvoeiro aufwächst, eine Mutprobe bestehen muss: Von den Klippen des Algar Seco ins Meer springen. Im Sommer kann man daher die einheimischen jungen Männer bei halsbrecherischen Sprüngen ins tiefe 
Blau beobachten.
Die Entstehung des Algar Seco soll jedoch nicht mit Mut, sondern mit Liebe verbunden gewesen sein. So zumindest die Legende, die besagt, dass an Portugals Südküste der maurische König Benagil lebte, der eine wunderschöne Tochter namens Alfanzina hatte. Die Prinzessin unternahm gerne Spaziergänge entlang der Küste, traf dabei eines Tages den jungen Handwerker Carvoeiro und verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Doch der König verweigerte die Beziehung seiner adeligen Tochter mit dem einfachen Handwerker und so traf sich das verliebte Paar fortan heimlich an den Klippen von Algar Seco. Als der König davon erfuhr, folgte er ihnen und in seinem Zorn ermordete er den unsittlichen Carvoeiro. Die Leiche fiel ins toben-de Meer und wurde von den Wellen davongetragen. Daraufhin ging die Prinzessin jeden Tag zum Unglücksort zurück und trauerte ihrer Liebe nach. Es sollen ihre bitteren Tränen gewesen sein, welche die tropfenartigen Löcher bei Algar Seco in die Felsen höhlten und sich in dem darunter liegenden Naturbecken sammelten.

Es folgen die ersten Grottenbesichtigungen – noch an Bord des Schnellbootes. Die Höhle unterhalb des Leuchtturms von Alfanzina ist die größte dieses 
Küstenabschnitts und wohlmöglich auch der gesamten Algarve-Küste. Was Wind und Wasser hier im 
Laufe der Jahrhunderte geschafft haben, ist wirklich unglaublich.
Kurz vor Benagil, am Praia do Carvalho, steigen wir dann in die Kajaks um. Ab hier und bis zum Praia da Marinha, also zirka fünf Kilometer, wird uns die Kraft unserer Arme treiben. Doch so viel Kraft ist gar nicht nötig und Erfahrung auch nicht. Kajaks sind sehr stabil, was das Umkippen fast unmöglich macht und sie zu steuern ist auch nicht kompliziert. André erklärt kurz wie gesteuert wird und auf was geachtet werden muss, da hier viele Boote unterwegs zu den Höhlen sind. Dann beginnt das Paddel-Abenteuer.

Gleich nach dem Praia do Carvalho erfahren wir die Vorteile einer Grottenfahrt mit dem Kajak. Während Touristen, die mit dem Boot unterwegs sind, schnell hinein und wieder rausfahren, gehen wir an Land und genießen den einsamen Strand im Inneren der Höhle und das kristallklare Wasser. Es folgen einige kleinere Höhlen und Algares, das heißt, Dolinen, die vom Wasser aus zugänglich sind. Jedesmal, wenn wir in eine Höhle fahren, gibt es ein entzücktes, 
ergriffenes „Ah“ und „Oh“.
Dann erreichen wir ein ex-libris der Algarve: die Höhle von Benagil. Einst war der Strand in der Höhle ein einsamer Strand zu dem die Wenigsten Zugang hatten. Nun ist die Höhle meistens gut besucht. Touristen, die vom Benagil-Strand bis zur Höhle schwimmen oder von den Fischerbooten hingefahren werden, sonnen sich und machen 1001 Selfie. Zudem fahren ständig kleinere und größere Boote hinein und wieder hinaus. Von den Bildbandfotos der Gruta de Benagil, die man im Internet findet und mit denen für den Bezirk Lagoa als Reiseziel geworben wird, kann man nur träumen. Doch auch wenn das Traumfoto dank ungewollter Fotomodels nicht gelingt, ist die Höhle trotzdem sehr beeindruckend und schön. André sagt uns augenzwinkernd, dass uns zum Abschluss des Ausfluges eine Höhle erwartet, die genau so schön oder sogar schöner sei als diese, jedoch anders als diese, weiterhin menschenleer ist. Fröhlich paddeln wir weiter. Immer wieder dringen wir in Öffnungen am Felsen hinein, betrachten staunend das Ergebnis jahrhundertelanger Erosion sowie das smaragdgrüne Wasser, das so klar ist, dass der Sand und die Felsen am Meeresgrund deutlich zu sehen sind. Einige Höhlen sind stockfinster, andere lichtdurchflutet.

Am Westende vom Praia da Marinha besuchen wir die für mich schönste Höhle dieses Küstenabschnitts. In ihrem Inneren ist kein Strand, sie ist nicht lichtdurchflutet und auch nicht wie andere mehrere Meter hoch. An manchen Stellen müssen wir sogar darauf achten, dass wir nicht mit dem Kopf gegen den Felsen stoßen. Genau deswegen verkörpert diese Höhle all dies, was ich mir für dieses Entdeckungs-Kajak-abenteuer vorgestellt habe: Ein kleines unterirdisches Labyrinth, das nur mit dem Kajak oder schwimmend erkundet werden kann. Wir fahren durch einen der Eingänge, paddeln bis zum anderen Ende der Höhle, wo das Licht in die Höhle dringt, um den Felsen herum, durch einen anderen Eingang wieder hinein und nehmen dann wieder einen anderen Ausgang, der nur bei Hochwasser benutzt werden kann, da sonst die Felsen zu weit aus dem Wasser ragen. Dann geht es unter den beiden großen Bögen bei Praia da Marinha weiter, an diesem Strand vorbei und schließlich zu unserem Ziel, das gleichzeitig Andrés Lieblingshöhle ist: die Gruta do Capitão. Eine fast so große Höhle wie die von Benagil, an deren Nordseite das Sonnenlicht durch zwei große Dolinen eindringt. André hatte Recht, außer unserer Gruppe ist niemand da. Wir legen eine kleine Verschnaufpause ein, lassen die Eindrücke des Ausflugs Revue passieren und paddeln dann glücklich zum Schnellboot zurück, das uns die ganze Zeit begleitet hat.
Der Ausflug dauert drei Stunden, zwei davon im Kajak. Anstrengender als ein Bootsausflug ist diese Kajaktour auf jeden Fall, aber für die Anstrengung wird man allemal belohnt!

Text & Foto: Anabela Gaspar
ESA 07/16

Wildwatch Algarve
Rua do Infante Santo 73
Ferragudo
Tel.: 282 422 373
www.wildwatch.pt
marketing@wildwatch.pt
FB: Wildwatch Algarve

Wildwatch Algarve hat auch kleinere Kajaktouren im Programm

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